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Das große 2×5 – Interview: Jutta Fleck, „Die Frau vom Checkpoint Charlie“, verheiratet, 2 Töchter

2x5_JuttaFleckInterview  Dirk Fellinghauer. Foto Simon Hegenberg.

BERUF

Andere machen Ihr Hobby zum Beruf, Sie haben Ihr Schicksal zum Beruf und Lebenswerk  gemacht. Wie kam es dazu?

Das war nicht mein Plan, das hat sich so ergeben. Schon als ich in Bayern lebte, habe ich mit meiner Freundin Ines Veith, die als Journalistin 1984 den ersten Bericht über mich gemacht hatte und u.a. Autorin des Buches „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ ist, Zeitzeugengespräche durchgeführt. 2007 bekam ich vom Land Hessen die Wilhelm-Leuschner-Medaille und die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, hier in Wiesbaden, ein Schwerpunktprojekt „Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ aufzubauen. Ich habe gesagt: Vorstellen kann ich mir das, jedoch nur als freie Mitarbeiterin, die keinem Weisungs- und Direktionsrecht unterliegt und eine dementsprechende Vergütung beinhaltet, da ich dafür in Bayern meine Tätigkeit als Mediaberaterin aufgeben muß. Im September 2009 begann ich als Leiterin des Schwerpunktprojekts „Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ meine Tätigkeit, die in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, angesiedelt wurde.

Als „Frau vom Checkpoint Charlie“ wurden Sie berühmt – die Geschichte Ihrer Inhaftierung wegen eines „schweren Falls von Republikflucht“, Ihres Freikaufs und Ihres Kampfes um ihre beiden Töchter ging um die Welt und wurde mit Veronica Ferres verfilmt – nun klären Sie im Auftrag der Landesregierung über die SED-Diktatur auf. Wie?

Organisation von Zeitzeugengespräche an Schulen, Gymnasien, Universitäten etc. Meine Idee war, dass ich nicht immer nur meine Geschichte erzähle, sondern auch andere Zeitzeugen gewinne, die ihre Erlebnisse mit dem SED-Regime erzählen. Das Projekt „Checkpoint Q“, das ich für die Hessische Landeszentrale konzeptiert habe, spiegelt das mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten in Buch, Broschüren und  Filmdokumentation wieder. Die Autorin, Ines Veith, konnte ich für dieses Projekt zur Mitarbeit gewinnen. Da ich selbst politisch inhaftiert war, hatten die Zeitzeugen Vertrauen in mich, da ich mich sehr gut in ihre Lage versetzen konnte, einfühlsam und behutsam mit Ihnen Interviews geführt habe. Vertrauen ist das wichtigste bei der Aufarbeitung mit den Zeitzeugen.

Was ist Ihre Mission?

Für uns stand fest, diese Geschichten müssen festgehalten werden Meine Mission ist eigentlich die, der Verherrlichung der DDR etwas mit Symbolstatus entgegenzusetzen. Und das kann ich nur mit Hilfe der Zeitzeugen, die selbst berichten, was sie erlebt haben. Es gab nichts zu verniedlichen! Es war ein hartes Regime. Und wenn man da nicht mitgelaufen ist, war man der Willkür natürlich ausgeliefert. Wenn man aufbegehrt hat, wurde man verfolgt.

Sie sprechen aus leidvoller Erfahrung.

Was man als Inhaftierter erlebt hat, das ist so schlimm und menschenunwürdig! Unsere jungen Zuhörer können gar nicht fassen, dass es so etwas überhaupt gegeben hat. Deshalb ist meine Mission: Wir müssen reden. Wir müssen auch den Dialog finden mit der anderen Seite, die das immer noch nicht wahrhaben möchte. Die Täter von damals sind bis heute uneinsichtig. Es gibt das Zitat von Roland Jahn, dem Leiter der Stasiunterlagenbehörde: „Diktatur begreifen, um Demokratie zu gestalten!“. Und das kann man eben nur miteinander. Man hat immer unseren Eltern nachgesagt, ihr habt es gewusst, aber nichts gesagt. Das will ich mir nie nachsagen lassen. So kann ich immer in den Spiegel schauen.

Sie sind eine glühende Verfechterin der Demokratie – auch des Kapitalismus?

Eine Verfechterin des Kapitalismus bin ich nicht, aber ich bin für die demokratischen Werte und für Freiheit. Freiheit ist das oberste Gebot und Gut, was wir haben und wir sollten jeden Tag dafür dankbar sein und es festigen. Ich möchte keine sozialistischen Strukturen mehr haben. Auf keinen Fall, dass habe ich am eigenen Leib erlebt..… und vom „demokratischen Sozialismus“ halte ich persönlich nichts.

MENSCH

Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt, und wie werden Sie den 25. Jahrestag des Mauerfalls begehen?

1989 haben wir das am Fernseher beobachtet und konnten es überhaupt nicht glauben. Am liebsten wäre man nach Berlin gefahren, um mitten im Geschehen zu sein. Aber das war zu weit. Wir haben uns gefreut, meine Töchter und ich. Wir haben uns aber auch gefreut, dass wir ein Jahr zuvor, 1988, schon unsere persönliche Wiedervereinigung hatten. Den Jahrestag möchte ich mal alleine erleben mit meiner Familie. Ich hatte jetzt so viele Veranstaltungen, da muss man sich auch mal abseilen.

Sie haben  Unvorstellbares vollbracht – woher haben Sie die Kraft genommen?

Mit Hilfe anderer Menschen. Alleine hätte ich das bestimmt nicht geschafft. Einen großen Teil haben wir von unserer Mama, eine starke Frau. Die hat alles für uns  drei Kinder getan. Das klingt etwas klischeehaft, aber es ist einfach so. Wir sind für unsere Kinder genau wieder so da und gehen durch Dick und Dünn. Den Rest hat man in der Haft gelernt. Da musste man stark sein, um durchzuhalten. Auch für die diejenigen, für die man mitkämpft, in meinem Fall für die Kinder. Da hilft der Glauben daran, dass man sich irgendwann wiedersieht.

Gab es Momente, in denen Sie ans Aufgeben gedacht haben?

Nein, niemals. Das wäre nie in Frage gekommen, um Gottes Willen. Kämpfen, Kämpfen und nochmals Kämpfen – und das in der ganzen Welt. Es ging immer darum, sich irgendwelche Punkte rauszusuchen, wo man über die Menschenrechtsverletzungen der DDR berichten kann. Man entwickelt da automatisch eine Strategie. Wenn Menschenrechtskonferenzen waren, bin ich auch unterstützt worden von Amnesty International, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte oder Hilferuf von drüben. Die haben dann gesagt, da und da sind Termine, traust du dir das zu, würdest du das durchstehen? Es war nicht einfach.

Wie haben Sie das Erlebte im Nachhinein verkraftet? Sie wirken wie ein durch und durch fröhlicher Mensch.

Ich bin schon immer ein positiv denkender Mensch gewesen. Natürlich gab es auch harte Nackenschläge. Aber man muss immer einen Weg finden für sich selbst. Ich hatte sehr gute Unterstützung, auch einen ganz lieben Pater, Onkel Theo haben wir ihn genannt. Mit ihm habe ich viele Gespräche führen können, als meine Kinder nicht da waren. Später hat uns auch die Aufarbeitung durch das Buch und den Film geholfen. Natürlich steht in dem Moment die Geschichte wieder im Mittelpunkt, und man fühlt sich zurückversetzt. Aber es tut auch gut, darüber zu sprechen. Schlimmer ist es, es nicht zu tun. Jeder, der politisch inhaftiert war, hat irgendwelche Probleme, dass er Albträume hat, nachts schreit oder so, das habe ich auch. Aber ich weiß, wo es herkommt.

Sind Sie eine Heldin?

Nein. Das hätte jede Mutter für ihre Kinder getan. Aber ich kämpfe um meine Leute, nicht bloß um meine Kinder. Ich lasse mir nichts gefallen.


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