| | Kommentieren

Kapitalismus neu denken: Friedensnobelpreisträger Yunus schreibt im sensor – und spricht heute in Wiesbaden

Text: Muhammad Yunus. Foto: Nasir Ali Mamun

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus schreibt im sensor über seinen Gegenentwurf zum Egoismus und Fatalismus der Gegenwart.

Nicht weniger als „eine Welt ohne Armut“ ist das Ziel von Muhammad Yunus. Wie dieses Ziel aus seiner Sicht erreicht werden kann, beschreibt der Friedensnobelpreisträger auch in seinem neuen Buch „Ein anderer Kapitalismus ist machbar“, das er heute Abend persönlich in Wiesbaden präsentieren wird.

In dem Buch entwickelt der Erfinder von Mikrokrediten und „Social Business“ die Vision einer neuen, postkapitalistischen Form des wirtschaftlichen Handelns, die bei einer neuen Sicht vom Menschen ansetzt: Dieser sei eben nicht der allein auf Eigennutz ausgerichtete Homo Oeconomicus, dem es nur um individuelle Profitmaximierung geht, sondern mindestens ebenso ein zutiefst soziales, am Gemeinwohl interessiertes Wesen: „Wenn es gelingt, Unternehmen zu etablieren, die diesem Streben des Menschen Raum geben, dann ist das der Beginn einer zivilisatorischen Revolution“. Wir veröffentlichen vorab Auszüge.

Wie der Kapitalismus Ungleichheit hervorbringt

„Viele spezifische Faktoren in den Strukturen der Finanzwelt und Politik der Gegenwart haben zum Problem der Reichtumskonzentration beigetragen. Doch der entscheidende Faktor ist: Dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem wohnt ein grundsätzlicher Trend zur Konzentration des Reichtums inne. Gegen einen weitverbreiteten Glauben müssen wir feststellen, dass die reichsten Menschen nicht notwendigerweise böswillige Manipulatoren sind, die das System mit Hilfe von Schmiergeldern oder Korruption zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Vielmehr arbeitet das derzeitige kapitalistische System ganz von selbst zu ihrem Vorteil.

(…) Auf der einen Seite reichen die Säulen der Reichtumsskala bis in den Himmel, während sie sich beim Rest der Bevölkerung kaum über das Niveau des Bodens erheben. Eine solche Struktur ist nicht nachhaltig. Im Gegenteil, sowohl sozial als auch politisch ist sie eine tickende Zeitbombe, die alles zerstören kann, was wir in den letzten Jahren geschaffen haben. (…)

Das ist nicht das, was die Verfechter klassischer Kapitalismustheorien uns zu erwarten lehrten. Seit der Entstehung des modernen Kapitalismus vor ungefähr 250 Jahren ist das Konzept des freien Marktes als natürliches Regulativ der Verteilung von Reichtum weithin akzeptiert. Man hat uns beigebracht, dass eine „unsichtbare Hand“ den Wettbewerb garantiert, der zum Gleichgewicht der Kräfte auf den Märkten beiträgt und den gesellschaftlichen Nutzen erzeugt, an dem automatisch alle teilhaben.

Von freien Märkten, die der Vermehrung der Gewinne dienen, erwartet man, dass sie einen besseren Lebensstandard für alle produzieren. Zwar hat der Kapitalismus Innovationen und Wirtschaftswachstum gefördert. Aber in einer Welt von himmelschreiender Ungleichheit fragen immer mehr Menschen: „Produziert diese unsichtbare Hand tatsächlich Nutzen für alle in der Gesellschaft?“ Die Antwort scheint klar. Irgendwie muss diese unsichtbare Hand eine starke Voreingenommenheit zugunsten der Reichsten haben – wie sonst könnte die heute schon enorme Reichtumskonzentration immer weiter zunehmen? Viele von uns glaubten dem Satz: „Das Wirtschaftswachstum ist eine steigende Flut, die alle Boote emporhebt.“ Doch dieser Spruch übersieht die verzweifelte Lage jener Millionen, die sich an lecke Flöße klammern oder gar keine Boote haben. (…)

Der Kapitalismus hat beeindruckende technologische Fortschritte und gewaltigen Reichtum hervorgebracht. Doch dies ging einher mit massiver Ungleichheit und furchtbaren Menschheitsproblemen, die durch die Ungleichheit hervorgerufen werden. Wir müssen unseren unhinterfragten Glauben daran aufgeben, dass an persönlichen Gewinnen orientierte Märkte alle Probleme lösen. Stattdessen müssen wir einsehen, dass die Probleme der Ungleichheit nicht mit Hilfe der Ökonomie, wie sie gegenwärtig strukturiert ist, gelöst werden. Im Gegenteil, die Probleme werden, wenn alles bleibt, wie es ist, sehr schnell immer akuter werden. Und dabei handelt es sich nicht um Probleme, die allein die „Verlierer“ im Spiel des kapitalistischen Wettbewerbs betreffen, auch wenn diese Verlierer des kapitalistischen Wettbewerbs die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung darstellen. Nein, diese Probleme wirken sich aus auf die nationale und global soziale und politische Situation, den wirtschaftlichen Fortschritt und die Lebensqualität von uns allen. Sie betreffen auch diejenigen, die der reichen Minderheit angehören.

Die zunehmende Ungleichheit hat zu sozialen Unruhen, politischer Polarisierung und wachsenden Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen geführt. Sie ist der Hintergrund von so unterschiedlichen Phänomenen wie der Occupy Bewegung, der Tea Party Bewegung und dem Arabischen Frühling, dem Brexit-Entscheid Großbritanniens, der Wahl von Donald Trump und dem Anwachsen von rechtsgerichtetem Nationalismus, Rassismus und Gruppen von Wutbürgern in Europa und den USA.

Menschen, die sich abgehängt fühlen und glauben, keine Zukunftsperspektive zu haben, werden zunehmend enttäuschter und wütender. (…) Diese Situation ist für niemanden angenehm, auch nicht für jene, die in den gesellschaftlichen Hierarchien ganz oben stehen. Können die Reichen und Mächtigen wirklich ihr Leben innerhalb von abgeriegelten Wohnbereichen genießen, wo sie sich vor der Lebenswirklichkeit der restlichen 99 Prozent verstecken? Macht es Spaß wegzusehen, wenn man auf der Straße den Armen und Obdachlosen begegnet? Ist es ihnen eine Freude, staatliche Instrumente wie Polizeikräfte und andere Zwangsmaßnahmen zu benutzen, um die unvermeidlichen Proteste derer zu unterdrücken, die in der Hierarchie ganz unten stehen? Möchten sie ihren Kindern und Enkeln wirklich eine solche Welt hinterlassen?

Ich glaube, dass die meisten Reichen diese Fragen mit „Nein!“ beantworten.
Ich glaube nicht, dass reiche Menschen reich geworden sind, weil sie schlechte Menschen sind. Viele von ihnen sind gute Menschen, die einfach das bestehende Wirtschaftssystem genutzt haben, um auf der sozialen Leiter aufzusteigen. Und vielen von ihnen ist es unangenehm, in einer Welt mit einer scharfen Trennung zwischen Armen und Reichen zu leben. (…) Wohltätigkeit und Sozialprogramme sind gut gemeinte Bemühungen, um die vom kapitalistischen System verursachten Verwerfungen einzudämmen. Aber um das Problem wirklich zu lösen, muss das System als solches grundlegend verändert werden.

Der Kapitalistische Mensch und das Wesen des Menschen

Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) wird als Maßstab für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes angesehen, und mangelndes Wachstum des BIP hat schon Regierungen zu Fall gebracht. Die menschliche Gesellschaft ist aber ein großes Ganzes. Sie besteht aus viel mehr als nur aus wirtschaftlichen Aktivitäten, die sich in Zahlen messen lassen. Ihr Erfolg oder Versagen sollte umfassender bewertet werden als ausschließlich auf der Basis stark selektiver ökonomischer Daten.

Das Bruttoinlandsprodukt kann nicht alles abbilden und tut es auch nicht. Aktivitäten, bei denen kein Geld fließt, werden nicht als Teil des BIP gerechnet. Das bedeutet in der Praxis: Vieles von dem, was Menschen zutiefst wertschätzen und was das Wesen des Menschen ausmacht, wird behandelt, als ob es keinen Wert hätte, einfach deshalb, weil kein Geld dabei im Spiel ist. Stattdessen werden die Geldsummen, die für Kriegsgerät und andere Aktivitäten ausgegeben werden, die die Gesundheit der Menschen schädigen oder die Umwelt ausbeuten, dem BIP hinzugerechnet, ungeachtet der Tatsache, dass das dadurch umgesetzte Geld Leid verursacht und nichts zum Glück der Menschen beiträgt. In diesem Sinne misst das BIP zwar ganz akkurat das egoistische Verhalten des Kapitalistischen Menschen. Aber es erfasst nicht das Wesen des Menschen und sein nach Maßstäben der Menschlichkeit erfolgreiches Verhalten. Um dieses beurteilen zu können, bräuchten wir eine neue Messform. Vielleicht sollten wir für die Bemessung des BIP Formen suchen, die den Menschen zugefügten Schaden herausrechnen. Das ergäbe ein BIP minus der Kosten für Verhaltensweisen, die Menschen schädigen und sie daran hindern, ihr Potenzial zu entfalten – Armut, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Kriminalität, Gewalt, Rassismus, Unterdrückung von Frauen und so fort. Natürlich gibt es Herausforderungen für die genaue Definition und Messung dieses neuen, bereinigten BIPs. Aber wir sollten die Idee nicht einfach verwerfen, nur weil sie kompliziert ist. Warum sollten wir an einem Messsystem festhalten, das zwar leicht zu handhaben ist, aber zu einer verzerrten Bewertung weltwirtschaftlicher Wirklichkeit führt? (…) Wir müssen den Kapitalismus neu denken.

Die Gegenökonomien des Unternehmertums

Das Wachstum und die Ausbreitung des Social Business beweist, dass dadurch eine Alternative zum traditionellen, unvollständigen Wirtschaftssystem entstanden ist. Ersetzen wir zwei Grundannahmen des landläufigen Denkens über Ökonomie durch die neuen Realitäten, die uns das Social Business aufgezeigt hat, entsteht eine neue, vollständigere, genauere und effektivere Gegenökonomie.

Als Erstes müssen wir die Annahme über Bord werden, dass Menschen von Natur aus egoistisch sind, und dass deshalb der Egoismus die zentrale Triebfeder ist, die hinter allem wirtschaftlichen Fortschritt steht. Stattdessen können wir feststellen, dass Menschen sowohl egoistisch als auch selbstlos sind, und dass beide Motivationen zu wirtschaftlichem Handeln eingesetzt werden können.

Als Zweites müssen wir mit der Annahme aufräumen, dass es so gut wie allen Menschen in die Wiege gelegt wurde, für andere Menschen zu arbeiten. Stattdessen konnten wir zeigen, dass alle Menschen geborene Unternehmer sind voller unbegrenzter kreativer Fähigkeiten.

Nach diesem Bewusstseinswandel können wir mit der Macht des neuen wirtschaftlichen Denkens die von den existierenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffenen Probleme bekämpfen. Mit Social Business lassen sich alte Übel wie Armut, Hunger, Krankheit, Umweltzerstörung und vieles mehr in die Knie zwingen. Darüber hinaus gibt Social Business Millionen von arbeitslosen jungen Menschen die Gelegenheit, ihre brachliegenden Talente sinnvoll einzusetzen, indem wir sie als Unternehmer behandeln.“

Das Buch „Ein anderer Kapitalismus ist machbar“ von Muhammad Yunus ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Wir verlosen 3 Exemplare – Mail  an losi@sensor-wiesbaden.de

Heute um 18.30 Uhr präsentiert Yunus, nach seinem Auftritt beim diesjährigen Global Social Business Summit in Wolfsburg, sein Buch bei einer Veranstaltung des in Wiesbaden ansässigen weltweit agierenden „Grameen Creative Lab“ im Audimax der Hochschule RheinMain.  https://grameencreativelab.com, https://www.muhammadyunus.org

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: