| | Kommentieren

Das große 2×5-Interview: Sascha Lenz, Barbetreiber, 44 Jahre, Initiator Initiative Wiesbadener Gastronomen

Interview: Dirk Fellinghauer, Foto: Arne Landwehr. 

Reklame

BERUF

Reklame

Gut ein halbes Jahr Corona liegt hinter uns – was hat die Pandemie in der Wiesbadener Gastroszene bisher angerichtet?

Es findet eine Auslese statt. Einige haben schon geschlossen, wahrscheinlich wird es noch einige mehr treffen in den nächsten Monaten. Viele zehren noch vom Terrassengeschäft und rüsten hier auf. Aber wenn es kalt ist, ist es kalt, Heizstrahler hin oder her. Da wollen die Leute rein. Wenn andere Gastronomen so einfallsreich sind und sagen, die Gäste sollen Skiwäsche anziehen, das sehe ich nicht so. Generell: Die Umsätze sind drastisch eingebrochen. Wir selbst haben zum Glück viele Rücklagen, aber auch das geht irgendwann zur Neige. Viele Vermieter sind nicht gerade kulant. Und wenn die Miete gestundet wird, bringt das auch nichts, wenn man später, wenn noch weniger Geld da ist, noch mehr bezahlen muss. Was uns fehlt, sind die großen Feste. Alle Hoffnungen richten sich jetzt auf den Weihnachtsmarkt.

Die Wiesbadener Gastronomen haben sich in der Krise zusammengeschlossen.

Als der Lockdown kam, habe ich alle meine WhatsApp-Kontakte der Wiesbadener Gastronomen, mit denen ich mich gut verstehe, aktiviert und eine Gruppe gegründet, um uns auszutauschen: Was machen wir mit dem Lockdown, was sind rechtliche Fragen? Es wusste ja keiner, was abgeht, das gab es ja vorher noch nie. Mittlerweile ist die Gruppe auf fast sechzig Gastronomen angewachsen, alles inhabergeführte Läden. Das hat schon einigen geholfen und stärkt den Zusammenhalt.

Es gab auch einigen Unmut. Wie ist der Umgang der Stadt mit euch? Fühlt ihr euch missverstanden? Falsch behandelt?

Bei unserem letzten Treffen im Rathaus kürzlich hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, man nimmt uns auch ernst. Weil wir eine große Gruppe sind mit einem großen Wirkungskreis und auch Druck machen in den sozialen Medien. Wir haben alle Themen kritisch angesprochen, gerade den Mitternacht-Alkohol-Lockdown. Da hat uns die Stadt ihre Sicht erklärt. Für uns ist es immer noch nicht nachvollziehbar, warum wir, die wir Daten aufnehmen und Abstände einhalten, schließen müssen und auf öffentlichen Plätzen 500 Leute stehen dürfen ohne Abstand, und die Polizei macht da gar nichts. Ansonsten war es ein sehr konstruktives Gespräch. Die Stadt hat uns verstanden, worauf wir hinauswollen. Wir haben gebeten, bei zukünftigen Entscheidungen und Aktionen vielleicht vorher mit eingebunden zu werden als Leute von der Basis, die mittendrin sind. Es geht nur gemeinsam. Wenn nur jeder für sich sein Ding macht, sieht die Stadt in einem halben Jahr aus wie ein löchriger Schweizer Käse.

Welche Ansätze gibt es, damit die Gastronomie durch den Herbst und den Winter kommt?

Da muss sich jeder für sich Gedanken machen. Sich vor seinen Laden stellen und gucken: Was kann ich wirklich machen. Die Vorgaben der Stadt für draußen sind Brandschutz, Verkehrssicherheit, wertiges Aussehen. Und drinnen halt Abstand, Plexiglasplatten, Lüfter und Filtersystem. Man kann schon was machen, man muss halt kreativ sein. Das liegt an jedem Gastronomen selbst, es ist natürlich auch eine Geldfrage. Ich habe auch gerade rund 1000 Euro investiert. Es ist ja Geld für die Zukunft. In unserer Gruppe arbeiten wir an der Idee eines Gütesiegels, das den Gästen signalisiert: Hier ist alles okay, hier kann ich hingehen.

Wie verändert sich das Ausgehen?

Es ist noch nicht so richtig einzuschätzen, wo die Reise hingeht. Viele Gäste sagen, es ist toll, was ihr macht, schön dass es weitergeht. Ich glaube, im Winter werden die Gäste länger in den Locations bleiben. Weil das Platzangebot geringer ist, überlegst du dir zweimal: Gehe ich nochmal woanders hin und gebe hier meine Plätze auf, weiß aber gar nicht, ob in dem anderen Laden was frei ist und stehe am Ende da, und hier ist es dann auch besetzt?

MENSCH

Was macht das Leben als Barkeeper so faszinierend?

Der Umgang mit den Leuten. Man ist kreativ, ich komme viel rum in der Welt. Ich bin seit acht Jahren Vorsitzender der Deutschen Barkeeper Union in Hessen, früher war ich aktiv bei Wettbewerben. Jetzt sitze ich teilweise in Jurys, bei Tastings, ich werde von Firmen gebucht. Es ist ein sehr vielschichtiger Beruf, und man lernt wahnsinnig viele Leute kennen. Man bekommt viel mit. Und ich liebe es, Gastgeber zu sein. Das Cocktail machen ist da noch nicht mal so wichtig. Bar bleibt Bar, was Schöneres gibt es nicht.

Du kommst auch mit vielen Promis in Kontakt. Wer hat dich besonders beeindruckt?

In meiner Zeit im Nassauer Hof war die Promidichte sehr hoch. Franz Beckenbauer war sehr cool. Die meisten Promis sind nett. Es gibt aber auch Promis, die kenne ich gar nicht, irgendwelche „Influencer“ oder Sänger, wo die anderen sagen – ey, weißt du, wer das ist? Und ich: Nein, keine Ahnung! Nicht meine Generation Den Dalai Lama habe ich im Nassauer Hof auf seinem Zimmer bedient. Das war eine der beeindruckendsten Begegnungen. Allein schon diese Aura, die dieser Mensch hat

Das Nachtleben geht an die Substanz. Wie schützt du dich und deine Gesundheit?

Ich habe meine Familie, meine Frau und meine Kinder, 9 und 12, das ist mein Ruhepol. Da kann ich mich am besten erholen. Und mit Freunden. Am Wochenende nach Feierabend nochmal auf ein Stündchen in die Bar No. 1 oder in die Litfasssäule ein bisschen quatschen, da komme ich gut runter.

Du bist Eintracht Frankfurt-Fan. Wie intensiv „betreibst“ du deine Anhängerschaft?

Sehr intensiv! Ich habe eine Dauerkarte, bin in der Fanszene unterwegs. Mal schauen, wie es dieses Jahr wird. Ins Stadion zu gehen, lehnen wir noch ab. Wir sagen, entweder alle oder keiner. Aber wer gehen will: auch okay. Wir haben das für uns in der Kurve so beschlossen. Es ist blöd, wenn man mit vielen Leuten oder als Fanclub hingeht, und dann darf der eine rein und der andere nicht. Was soll ich da alleine, das ist ja auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl – davor, danach, während des Spiels.

Über die Eintracht-Fanszene engagierst dich auch für Obdachlose in Wiesbaden.

Anfang 2019 bin ich eingetreten in die Gemeinschaft der „Adler & Friends Obdachlosenhilfe“. Da merkt man, wie gut es einem geht, und es macht Spaß, etwas zurückzugeben. Wir waren während des Lockdowns jeden Tag auf der Straße unterwegs und haben die Obdachlosen versorgt mit Essen, Kleidung, Isomatten, was halt anstand. Es gab Gastronomen, die für uns gekocht haben, wir haben das Essen von Spenden bezahlt. Teilweise gab es da für sie sieben Tage die Woche warmes Essen, das haben sie sonst nie. Zweimal im Monat sind wir in der Teestube. Wir kochen privat und bringen es dann dort zur Ausgabe. Das ist echt gut, da ist richtig was zusammengewachsen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.