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Das große 2×5- Interview: Döndü Yazgan, Migrationsbeauftragte Polizei Westhessen, 42 Jahre

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Interview Dirk Fellinghauer. Foto Simon Hegenberg.

Warum wurden Sie Polizistin?

Das war wirklich mein Traumberuf. Schon mit sechs Jahren war für mich klar: Ich gehe zur Polizei, egal, in welchem Land ich lebe. In der Türkei hatte ich Verwandtschaft bei der Polizei. Inspiriert haben mich außerdem „Die drei ???“, aber auch meine deutschen Freunde. Der Vater einer Freundin war Polizist und hat uns immer Geschichten erzählt. Eine weitere Inspiration waren zwei Kollegen, die uns damals Fahrradfahren beigebracht haben in der Jugendverkehrsschule. Die waren so außergewöhnlich nett und aufgeschlossen, das ich gesagt habe: Ich will auch zur Polizei.

Welches sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Wir sind nur im Bereich der Prävention tätig und Ansprechpartner für alle Bevölkerungsgruppen. Für uns ist es wichtig, dass wir Vorurteile abbauen. Ein Schwerpunkt ist Kontaktpflege, zu Migrantenvereinen, Organisationen, Moscheen. Wir arbeiten eng zusammen mit Behörden, Institutionen und dem Integrationsamt Wiesbaden. Wir machen gemeinsame Projekte, um das friedliche Miteinander zu fördern. Ein weiterer Schwerpunkt ist polizeiintern: Wir bilden die Kollegen in interkultureller Kompetenz aus und klären sie auf, wenn es um kulturelle und ethnische Fragen, Sitten und Gebräuche geht. Wir unterstützen die Ermittler mit unserer Sprachkompetenz und versuchen, ihnen beratend zur Seite zu stehen. Wir betreiben Gewaltprävention an Schulen, in Familien und betreiben auch Familienintervention.

Familienintervention – wie können wir uns das vorstellen?

Wenn es zum Beispiel um Zwangsehe geht oder um Gewalt im Namen der Ehre. Neulich war eine junge muslimische Frau bei uns, die ist lesbisch. Die Eltern haben das herausbekommen. Wir suchen dann die Familien auf oder laden sie zu uns ein auf einen Kaffee. Wir haben die Eltern aufgeklärt, damit keine Gewaltaktionen passieren. Wir versuchen präventiv kommunikativ Konflikte zu lösen. Wir können sie natürlich nicht zwingen, wenn sie nicht mit uns reden wollen.  Aber zu 99,9 Prozent reden sie mit uns.  Es ist dann auch ein Anliegen der Familien, gehört zu werden. Die Arbeit ist viel wichtiger geworden. Die Telefone stehen nicht mehr still. Das ist in den letzten fünf Jahren enorm gestiegen, natürlich auch über die vielen Vorträge, die wir halten.

Worüber reden Sie in Ihren Vorträgen?

Wir geben Einblicke in die kulturellen Besonderheiten von Familienstrukturen, etwa die Bedeutung der Mutter, der Großmutter sowie in die kulturspezifische Phänomenbereiche wie den Ehrbegriff oder „Kanun“, das Gewohnheitsrecht der Kosovo-Albaner. Vieles ist da für viele immer noch fremd, da versuchen wir aufzuklären, warum diese Menschen so ticken – warum ein Migrant zur Gewalttat neigt, wenn seine Mutter beleidigt wird, warum Morde im Namen der Ehre geschehen. Woher kommt das? Ist es kulturell, traditionell bedingt? Hat das etwas mit der Religion zu tun oder nicht? Aufgrund des demografischen Wandels hat in Wiesbaden jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund, 48 Prozent, in 25 Jahren hat jeder zweite Wiesbadener einen Migrationshintergrund. Da ist auch wichtig, zu erklären und zu vermitteln, auch den Kollegen. Was kommt da auf uns zu? Genauso agieren wir bei den Migrantenfamilien. Wir erklären ihnen die Gepflogenheiten, die Rechte, die Pflichten als Bürger und auch die Strukturen, die hier in Deutschland existieren, zum Beispiel das Bildungssystem ist vielen nicht bekannt. Und es geht um Respekt, den Umgang miteinander. Leider gibt es bei den Migranten noch Menschen, die leben in ihrer eigenen Welt. Das sind wenige, aber die gibt es.

Nehmen die Ressentiments zu?

Wenn man sich die Entwicklung „derzeit“ anschaut, würde ich sagen, ja. Eigentlich in beide Richtungen. Es gibt Vorurteile und Ängste. Gleichzeitig sind aber auch beide Seiten offener geworden. Man lädt sich ein. Fast jeder hat Freunde mit Migrationshintergrund, Partys sind gut gemischt. Als Kind war das gar nicht üblich, dass man Besuch hatte von Deutschen. Heute ist das ganz normal. Beide Seiten öffnen sich, verlieren Berührungsängste, und von beiden Seiten gibt es Interesse. Das fängt schon mit dem Essen an. Früher hieß es immer, man könne nicht die deutschen Nachbarn einladen, die würden doch das türkische Essen nicht essen. Es ist ganz wichtig, dass man offen miteinander redet auf beiden Seiten. Man darf nicht gleich in die rechte Ecke gestellt werden, nur weil man sich kritisch äußert. Es ist wichtig, dass man die Meinung äußert. Das führt oft dazu, dass man darüber diskutieren kann und diese Ängste eher abbaut, als wenn man gar nichts sagt.

MENSCH

Wann und wie kamen Sie nach Wiesbaden?

Ich kam vor 21 Jahren berufsbedingt nach Wiesbaden, bis dahin war ich in Mittelhessen. Geboren bin ich in Ankara, wo ich gelebt habe, bis ich im Rahmen der Familienzusammenführung 1977  mit sechs Jahren nach Deutschland kam.

Wie haben Sie persönlich den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ und die Zeit seither erlebt?

Was mich in der Folge des Anschlags glücklich gemacht hat, ist, dass die Religionen zusammengerückt sind. Das habe ich so wahrgenommen, dass die Religionen sich positioniert haben, gemeinsam, Hand in Hand. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

Welche Rolle spielt die Religion und die Ausübung des Glaubens in Ihrem Leben?

Ich bin zwar religiös, aber ich übe meine Religion nicht aus.

Welches ist das größte Missverständnis über „den Islam“?

Ein Missverständnis ist, dass man kein Wissen hat, dass man nicht unterscheidet zwischen der Religion und dem Extremismus, das ist ein Problem.

Haben Sie einen guten Vorsatz für das neue Jahr?

Dass wir hoffentlich weiter erfolgreich in unserer Arbeit tätig sein werden und noch mehr Vorurteile abbauen können. Und ich muss für meinen nächsten Halbmarathon trainieren. Ich jogge sehr gerne und mache auch Kettlebell, Training mit Gewichten. Ich bin vorletztes Jahr Marathon gelaufen in Frankfurt und in Istanbul. Und letztes Jahr Halbmarathon in Mainz, den laufe ich dieses Jahr wieder. Ich mache nur noch Halbmarathon, weil meine Knochen das nicht mehr mitmachen. Ich muss anfangen, wieder öfters zu laufen. Mir geht es aber eigentlich weniger um die Zeit, sondern die Partizipation spielt eine große Rolle, es macht halt Spaß. Und es ist mir wichtig, dass ich durchlaufen kann.

Angebote und Kontakte der Migrationsbeauftragten im Internet.

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