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Das große 2×5-Interview: Dieter Sarreither, Bundeswahlleiter/Präsident Statistisches Bundesamt

Interview Dirk Fellinghauer. Foto Arne Landwehr. 

Das große 2×5-Interview mit Dieter Sarreither, Bundeswahlleiter/Präsident Statistisches Bundesamt, 65 Jahre, 2 Töchter.

BERUF

Es war zu lesen, Sie hätten vor Ihrer Premiere als Bundeswahlleiter, der Sie qua Amt als Präsident des Statistischen Bundesamtes sind, „schlaflose Nächte“  – warum?

Nach den intensiven Vorbereitungen und vielfältigen Aktivitäten im Vorfeld des Wahltags muss viel zusammenlaufen, damit am Wahltag selbst die Durchführung sicher und reibungslos funktioniert. Wir haben nur eine Nacht, wo wir die volle Aufmerksamkeit der Bevölkerung haben. Und genau in dieser einen Nacht muss es auch funktionieren. Diesen Druck, den das ganze Team spürt, den müssen wir aushalten. Wir sind gut vorbereitet und werden das Ganze gut und sicher und ordnungsgemäß umsetzen. Trotzdem wird in der Wahlnacht auch eine große Last abfallen.

Sie müssen die Bundestagswahl auch schützen – gegen neuartige Angriffe von außen.

Wir können diesmal Möglichkeiten nicht ausschließen, dass Cyberattacken stattfinden. Dies sind ganz abstrakte Gefährdungslagen, wir haben keine konkreten Hinweise. Aber wir sind wachsam. Wir entwickeln Szenarien, um solchen Angriffen entgegenhalten zu können.

Wie gehen Sie gegen mögliche Cyberattacken vor?

Wir werden, das war bei der letzten Bundestagswahl noch nicht so, mit dem Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik und mit dem Cyberabwehrzentrum in Berlin adäquate zusätzliche Schutzmaßnahmen aufbauen. Dort ist die ganze Expertise von verschiedenen Behörden bundesweit gebündelt, über die wir, falls ein Angriff tatsächlich gestartet wird, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen können. Alle bekannten Möglichkeiten eines Angriffs werden jedoch versucht, im Vorfeld abzufedern, bevor ein Schadereignis überhaupt eintritt. Dazu gehört, dass die Meldekette der ausgezählten Wahlergebnisse, zunächst über einen „inneren Kreis“, ein sicheres Verwaltungsnetz läuft, Da kommt von außen niemand ran.

Ihr Haus trägt maßgeblich zum Image Wiesbadens als „Beamtenstadt“ bei. Was heißt dieses Image heute? Die Welt wandelt sich rasant, „der Beamte“ auch?

Von unseren rund 2.200 Mitarbeitern sind rund ein Drittel Beamte und zwei Drittel Angestellte. Wir haben uns in den letzten zwanzig, dreißig Jahren total verändert. Wenn Sie sich hier umschauen, sehen Sie: Es ist alles transparent. Wir haben Glaswände und Kommunikationszonen. Alles hat sich hin zu einer offenen Mitarbeiterkultur gewaltig verändert. Das bestätigen auch Imagebefragungen. Wir tragen wirklich im Herzen, Informationsdienstleister zu sein. Und: Wir haben radikal die Büroausstattung reduziert. Schreibtisch, Stuhl, zwei Sideboards – das war´s. Der PC ist das Element in die Statistikwelt. Alles ist digital geworden.

Gerade hat der Spiegel in einer Reportage das Statistische Bundesamt mit den Attributen „emsig, klug, bizarr, pedantisch“ belegt. Stellen Sie die zumindest bizarr anmutenden Vermessungstätigkeiten auch mal auf den Prüfstand? Oder anders gefragt: Muss das alles wirklich sein?

Der Spiegel hat natürlich eine Auswahl getroffen und den Außenhandel untersucht. Wir machen die Außenhandelsstatistik und bekommen monatlich ungefähr 40 Millionen Datensätze von den Unternehmen in Deutschland. Wenn Sie ein Produkt rauspicken wie der Spiegel, dann klingt das natürlich bizarr. Das wird aber alles auch nachgefragt, wir machen das nicht aus Spaß. Das sind wichtige Basiszahlen. Neben der Wirtschaft haben wir auch die Sozialindikatoren. Wenn Sie Entscheidungen vorbereiten, sollten diese evidenzbasiert sein. Man sollte die Fakten erst mal kennen. Wir haben über 400 Statistikbereiche, die in diesem Entscheidungsprozess von Wirtschaft und Gesellschaft eine wesentliche Rolle spielen. Wir sind auch stolz darauf, dass wir meistens die Institution sind, über die sich bei Diskussionen erst mal alle verständigen können. Wenn es heißt, diese Zahl kommt vom Statistischen Bundesamt, da können sich alle Parteien erst mal drauf verständigen.

MENSCH

Was genau fasziniert Sie ganz persönlich so sehr an Zahlen?

Es ist eigentlich nicht die Zahl selbst. Eine Zahl ist nur das Ergebnis. Sie versuchen im Vorfeld, bestimmte Phänomene zu hinterfragen, zu analysieren – sei es ein Sozialphänomen oder ein Wirtschaftsphänomen. Das ist eigentlich das Spannende an der Sache. Und Sie haben am Ende ein Ergebnis, man spricht von der Reduktion der Komplexität. Ich reduziere wirtschaftswissenschaftliche oder sozialwissenschaftliche Komplexe auf eine Zahl, die eine bestimmte Erscheinung, den wesentlichen Kern eines Phänomens, gut beschreibt.

Sie machen also Zahlen zur spannenden Sache.

Hinter einer Zahl steckt immer eine große Geschichte dahinter. Sie können eine Zahl immer mit gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen in Verbindung bringen. Das Bruttoinlandsprodukt etwa ist eine wichtige Größe  – ein Indikator, der die Wirtschaftskraft eines Landes darstellt. Da wird jede kleinste Schwankung interpretiert durch Analysten – da wird sofort Deutschland anders bewertet, wenn wir diese Zahlen bringen.  Die neutralen Zahlen, die wir vom Statistischen Bundesamt liefern, dienen zum Beispiel auch einer Art Monitoring, wie politische Maßnahmen wirken.

Fahren Sie gerne Paternoster?

Ich gehe jeden Morgen die ungefähr 250 Stufen zu meinem Büro zu Fuß hoch und bin mindestens genauso schnell hier wie der Paternoster. Ab und zu habe ich Besucher, die freuen sich, weil das ein Relikt ist und Technikgeschichte, die immer noch fasziniert. Da fahre ich natürlich mit.

Der erwähnte Spiegel-Artikel behauptet, dass Sie „vermutlich 99,9 Prozent der Bevölkerung gänzlich unbekannt“ sind. Auch wenn die Zahl nicht verifiziert ist: Stört Sie das, oder genießen Sie die Arbeit abseits der persönlichen Aufmerksamkeit?

Was für mich wichtig ist als Indikator, das ist nicht meine Person, sondern die Marke Amtliche Statistik und das Statistische Bundesamt. Und da bin ich sehr zufrieden, mit einem Bekanntheitsgrad über 90 Prozent. Wie häufig das in den Nachrichten zitiert wird, „laut Statistischem Bundesamt …“, das ist mein Ziel. Nicht ich als Dieter Sarreither bin derjenige, sondern tatsächlich das Amt, die Vielfalt der über 2.200 Kolleginnen und Kollegen, die aus über 400 Statistikbereichen ihre Daten erzeugen und verbreiten. Sie sind diejenigen, auf die es ankommt.

Sie verkörpern Korrektheit und Sachlichkeit. Bei welchen Themen oder in welchen Situationen werden Sie emotional?

Wenn ich frühmorgens in einem kilometerlangen Stau stehe, um von Mainz nach Wiesbaden zu kommen, da werde ich manchmal emotional (lacht). Ich wohne auf dem Lerchenberg. Oft fahre ich mit der Mainzelbahn zum Mainzer Hauptbahnhof und dann mit der S-Bahn hier rüber nach Wiesbaden. Das ist der einzige Weg, um diesem emotionalen Stress aus dem Weg zu gehen. Ein anderes Beispiel: Unsere Personalversammlungen finden wegen unserer Baumaßnahmen seit zwei Jahren im Schlachthof statt. Wenn ich dort dann auf der Bühne stehe, dann ist das für mich auch emotional. Das ist schon eine ganz andere Umgebung, und wenn Sie dann in Beziehung setzen – Beamte machen ihre Personalversammlung im Schlachthof … das ist eine komplett alternative Kultur dort, das ist schon klasse. Uns gefällt es wirklich dort! Und das ist jetzt keine Einzelmeinung von mir.

 

Das Statistische Bundesamt im Internet: https://www.destatis.de

Der Bundeswahlleiter (u.a. mit allen Informationen rund um die Bundestagswahl) im Internet: https://www.bundeswahlleiter.de/

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