| | Kommentare deaktiviert für Die Erfindung Wiesbadens als literarischer Ort – Buchpreis-Träger Frank Witzel zu Besuch in alter Heimat

Die Erfindung Wiesbadens als literarischer Ort – Buchpreis-Träger Frank Witzel zu Besuch in alter Heimat

FrankWitzel_3sp

 

Von Alexander Pfeiffer. Foto Kai Pelka.

Das Café van Riggelen in Biebrich sieht nicht mehr aus wie 1969. Auch die Oblaten mit Schoko-Nuss-Füllung, von denen in Frank Witzels Buch „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ die Rede ist, gibt es nicht mehr. Doch es gibt viel zu besprechen mit dem Schriftsteller, der dafür an diesen Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Denn Witzel, geboren 1955 in Wiesbaden, aufgewachsen in der Biebricher Gibb, steht seit Oktober unverhofft im Rampenlicht. Da wurde sein 817 Seiten starkes Romankaleidoskop mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

„Wie sich die Aufmerksamkeit seitdem geändert hat, ist wirklich extrem“, sagt er und schüttelt noch immer ein wenig ungläubig den Kopf. „Selbst mein Briefträger hat mir gratuliert.“ Auch Volker Schlöndorff, ebenfalls gebürtiger Wiesbadener, hat das Buch gelesen. Er wird zwar wohl keinen Film daraus machen. Übersetzungen, Hörbuchfassung und Theaterinszenierungen rollen aber längst an. Plötzlich nimmt die gesamte deutsche Kulturlandschaft den außergewöhnlichen Autor wahr, der zuvor vier Jahrzehnte relativ unbehelligt ein Werk schaffen konnte, das auf den ersten Blick schmal erscheinen mag, sich bei genauerem Hinsehen aber als unglaublich vielschichtig und umfangreich offenbart.

Vom Anarchismus zum mehrdimensionalen Erzählen

1978 erscheint Witzels erster Gedichtband „Stille Tage in Cliché“. In den 80-er- und 90-er-Jahren ist er ein wichtiger Zuarbeiter der Hamburger Edition Nautilus um Lutz Schulenburg und Hanna Mittelstädt, mit denen er einen vom Anarchismus geprägten Kunstzugang teilt. Ab 2001 erscheinen mit „Blue Moon Baby“, „Revolution und Heimarbeit“ und „Vondenloh“ drei Romane zwischen Pop, Paranoia und Philosophie, die ihn als mehrdimensionalen Erzähler ausweisen, ihm aber nicht einen Bruchteil der Aufmerksamkeit verschaffen, die sich mit dem vierten Roman einstellt, dessen sperriger Titel meist zu „Die Erfindung“ abgekürzt wird.

Daneben entsteht ein kaum überschaubares Konglomerat an Zeichnungen, Essays und Musik. Witzel spielt Gitarre und Klavier, komponiert Songs ebenso wie freie, jazzartige Stücke. Nur eins macht er nicht: live spielen. „Schreiben ist das, womit ich nach außen trete. Die Musik ist privat.“ Immerhin, er moderiert seit 2009 beim Webradio ByteFM die Sendung „Me Myself & Why“ und präsentiert „Musik zwischen den Stilen“.

Überhaupt könnte man das „Dazwischen“ als Witzels künstlerische Heimat bezeichnen: Irgendwo zwischen Schreiben, Zeichnen und Musizieren, zwischen Aufnehmen, Filtern und Wiedergeben dreht er seine Bahnen. „Ich gehöre zu einer Generation“, sagt er, „die die Studentenbewegung aus Sicht der kleineren Brüder wahrgenommen hat, Punk interessant fand, aber schon zu alt war, um sich einen Irokesen schneiden zu lassen.“ Aus eben diesem „Dazwischen“ beschreibt sein Roman die politische Bewusstwerdung eines Heranwachsenden vor dem Hintergrund der Ereignisse in der „alten BRD“. Jedoch nicht im brodelnden Berlin, sondern in Biebrich, einem kleinstädtischen Kosmos weit weg von dem, was die Medien ins bruchstückhafte Bewusstsein des Heranwachsenden spülen.

Von Wiesbaden nach Offenbach und zurück

Nach dem Abitur 1974 hat Witzel seine Heimatstadt verlassen und in Frankfurt Sozialarbeit und Soziologie studiert. Später ging es nach Offenbach, wo er bis heute lebt. Zurzeit ist er viel unterwegs, seine Lesungen sind sehr gut besucht. Die in Wiesbaden wird etwas Besonderes – schließlich nennt er alle Schauplätze in der „Erfindung“ mit realem Namen. „Wenn ich in Berlin lese, ist das für die Leute was Exotisches“, sagt er. „Hier werde ich wahrscheinlich 200 Fachleute im Publikum haben, die wissen, ob der ‚Zauberkönig‘ in den 60ern tatsächlich in der Bahnhofstraße war oder doch woanders. Schließlich bin ich kein Historiker. Bestimmte Fehler habe ich bewusst gelassen, weil sie zu meiner Erinnerung gehören.“

„Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist im Verlag Matthes & Seitz erschienen. Frank Witzel liest am 18. Februar auf Einladung des Literaturhaus Villa Clementine im Kulturforum, Friedrichstraße 16. Shirin Sojitrawalla wird den ausverkauften Abend moderieren. 

%d Bloggern gefällt das: