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Die Stimme von nebenan: Neues Sendebewusstsein in Wiesbaden – Podcasts und ihre Macher

Von Laura Ehlenberger. Fotos Kai Pelka.

Eine (im besten Fall) angenehme Stimme, die eine gute Stunde lang aus dem Nähkästchen plaudert und dabei über mal mehr, mal weniger nützliche Angelegenheiten philosophiert: Das nennt sich Podcast. Auch in Wiesbaden mausert sich diese mediale Freizeitgestaltung als Alternative zu langweiligem Fernsehprogramm oder nerviger Radiowerbung. Podcasts lassen sich von jedermann recht einfach überall produzieren, im heimischen Wohnzimmer, im Park oder in einer Bar. Und sie lassen sich überall – und jederzeit ab Abruf – anhören. Unterschiedlichste Persönlichkeiten werden los, was ihnen so auf der Seele brennt, sei es Liebe, Lust, der Job, die Welt im Ganzen oder auch nur über recht banale Alltäglichkeiten.

Enno Uhde ist einer von ihnen: Der 43-jährige stadtbekannte Tausendsassa ist einer der Vorreiter unter den Podcastern. Seit letztem Jahr erhebt er regelmäßig seine Stimme vor den Ohren der Stadt: „Ein Podcast ist genau das richtige, um Wiesbaden mit einer angesagten Innovation zu bespielen.“ Da er sich viel in der Gründerszene herumtreibe und so auch oft mit neuen Trends in Berührung käme, sei für ihn klar gewesen, auf diesen Zug, der gerade rasant Fahrt aufnimmt, aufspringen zu wollen. Mit dem Projekt „Wlansinn“ und dem Internetportal „wiesbaden.eins.de“ bewies Uhde bereits ein Händchen bei der Umsetzung innovativer Konzepte – und nun erneut mit „Wiesbaden Radio & Show“. Im Fokus seines Podcasts stehen ganz klar die Bewohner der Stadt und ihre Geschichten. Uhde führt regelmäßig „inspirierende Gespräche mit Wiesbadener Helden“. Die Produktion gehe er sehr „amerikanisch“ an,  er habe von Anfang an in Staffeln gedacht. „Und im Sommer kommen wieder pro Woche drei Podcasts raus.“

Inzwischen hat der kreative Kopf in achtzig Episoden unzählige Gespräche geführt. Da seien manche Augenblicke natürlich in besonderer Erinnerung geblieben: „Morgen um acht Uhr, so gar nicht meine Zeit, wartete ich beim früheren Wirtschaftsminister und damaligen FDP-Landtagsfraktionsvorsitzenden Florian Rentsch. Als er dann kam, hatte ich noch gar keine Stimme. Oder das Exklusiv-Interview mit Jörg Lichtenberg zur Schließung des Gestüts, oder aber…“ Enno Uhde hat Gefallen an seiner Rolle als Podcaster gefunden: „Es ist ein tolles Medium, weil es dir die Informationen bringt, die du abonniert hast, du lernst Menschen kennen, die du vorher nur vom Namen her kanntest, und hast viel zu lachen.“

Leidenschaft für Situationskomik

Gesprächig und offen für Neues sind auch Julian Leithoff und sein Podcast-Kollege André Georg Haase. Das Herz des 29-jährigen Betriebswirts schlägt für die Bühne und gute Unterhaltung. Nachdem er für einige Zeit im Hessischen Staatstheater aktiv war und auch solo auf Bühnen unterwegs ist, keimte der Gedanke auf, mit einer eigenen Produktion an den Start zu gehen – durch Zufall traf er André Georg Haase, einen 31-jährigen Impro-Künstler und Werbetexter mit zugleich äußerst werbereifer Stimme. „Irgendwie passt die Chemie“, sind sich beide einig. „Zwischen uns entwickeln sich coole, lebendige Momente. Vor dem Mikro klappt das nicht mit jedem.“ Bereichert von diesem Miteinander, quatschten sie inzwischen in einer Reihe an  Folgen ihres Podcasts „Die Therapie“ über Sinniges und Sinnloseres. Hinter Episodentiteln wie „Urlaub in Moll“, „Keine Busfahrt ohne Brusttasche“ oder „Alt und verachtenswert“ steckt die geteilte Leidenschaft zur Situationskomik. Damit die entstehe, müsse aber jeder auf den anderen eingehen. „Dann kann wirklich alles passieren“, verraten sie. „Wir setzen uns zwar ein grobes Thema“, gibt Haase preis, „was daraus wird, wollen wir aber nicht planen.“  Das Ergebnis sind ungezwungene Konversationen über Bartlängen, fehlende Führerscheine und ausgefeilte Geschäftsideen, so zuletzt geschehen bei der Folge „Cheabydo“, die immer Sommer erscheint.  Hinter dem Namen ihres Podcasts verbirgt sich der Anspruch, „ohne Angst frei heraus zu sagen, wonach uns ist.“ Und von „Therapie“-Sitzung zu Sitzung trauten sie sich mehr. Dass das auch auf Nicht-Gefallen stößt, ist beiden bewusst: „So what“, erwidern sie entspannt. „In der Comedy wird nun mal eben ehrlich mit Klischees gespielt.“ Vielleicht mache das den Podcast-Trend aus. „Es ist echt – und nicht geskriptet!“ Mit ihrer „Therapie“ jedenfalls haben sie es schon in die Top 20 der iTunes-Charts in der Kategorie „Comedy“ geschafft.

Subkultur, Punkrock, Hardcore auf Sendung

Acht Folgen hat Falk Sinß seit Ende letzten Jahres bereits zu Mikro gebracht. Der professionelle Journalist, ausgestattet mit einer subkulturellen Spürnase und als Kolumnist „Falk Fatal“ auch im sensor präsent, ist nun auch zu hören: „Polytox“ ist der Titel seines Podcasts und zugleich Onlinemagazins, das er seit schon länger betreibt. Sein Angebot hat der Punk-Liebhaber also um Audio-Aufnahmen erweitert: „Ich stehe selbst auf Podcasts.“ Als Mainzer Student sei er bereits vor gut zehn Jahren Fan davon geworden. „Der Trend kam aus den USA, inzwischen gibt es aber auch viele gute deutsche Produktionen.“ Sinß verfügt zudem über „minimale Radioerfahrung“. Diese, gepaart mit einer grundlegenden Experimentierfreude – als Journalist probiere er sich medial gerne aus –, animierten ihn dazu, Ausschnitte und Gedanken seines Lebens aufzuzeichnen. Bei ihm geht es dabei primär um Subkultur, Punkrock und Hardcore. Eine Podcast-Folge dauert im Schnitt eine Stunde. Produziert wird einmal monatlich bei ihm daheim – und das recht flexibel: „Es gibt keinen identischen Ablauf.“ So läuft bei „Polytox“ mal ein Interview, so zum Bespiel über Skype mit dem New Yorker Künstler Mark Roberts, mal eine Konzertrezension, und mal wird „mit einem Kumpel einfach losgequatscht“, verrät der Musikfreund mit Expertise. „Und natürlich läuft auch Musik.“ Was er sich für seine Stadt wünscht? „Noch mehr Subkultur wäre schön!“

Ein Outlet für den Unsinn in den Köpfen

Last but not least: Die drei Podcaster aus dem hippen Norden, genannt Mikrodilettanten. Phil Schmidt, Gero Langisch und Nicolas Semak produzieren seit 2009 in Berlin. „Eigentlich war der Plan, eine Village People Coverband zu gründen, da jedoch keiner Polizist, Bauarbeiter oder Indianer ist, blieb uns dann nur noch der Podcast“, sagt Schmidt lachend. „Nicolas und Phil kennen sich schon seit mindestens 100 Jahren“, erzählt Langisch. „Beide sind sie aus Hessen. Und Phil, na, der ist aus Wiesbaden. Ich weiß, dass es hier recht grün sein soll und kenne den Schlachthof, bei dem ich im Zuge meiner Punkrockvergangenheit nicht nur einmal vorbeigeschaut habe. N geiler Laden!“ Durch Zufall hätten sich die drei in Kreuzberg kennen gelernt. „Warum Podcast?“, fragen sie und geben die Antwort gleich selbst: „Wir brauchten alle ein Outlet für den Unsinn, der in unseren Köpfen rumschwirrt. Wir haben wohl alle ein großes Mitteilungsbedürfnis. Dass wir diese dysfunktionale Männer-WG aufnehmen und ins Internet schmeißen, lag irgendwie nah.“ Seither debattieren und philosophieren die redseligen (Wahl)-Berliner regelmäßig über Krankheiten, Hitler und ungeklärte Mordfälle. Waschmaschinen, Stalin und das Leben als 40-jähriger Hipster seien aber auch bevorzugte Themen. „Anfangs konnten wir uns nicht vorstellen, dass sich das mehr als zehn Besoffene tatsächlich anhören“, sagen sie. Dem zum Trotz hätten die Mikrodilettanten aber über die Jahre eine äußerst treue Hörerschaft gefunden – und der lasse sich mitunter eine gewisse Sympathie zum Nerdtum nachsagen. „Radio und Fernsehen kann das nicht liefern“, sagt Langisch. „Der Podcast hingegen kann jede Nische bedienen. Es muss nur einer ein Mikrofon vor sich stellen und los reden.“

Die Wiesbadener Podcasts sind hier zu finden:

http://die-therapie.com

http://polytox.org/category/polytox-podcast/

http://viertausendhertz.de/mikrodilettanten/

https://www.facebook.com/radioandshow/

Podcasts aus Wiesbaden und der weiten Welt und Infos rund ums Podcasten auf:

www.podcast.de

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