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Der Lustmacher – Die “Hessischen Theatertage” starten heute in Wiesbaden

Theatertage_supergrrrls_seweryn_zelazy_3spVon Dirk Fellinghauer.  Foto Seweryn Zelazny.

Chefdisponent – das klingt eher nach nüchternem Zahlenmensch. Und doch genügt ein kurzes Telefongespräch mit Frank Bettinger, dem Chefdisponenten am Hessischen Staatstheater, um sofort Feuer und Flamme zu sein für sein aktuelles „Nebenprojekt“. Der 1964 geborene Theatermensch ist „automatisch“ auch Chef der diesjährigen Hessischen Theatertage. Diese finden seit 1984 alle zwei Jahre abwechselnd in den Stadt-, Landes- und Staatstheatern Hessens statt. Nach zehn Jahren richtet das Hessische Staatstheater Wiesbaden das Festival zum zweiten Mal aus. Heute geht es los.

Und wenn er so drauf los erzählt, was zwischen dem 18. und dem  28. Juni so alles aus allen möglichen hessischen Theatern in die Stadt kommt, bekommt man unwillkürlich Lust, sich so viel wie möglich davon anzusehen. Bettinger will Theaterfans Lust auf die Theatertage machen, na klar, aber auch Nicht-Theater-Fans. Er holt das Schauspiel herunter vom hohen Ross – durch die Auswahl der 19 Stücke, die Spannendes und Spektakuläres versprechen, durch die Öffnung zur freien Szene und auch in den öffentlichen Raum hinein, durch ein Rahmenprogramm, das – im bewusst „transparenten“ Festzelt am Warmen Damm – vor allem ein Begegnungsprogramm werden soll. Hier sollen nach den Vorstellungen Publikum und Akteure ganz locker ins Gespräch kommen, miteinander reden, trinken, essen, vielleicht auch tanzen. Livemusik unter anderem mit Chris & Taylor (am Samstag) und DJ-Einsätze sind geplant. Wer sich an das manchmal komplett ausschweifende Geschehen im „Neue Stücke aus Europa“-Biennale-Festzelt erinnert, weiß, wie gut das funktionieren kann.

“Supergrrrl” auf der Suche nach anderen Formen von Weiblichkeit

„Funktionieren“ wird sicher auch das Schauspielprogramm. Aus Frankfurt kommt zum Beispiel das Theaterperipherie mit „Supergrrrl“(Foto): Fünf Frauen von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig begeben sich auf die Suche nach anderen Bildern, anderen Formen von Weiblichkeit und stehen vor der Aufgabe: Stereotype zertrümmern, Klischees zerschlagen, Rollenbilder demontieren. Sie treffen auf ein Model, eine Polizistin, eine Pornodarstellerin, eine Geschäftsfrau, eine Boxerin, eine Hebamme, Drag-Queens und -Kings, Feministinnen… Doch was charakterisiert Frau Sein im 21. Jahrhundert?

Reise zu indischer Management-Elite-Uni

Das Staatstheater Darmstadt schickt „Prinz Friedrich von Homburg“ ins Rennen – die Inszenierung wird bei weitem nicht nur wegen des „Promifaktors“ – eine zentrale Rolle spielt der bei „Wetten, dass“ verunglückte Samuel Koch – für Aufmerksamkeit sorgen. „Krishna’s Elite“, das Gastspiel des Flinntheater Kassel, erforscht Werte, Träume und Visionen aber auch den Alltag der indischen Elite-Studenten an der renommiertesten Managementschule Indiens. Das wird sicher nicht nur für EBS-Studenten interessant. Die Wiesbadener Kammerspiele sind mit „Enigma“ am Start. Eröffnnet werden die Theatertage heute von den “Buddenbrooks”. Die Inszenierung von Staatstheater-Intendant Uwe Eric Laufenberg feierte erst vor wenigen Tagen Premiere.

Theater als Event? Aber klar!
Der Mousonturm Frankfurt bringt mit „Nach dem Zorn“ ein „irres Stück, die richtige Antwort auf alle Widerstände und Unruhen in der jüngeren Vergangenheit“ nach Wiesbaden. Die Inszenierung von Stéphane Bittoun verwebt Historisches, Reales und Fiktives auf verschiedenen Erzähl- und Stilebenen sprachenreich und medienübergreifend zu einer aberwitzigen Film-Hörspiel-Bühnenperformance. Theater als Event – was derzeit das Berliner Kulturestablishment nach der Berufung von Chris Dercon zum Chef der Volksbühne in Wallung bringt, wird Frank Bettinger im Juni im „braven“ Wiesbaden mit größter Selbstverständlichkeit und ansteckender Freude zelebrieren. Das alles klingt so aufregend, dass sich die Sorge, dieses Festival könnte arg im Schatten der übergroßen Maifestspiele stehen, schnell als unbegründet erweisen sollte.

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