| | Kommentare deaktiviert für Der große Test: Mobilität in Wiesbaden

Der große Test: Mobilität in Wiesbaden

_MG_0533-Bearbeitet-2Von André Werner. Fotos Michael Zellmer.

Es gibt viele Wege, sein Ziel in der hessischen Landeshauptstadt zu erreichen. sensor geht  – und fährt – der Sache auf den Grund.

Fahrradstadt? Auto-Metropole? Flanier-Meile? In Wiesbaden liegen zwischen A und B viele Antworten. Topaktuell kommen sie von der gerade veröffentlichten Mobilitäts-Studie „Leben in Wiesbaden 2014 – Fakten und Einstellungen zum Thema Verkehr“. Demnach besitzt jeder Wiesbadener Haushalt 1,7 Fahrräder, aber nur 8% der Wege werden damit zurückgelegt. Demgegenüber stehen 50%, die mit dem eigenen PKW zurückgelegt werden. Wen wundert’s, schließlich steht in 90% aller Haushalte ein Auto zur Verfügung, in 35& sogar zwei oder mehr. Bus und Bahn sind für 30% der Wege das Fortbewegungsmittel der Wahl, vor allem für Besuche in der Innenstadt, und 16% legen wir Wiesbadener zu Fuß zurück. Viele interessante Zahlen, Daten und Fakten, aber wie sieht die Praxis aus? Was sind die Vor- und Nachteile der einzelnen Beförderungsmittel. Wie schnell bringen sie mich ans Ziel? Wie sieht die Umweltbilanz aus?  Wir haben die üblichen Verdächtigen auf einer festgelegten Strecke vom Wiesbadener Hauptbahnhof ins Wiesbadener Westend (kürzester Weg: 2,1 km) getestet.

Zu Fuß
Es ist die natürlichste aller Fortbewegungsarten. Und sie hat sich seit Anbeginn der Menschheit nicht verändert. Einen Fuß vor den anderen setzen, spazieren, flanieren, joggen, rennen, hetzen. Egal wie, Schritt für Schritt kommt man ans Ziel. Ist man allein, findet man Zeit für Muße, man muss sich um nichts anderes kümmern, kann gedanklich abschweifen, die schöne Architektur genießen. Man kann jederzeit stehenbleiben, um irgendwo einzukehren – gleich zum Start unserer Teststrecke zum Beispiel auf der Adolfsallee oder parallel eine „Etage“ höher auf der Moritzstraße –  und sogar der Verzehr von Alkohol ist dabei gestattet. Zugegeben, es ist die anstrengendste Art der Fortbewegung, denn jeder Meter muss durch persönlichen Körpereinsatz zurückgelegt werden. Die Strecke vom Hauptbahnhof ins Westend kann sich gewaltig ziehen, wenn man über den Ring läuft (wo es vor allem Bierstuben sind, in die man einkehren könnte). Schlendert man aber gemütlich durch die Innenstadt, ist es ein abwechslungsreicher Spaß, vor allem bei schönem Wetter.

Kosten: 0 Euro + evtl. Auslagen beim Einkehren
Dauer: zügig  25 Minuten, gemütlich nach oben offen
Umwelt: Fußabdruck ja – CO2 nein

Mit dem Rad
In den letzten Jahren ist es zunehmend im Stadtbild, aber vor allem auch in der politischen Debatte zu sehen: das Fahrrad. Viel ist schon darüber geschrieben worden. Die Topographie Wiesbadens eigne sich einfach nicht fürs Radfahren, die (häufig fehlenden) Radwege seien lebensgefährlich, Autofahrer seien rücksichtslos, Radfahrer seien dreist … Vorneweg: Wer in Wiesbaden mit dem Fahrrad unterwegs sein will und holländische Verhältnisse erwartet, wird enttäuscht werden. Aber: Es tut sich was. Mit der ersten Innenstadt-Fahrradstraße in der Bertram- und Goebenstraße wurde vor kurzem ein zartes Zeichen gesetzt. Und es bleibt zu hoffen, dass weitere folgen werden. Ein mühsam erstelltes, dickes und sehr konkretes Radverkehrskonzept liegt vor, wird aber von der Stadt noch offiziell unter Verschluss gehalten (wer sich dafür interessiert: Mail an hallo@sensor-wiesbaden.de, wir verschicken das Dokument). Natürlich müssen auch die Radfahrer selbst etwas tun. Verkehrsregeln zu achten und verkehrssichere Räder zu benutzen, sollte selbstverständlich sein, ist es aber noch nicht (auch dieser Reporter zieht einen schicken Hut einem lebensrettenden Helm vor, was dumm ist). Vom Bahnhof ins Westend empfiehlt es sich, den Ring zu meiden und stattdessen entlang der Bahnhofstraße, alternativ (und schöner, weil grüner und ruhiger) der Adolfsallee zu strampeln zumindest bis zur Rheinstraße. Abgesehen von fehlenden bzw. plötzlich endenden Radwegen, löchrigem Kopfsteinpflaster und lebensbedrohlichen Situationen auf den großen Straßen macht Radfahren in Wiesbaden  grundsätzlich Spaß. Klar nerven die Berge, aber: mühsam bergauf hin heißt elegant runtersegeln auf dem Rückweg.

Kosten: Fahrrad + regelmäßige Instandhaltung
Dauer: Fix  7 Minuten, gemütlich 20 Minuten.
Umwelt: CO2-frei und sportlich dabei

TIPP: Fahrradkorso an jedem ersten Donnerstag des Monats, Start immer um 18 Uhr am Hauptbahnhof. Nächster Termin: 1. Oktober. Infos hier und hier.

Bus
Viele Linien ergeben ein Netz. Wer vom Hauptbahnhof ins Westend will, hat zum Beispiel die 1, 3, 33, 4, 14 zur Auswahl, Überland-Linien noch nicht mitgerechnet. Die Busse in Wiesbaden sind im Sommer klimatisiert und im Winter geheizt und in der Regel gut bis sehr gut gepflegt. Wenn man nicht gerade zu den Stoßzeiten unterwegs ist, findet man auch einen Sitzplatz. Man kann lesen, sich mit seinen Mitfahrern unterhalten (wenn er nicht gerade am Smartphone klebt), aus dem Fenster schauen oder ein Ründchen schlafen (gerade im morgendlichen Berufsverkehr ein häufiges Bild). Im Bus kommen die unterschiedlichsten Typen zusammen. Wer häufig fährt, hat schon alles erlebt, von freundlichstem Miteinander und Platz anbieten für ältere Menschen bis zu körperlicher Gewalt und heftigsten verbalen Auseinandersetzungen. Wer nur mit einer Linie fährt, kommt relativ schnell ans Ziel. Wer umsteigen muss, wird schnell merken, dass gerade die Überland-Linien nicht immer so gut auf den Stadtverkehr abgestimmt sind. Katastrophal wird es in den späten Abendstunden. An den Wochenenden gibt es zwar Nachtbusse, aber wer schon mal nach Mitternacht am Bahnhof angekommen ist, schaut meist auf leere Anzeigetafeln.

Kosten: 2,70 Euro pro Einzelfahrt, 5-er-Sammelticket 10,60 Euro (=2,12 Euro pro Fahrt), Schwarzfahren 60 Euro, Geheimtipp Kulturticket – mit Eintrittskarten für z.B. Caligari Kino, Schlachthof, Staatstheater und diverse Kulturveranstaltungen ist die Fahrt im RMV-Gebiet inklusive.
Dauer: ca. 15 Minuten
Umwelt: Wenn viele mitfahren gut bis sehr gut, Elektrobusse geplant.

Mit dem Taxi
Eine der bequemsten Varianten, um von A nach B zu kommen. Einsteigen, Ziel angeben, bezahlen, aussteigen, da sein. Der Shuttle-Service bis vor die Haustür hat natürlich auch seinen Preis, und der wurde kürzlich kräftig erhöht: 2,90 Euro Grundtarif (ab 22 Uhr Nachttarif: 3,90 Euro), für die ersten 2 km 2,90 Euro pro km und danach weitere 1,80 Euro. Im Großraumtaxi kommen nochmal 6 Euro Aufschlag dazu.  Für die stolzen Preise gibt es aber Service. Kundige Taxifahrer wissen, wo es noch was zu essen gibt, wo der nächste Geldautomat steht und in welchem Club jetzt noch was los ist. Die Wagen sind traditionell gut ausgestattet und bieten eine Menge Komfort. Der Taxistand am Wiesbadener Hauptbahnhof ist auch immer gut bestückt, der New-York-Style mit am Straßenrand „TAXI!“ rufen führt aber in der Regel nicht zum Erfolg, besser man bestellt sich eine Taxe per Telefon, oder via APP (taxi-deutschland.net)

Kosten: tagsüber 10-11 Euro, nachts 12-13 Euro.
Dauer: je nach Verkehr 7 bis 30 Minuten
Umwelt: Wie Auto, aber dank der neuen Eco-Taxis mit Hybridmotor wesentlich besser (ohne Aufpreis!).

Mit dem Auto
Das liebste Kind der Deutschen und ganz besonders der Wiesbadener. Das Auto ist nach wie vor das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel in der Landeshauptstadt. Irgendwie auch ein bisschen verständlich. MEIN Auto gehört MIR, es bringt MICH dahin wo ICH hin will, ICH fahre dann los, wenn ICH losfahren will. Die große Freiheit war schon immer das Versprechen der Autoindustrie. Sicherlich gibt es auch sehr viele Leute, die auf ein eigenes Auto angewiesen sind. Es gibt aber auch viele Autofahrer, die einfach zu bequem oder zu festgefahren sind um nach einer Alternative zu suchen. Und das, obwohl sie sich regelmäßig über verstopfte Straßen, überteuerte und oftmals nicht vorhandene Parkmöglichkeiten ärgern. Wer vom Hauptbahnhof ins Westend fährt kennt das: Morgens staut es sich auf dem Ring, Parkplatzsuche am HBF (Parkkosten zwischen 3 – 6,40 Euro pro Tag), abends dann das gleiche Spiel zurück und wer im Westend schon mal nach 18 Uhr einen Parkplatz gesucht hat weiß, wie schwierig das werden kann. Dass ein eigenes Auto zu unterhalten nicht gerade günstig ist, lassen wir mal außen vor. Dabei gibt es durchaus Alternativen: Carsharing, Fahrgemeinschaften, und viele Pendler fahren ja auch mit dem Zug nach Frankfurt und nur die letzte Strecke mit dem eigenen Auto. Diese Wege sollten wir weiter gehen. Wie schön wäre eine Stadt, in der wirklich nur diejenigen Auto fahren, die es gar nicht anders machen können und alle anderen flanieren, radeln oder unterhalten sich im Bus (statt immer aufs Smartphone zu gucken).

Kosten: Auto + Benzin + Unterhalt + Parken
Dauer: Je nach Verkehr 7 bis 30 Minuten
Umwelt: Der Bleifuß hat ein Profil aus CO2

Natürlich kann man auch Tretroller fahren, oder Motorrad, oder Rollschuh oder oder oder, aber man kann auch zu Pferd unterwegs sein und zwar von Lissabon durch ganz Europa im Auftrag des Friedens. Wir haben auf unserem Test-Spaziergang einen getroffen, der genau dies tut. Mehr dazu auf www.ZorroForPeace.weebly.com

%d Bloggern gefällt das: