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Die Nacht, die Stadt und der Tod – Ein Kürzestkrimi von Alexander Pfeiffer

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Aus der benachbarten Toilettenkabine dringt ein Poltern und danach nur noch tiefe Stille. Ich halte den Atem an. Nicht so Höfgen. Einer meiner Stammkunden, ein Schauspieler. Soll am hiesigen Staatstheater eine große Nummer sein. Oder hält sich jedenfalls dafür. Lautstark rüsselt er die gerade erstandene Ware von der Klobrille, während die kalten Lichter von der Decke auf den gekachelten Toilettenboden knallen.

„Hast du das gehört?”, frage ich und greife nach der Türklinke.

„Wart mal ’n Augenblick, Mann.” Seine Hand legt sich auf meinen Arm. „Lass uns noch was quatschen.”

Unter den Kunden sind viele, die sich ausquatschen wollen. Kaum haben sie die Ware intus, geht es los. Die denken, sie könnten mir alles erzählen. Dinge, die sie sonst niemandem sagen würden. Als wäre ich eine Art Gespenst. Als wäre ich gar nicht wirklich da.

„Hast du dir schon mal überlegt: Wenn es keinen Gott gibt, wie konnten wir dann auf ihn kommen? Ich meine, die Vorstellung von Gott setzt doch die Existenz Gottes voraus.” Höfgen berauscht sich an seinen eigenen Worten. „Wenn die Vorstellung von Gott also den Menschen von Gott eingepflanzt wurde, was ist dann die Rolle des menschlichen Denkens?”

Hinter meiner Stirn pocht es. Von nebenan kommt jetzt ein Geräusch, als würde Gummi über den gekachelten Toilettenboden schleifen. Im Spalt unterhalb der Trennwand erscheinen zwei Schuhsohlen, deren Spitzen regungslos nach oben deuten. Zur Decke. Zu den kalten Lichtern.

„Glaubst du auch, alle unsere Gedanken sind auf einem Tonband, das uns bei der Geburt ins Hirn gepflanzt wird? Und das spult einfach los.” Höfgens Stimme klingt so kalt, als würde da einer aus einem Kühlschrank heraus sprechen. Ich schaffe es durch die Tür, knalle sie ihm in sein Gesicht, das weiter Worte absondert.

Die benachbarte Toilettenkabine ist nicht verriegelt. Da, wo die kalten Lichter auf den gekachelten Toilettenboden knallen, liegt Benn. Noch ein Stammkunde. Einer meiner wichtigsten. Ein Berliner. Angeblich ein angesehener Arzt. Jedenfalls ist er immer flüssig.

Jetzt wirkt er eher starr. Ganz offensichtlich ist ihm die Ware, die er draußen an der Bar von mir erstanden hat, nicht bekommen. Seine starren Augen schauen zu den kalten Lichtern da oben, als wäre auch er eine Art Gespenst. Ich kann es mir nicht leisten, ihn genau dort für die Polizei liegen zu lassen, wo ich bevorzugt meine Geschäfte mache. Höfgen muss jetzt mit anfassen.

„Geht klar, Mann”, raunt der Mime. „Ich bin dein dienstbarer Geist: Mephistopheles, der das Licht nicht liebt.”

Wir nehmen Benn in unsere Mitte, schleifen ihn aus der Bar wie einen guten Kumpel, der einen Schluck zu viel abbekommen hat. Draußen empfangen uns kalte Lichter, die aufs harte Pflaster der Bleichstraße knallen.

Ich steuere den Platz der deutschen Einheit an, wo unten an der Straßenecke der Kiosk Somar die letzte nächtliche Zuflucht bildet und unter dem gelben Licht der Straßenlaternen der kahle Neubau von gegenüber langgezogene Schatten wirft. Aus den blanken Betonmauern soll eine Sporthalle werden. Darüber ragen Baukräne in den dunklen Himmel.

Benns Gummisohlen schleifen zwischen uns übers Straßenpflaster. Wir legen seinen gespenstischen Körper zwischen den blanken Betonmauern ab, aus denen eine Sporthalle werden soll. Betten ihn auf einen Stapel Zementsäcke, während irgendwo über uns eine Laterne an einem dicken Draht über der Straße im Wind schwankt.

„Starke Inszenierung!” Höfgen nickt anerkennend. „Fehlt nur noch eins.”

„Was denn?”

„Na, der Täter. Der, dem die Polizei das ganze in die Schuhe schieben kann, wenn die Bauarbeiter morgen früh über unseren Freund hier stolpern. Eigentlich die perfekte Rolle für denjenigen, der von der Ware, an der unser Freund sich verschluckt hat, noch mehr in den Taschen hat.”

Er fixiert mich mit einem diabolischen Blick, der auf der Bühne bestimmt gut kommt.

„Jetzt drück mal besser die Stopptaste an dem Tonband deiner Gedanken”, rate ich ihm. „Dein Geist war für heute Nacht dienstbar genug!”

„Nichts da”, geifert der Mime und wirft sich in Pose. „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht. Drum besser wär’s, dass nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element!”

„Quatsch keine Romane, Hendrik!”

„Schon mal was von ‚Faust’ gehört?”

„Du meinst den Goethe-Schinken?”

„Ich meine die hier”, ruft er und dann landen seine Knöchel in meinem Gesicht.

Mein Körper knallt auf den harten Baustellenasphalt, bleibt neben den Zementsäcken liegen, die Benns Körper betten. Wie ein vergessenes Gespenst. Wie ein Gott, auf den noch keiner gekommen ist. Ich schaue auf. Zu den kalten Lichtern da oben, die langsam verblassen. Das letzte, was ich wahrnehme, ist eine Schaufel, die in Höfgens Händen durch die Nachtluft saust. Direkt auf mich zu.

Exklusivabdruck aus der Anthologie: Dostojewskis Erben: „Kurzer Prozess”

(Kurze Krimis mit Langzeitwirkung, hrsg. von Almuth Heuner), Brücken Verlag Wiesbaden, 132 Seiten, 8,90 Euro. www.dostojewskis-erben.de , http://www.brueckenverlag.de/ , http://alexanderpfeiffer.de/