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Das 2×5-Interview: Salih Dogan, Vorsitzender Ausländerbeirat, 35 Jahre, 2 Kinder

2x5_SalihDogan_ganzseitigInterview Dirk Fellinghauer. Foto Arne Landwehr

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BERUF

Warum und wofür gibt es – bei der Gründung 1972 und heute – einen Ausländerbeirat in Wiesbaden?
Damals ging es vorwiegend darum, die Gastarbeiter hier an das Leben zu gewöhnen und Unterstützungsleistungen anzubieten, – wo geht man hin, wenn man eine Wohnung sucht, welche Wege gibt es, um an Arbeitsplätze zu kommen? Im Lauf der Zeit hat man die Integrationspolitik entdeckt. Heute ist der Beirat in erster Linie ein politisches Gremium. Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben kein Kommunalwahlrecht – da ist der Ausländerbeirat eine Brücke zwischen der ausländischen Bevölkerung und der städtischen Politik. Wir haben die Hauptaufgabe, die städtischen politischen Gremien zu beraten in Fragen, die ausländische Bürger betreffen.

Wie hat sich das Verhältnis „der Deutschen“ zu „den Ausländern“ verändert?
Ich gehe davon aus, dass die Menschen ohne Migrationshintergrund einen anderen Blickwinkel bekommen haben. Damals waren es Gastarbeiter, man ist davon ausgegangen, dass sie kommen und dann wieder gehen. Das ist genau nicht so gekommen. Wenn man jetzt in die dritte und vierte Generation schaut, kann man eigentlich nicht mehr von Ausländern sprechen. Die meisten sind hier geboren, viele kennen noch nicht mal das Herkunftsland oder die eigentliche Heimat. Es sind Deutsche mit Migrationshintergrund.

Da könnte man ja auch den Namen „Ausländerbeirat“ überdenken?
Da denken wir schon lange drüber nach. Wir haben den Landesausländerbeirat beauftragt, sich bei der Landesregierung dafür einzusetzen, dass der Name geändert wird, und zwar landesweit einheitlich. Uns schwebt ein Name wie Integrationsparlament vor.

Welches sind Ihre größten Errungenschaften und Erfolge?

Eine Partnerschaft mit einer türkischen Stadt war ursprünglich ein Vorschlag des Ausländerbeirats. Aufgrund des kulturellen Reichtums unter anderem ist die Entscheidung später im Stadtparlament auf Istanbul-Fatih gefallen. Als einen weiteren Haupterfolg kann man das Internationale Sommerfest sehen, das wir dieses Jahr zum 40. Mal gefeiert haben. Man muss anwesend sein und sehen, was da passiert: Das ist ein Zeichen, wie gut Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit zusammen feiern können, so unkompliziert und ohne Barrieren. Gerade, wo der Austausch nicht stattfindet, kommt es zu Konflikten. Da kommen Ängste auf. Da entwickeln sich Bauchgefühle, die gar nicht zutreffen würden, wenn man mit dem Gegenüber sprechen würde.

Wie wichtig ist die Wahl zum Ausländerbeirat am 29. November?
Die Wahl ist sehr wichtig. Es ist sehr wichtig, dass man überhaupt die Möglichkeit hat, einen Ausländerbeirat zu wählen. Ich weiß, wie kritisch die Wahlen gesehen werden, weil die Wahlbeteiligung extrem niedrig ist, durchschnittlich bei 10 Prozent. Ich kenne ja die Gründe dafür – etwa, dass sich die Wahlprogramme der Listen sehr gleichen, weil alle Menschen mit Migrationshintergrund ähnliche Erfahrungen und Probleme haben. Die Wahlbeteiligung ist aber kein Indikator dafür, wie wichtig oder unwichtig der Ausländerbeirat ist.

MENSCH

Sie haben 1999 mit 19 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Warum?
Die Entscheidung wurde gemeinsam mit der Familie getroffen. Das war für mich nochmal so ein Meilenstein, was meine Integration betrifft. Bis dahin war ich, auch als ich hier zur Schule gegangen bin, rechtlich gesehen ein Türke, ein Ausländer. Wenn man mit diesem Gefühl aufwächst, fühlt man sich nicht zu hundert Prozent zugehörig. Man hat immer wieder solche Ideen im Kopf: Will ich mal zurückkehren? Will ich vielleicht mein Abitur hier machen und dann in der Türkei studieren oder dort arbeiten? Mit dieser Entscheidung haben wir uns klar positioniert, dass wir uns für Deutschland entschieden haben, auch wenn wir türkische Wurzeln haben. Das verstärkt dann auch den Integrationswillen.

Ein Schritt, zu dem sich nicht alle hier lebenden Türken entschließen können.
Ich habe das bei der Gastarbeiter-Generation erlebt. Die hatten ja ursprünglich die Idee, nur für ein zwei Jahre hierzubleiben. Diese Idee wurde aber nie Realität. Wenn ich mit diesen Menschen gesprochen habe, haben sie mir nach vierzig Jahren immer noch erzählt: Ach, übrigens, ich will dann zurückkehren! Die traurige Erkenntnis ist, dass die meisten zwar zurückgekehrt sind, aber eben in der Cargo-Klasse, in einem Sarg. Wenn man den Schalter im Kopf nicht umlegt und die Idee aufrecht erhält, zurückzukehren, kommt man nie  wirklich an. Deswegen war es für mich eine klare Ambition, in Deutschland zu bleiben.

Haben Sie Diskriminierung erlebt?
Durchaus. Jetzt vielleicht weniger, aber diese Erfahrung macht man eigentlich permanent. Da ist es aus meiner Sicht ganz wichtig, sich nicht kränken zu lassen, sondern es sollte eine Motivation sein, einen Schritt nach vorne zu gehen, auch beispielsweise im Bereich Bildung oder Arbeit, sich noch stärker anzustrengen.

Sie haben Grundwehrdienst und Zivildienst geleistet – wie kam es dazu?
Damals hieß es, wenn du als – frisch eingebürgerter – Türke zur deutschen Bundeswehr gehst, könnte es schlecht für dich aussehen. Ich habe mich dann erkundigt und meinen Kriegsdienst verweigert. Meine Verweigerung kam relativ spät, weshalb ich zunächst eingezogen wurde und meinen Grundwehrdienst absolviert habe, während im Hintergrund die Entscheidung über die Kriegsdienstverweigerung lief. Meine Verweigerung wurde anerkannt, und so habe ich dann nach dem Grundwehrdienst zum Zivildienst gewechselt. Es war spannend. Im Nachhinein fand ich es supergut, beide Seiten kennenzulernen.

Sie haben drei Wünsche frei für Wiesbaden – welche?
Der erste Wunsch wäre, dass die Stadt weiterhin so weltoffen und tolerant bleibt, wie sie im Moment ist. Als zweites könne ich formulieren, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund sich politisch motivieren und einfach beteiligen. Wenn man sich die Kandidatenlisten für die nächste Kommunalwahl zum Stadtparlament anschaut, sind es nicht so viele mit Migrationshintergrund. Da wird der Anteil in der Bevölkerung gar nicht repräsentiert. Als dritten Wunsch … (überlegt lange) – ich stelle fest, so viele Wünsche sind es gar nicht … – vielleicht mehr Wohnraum und Parkplätze im Stadtbereich.