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Das große 2×5-Interview: Dr. Dietmar Eisenhammer, 74 Jahre, Ruhestands-Aktivist

Interview: Dirk Fellinghauer. Foto: Arne Landwehr.

BERUF

Sind Sie ein typischer Rentner?

Nein! Seit 2004 bin ich im Vorruhestand – offiziell wurde ich mit 65 verrentet.  Man muss sich neue Tätigkeitsfelder schaffen und auch suchen. Es gilt wirklich „Wer rastet, der rostet“. Als ich 2004 ausgeschieden bin, habe ich mir aufgrund meines europäischen Kopfes gesagt: Wir müssen hier etwas für die Älteren tun. In meiner grenzüberschreitenden Zusammenarbeit während meiner Tätigkeit in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei habe ich gesehen, dass wir den Jugendlichen so viel Geld für Austauschprogramme geben. Das Thema „Ältere und Europa“ war damals aber noch nicht aktuell. Als ich dann 70 war, sagte ich mir, irgendwo ist das Thema ein Selbstläufer geworden, und ich will auch nicht mehr so viel durch die Welt reisen. Man kommt zu einem Punkt, wo man etwas mehr Ruhe sucht. Da kam ich 2010 durch einen Arzt auf die vegane Ernährung und hörte, auch in Wiesbaden gibt es vegane Treffen und vegane Lokale. Seitdem bin ich hier engagiert.

Beruflich waren Sie, thematisch und geographisch, kreuz und quer unterwegs.

Ich habe in Würzburg studiert und wollte dann habilitieren. Da waren aber die Lehrstühle alle weg, dann bin ich nach Hamburg in die freie Wirtschaft zum Preussag-Konzern. Da war ich ein Jahr, in der volkswirtschaftlichen Abteilung. Dann haben sie mich abgeworben nach Düsseldorf, damals gab es noch die Readymix. Sand, Kies, Beton – da war ich vier Jahre. Dann haben sie mich abgeworben nach Mainz in die Staatskanzlei, weil sie da jemanden aus der Wirtschaft suchten. Da hab` ich schon überlegt, sollst du das machen oder nicht. Ich habe es gemacht. Und bin bei der Landesplanung gelandet – Kies, Sand, Zement …

Kies, Sand, Zement – nicht der typische Einstieg in einen „Europa“-Job!

Ich habe über die französische Wachstumstheorie promoviert – in Paris, 67, 68, ich bin eingefleischter 68er – dadurch war mir die französische Sprache sehr zugegen. In der Staatskanzlei sagte man plötzlich: Wir haben die Nachbarn in Luxemburg, Belgien, Frankreich, alle französisch sprechend – also diese ganze Kooperation leitet jetzt mal der Eisenhammer. Das war wirklich ein toller Job. Ich war der Ansprechpartner für alle von draußen und der Ansprechpartner für alle in den Ministerien. Wenn Sie in der Staatskanzlei sind, haben Sie da schon eine gewisse Reputation. Die habe ich genutzt, Aktivitäten gestartet, mich eingebracht, Projekte auf den Weg gebracht. Das war spannend bis zum letzten Moment.  

Waren Sie in der Staatskanzlei der Paradiesvogel?

Ja, das war ich schon ein bisschen. Ich hatte ja mehrere Chefs – den Abteilungsleiter, den Pressesprecher, den Staatssekretär, den Ministerpräsidenten. Der Pressesprecher war auch europäisch ausgerichtet. Mit dem habe ich über 25 Jahre zusammenarbeiten können. Der hat mich auch gefördert und auch den Freiraum gegeben. Das ist ja wichtig, um etwas auf die Beine zu stellen. Mit der Zeit bekommen Sie dann auch eine Selbstständigkeit, dass Sie sich nichts mehr sagen lassen, selbst von höchster Stelle nicht. In der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit müssen Sie einen ganz langen Atem haben. Das geht in ganz kleinen Schritten, manchmal haben wir fünf, sechs Jahre an einem Abkommen gearbeitet, aber am Ende haben wir es bekommen.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um Europa?

Ich bin zuversichtlich, weil Europa eine schöne Sache ist. Manche sagen: Die nehmen uns was weg. Dann sage ich: Du bekommst doch ganz viel. Aber die Vorteile werden schnell vergessen. Sie brauchen keine Pässe mehr, sie brauchen kein Geld mehr, sie werden nicht kontrolliert. Das wird alles als Selbstverständlichkeit genommen. Beim Thema Asylanten denkt jeder Staat nur an sich selbst und nicht an das Gesamte. Je größer so eine Gemeinschaft wird, umso mehr sind die Auffassungen widerstrebend und nicht so leicht unter einen Hut zu bringen. Man muss auch auf diesem Weg vorsichtig sein und darf den anderen nicht verprellen. Man muss sie trotz der Besonderheiten akzeptieren. Das Europa von heute mit der ganzen Rechtslastigkeit oftmals ist schwierig mit den anderen Nationen in Einklang zu bringen. Wir haben nach dem Krieg alle Probleme bewältigt. Wir werden auch die neuen Probleme bewältigen. Vielleicht anders als früher.

MENSCH

Welches sind Ihre prägenden Lebenseinstellungen und Eigenschaften?

Man muss zuversichtlich sein in allen Lebenslagen. Der Humor ist das Wichtigste. Sie können mit dem Humor so unwahrscheinlich ihr Gegenüber entwaffnen, wenn eine Situation schwierig wird. Und Ausdauer ist wichtig – nicht aufgeben! -, Ehrlichkeit und Offenheit. Man braucht diese positive Einstellung. Wenn etwas passiert, sage ich immer, es hätte auch schlimmer kommen können.

Was bedeutet Altwerden für Sie?

Reifen. Erfahrungen. Und sich freuen über das Vergangene. Dass man es soweit gebracht hat. Dieses Reifen, dieses Einbringen von Erfahrung finde ich schön. Und immer zusammen mit Jüngeren! Ich habe nie nur mit Älteren zusammen sein wollen, weil die Älteren ziehen mich von der Energie her in den Keller. Die reden immer nur von der Krankheit. Meine Frau und ich sind 45 Jahre verheiratet – da muss man auch versuchen, das noch auszukosten. Wer weiß, wann man sich auf Wiedersehen sagen muss. Da muss man dankbar sein, dass man noch so leben kann, wie ich es noch darf. Aber es kommt nicht von alleine. Man muss etwas dazu tun. Für mich ist das der Weg der pflanzenbasierten Ernährung.

Welcher „Veganertyp“ sind Sie?

Vegan ist schon eine andere Art, zu leben. Aber das ist doch das Schöne – anstatt immer nur im alten Fahrwasser zu leben. Ernährung ist aber nicht alles. Sie müssen das Thema Bewegung, Sport, Aktivitäten mit in den Mittelpunkt stellen. Ernährung alleine, und dann auf dem Sofa sitzen, das bringt nichts. Ich gehe jeden Tag in mein Fitnessstudio, setze mich jeden Tag in der Früh auf mein Ergometer. Das macht meinen Kopf frei. Wenn ich diese körperliche Anstrengung und Tätigkeit nicht hätte, würde mir etwas fehlen.

Wie kamen Sie zu Ihrer besonderen Frisur?

Ich hatte in Mainz einen Friseur, als ich dort noch in der Staatskanzlei gearbeitet habe. Der war sehr jung und fing immer mehr an, mich in die Höhe zu frisieren. Irgendwann hatte ich dann diese Tolle wie der Schlumpf. Dann kam Beckham mit seinem Irokesenschnitt, da sagte er, jetzt machen wir das doch mal bei dir. Da ist das so entstanden und geblieben. Manchmal überlege ich, es zu ändern, aber es ist nun einfach mein Markenzeichen. Meiner Frau gefällt es auch.

Was raten Sie jungen Leuten heute bei der Berufswahl? 

Wichtig ist es, überhaupt mal im Beruf zu stehen. Oft ist es nicht der Wunschberuf, in den man reinkommt. Also erst mal irgendeinen Beruf beginnen. Und dann vielleicht aus dieser Situation heraus versuchen, den Beruf zu finden, den man gerne möchte. Hilfreich ist, am Anfang im Vorstellungsgespräch einfach zu allem „Ja“ sagen, später kann man immer noch „Nein“ sagen.  Was ich heute so schlimm finde, ist die Hektik, der Termindruck. Es ist so schwierig, da noch Räume der Entspannung zu finden. Wenn man diese Räume aber nicht hat, wird man krank. Da muss man dann auch die Ruhe finden, einfach in den Wald zu gehen. Das ist für mich natürlich einfacher gesagt als für junge Leute, die vor der Herausforderung stehen, ihren Berufsweg zu finden.  Ich beneide die Jugend nicht. Da bin ich manchmal froh, schon so alt zu sein.

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