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Krieg, Gewalt und exquisite Küche: Als Flüchtling kam Ahmet Umeri nach Wiesbaden. Heute ist er erfolgreicher Unternehmer.

_W8B0639_4spVon Ahmet Umeri. Fotos Arne Landwehr.

Als junger Flüchtling kam Ahmet Umeri nach Wiesbaden. Er kam auf die schiefe Bahn und fand den Weg zurück in die Gesellschaft. Heute ist er erfolgreicher Unternehmer. Hier erzählt er seine Geschichte.

,,Erledige jeden Tag die kleinen Dinge auf eine großartige Art und Weise, und du wirst Magie in deinem Leben spüren‘‘ (Alex Silva – Fußballer und Personal Coach)

Meine Lebensgeschichte beginnt in einem ärmeren Stadtviertel der Stadt Pristina im Kosovo. In der Schule war ich Klassenbester, hatte einen Notendurchschnitt von 1,1, habe mit anderen Kindern unbeschwert auf der Straße gespielt und hatte den liebsten und besten Vater, den sich ein Kind nur vorstellen kann. Er war Polizist und konnte mit seinem Einkommen meinen Eltern, meinen beiden Schwestern und mir ein einfaches unbeschwertes Leben sichern. Das übrige Geld sparte er für seinen Traum: Im Alter von 30 Jahren baute er für unsere Familie ein freistehendes, dreistöckiges Haus.

Ich hatte eine sehr schöne und glückliche Kindheit, bis ich 11 Jahre alt geworden bin. 1991 verschlechterte sich die politische Lage im Kosovo und meine Eltern fassten ohne das Wissen von uns Kindern einen folgeschweren Entschluss: Meine Schwestern, meine Mutter und ich sollten den Kosovo verlassen und nach Deutschland fliehen!

Der Trip ins Nirgendwo
Im Sommer 1991begann unser Trip ins Nirgendwo, den ich erst viel später richtig verstanden habe. Mit einem normalen Linienflug ging es zunächst nach Köln. Eine Abschiebung erfolgte nicht, weil eine Bekannte uns mit einer größeren Geldsumme ,,freikaufte“. In Schwalbach im Odenwald lebten wir in einem Wohncontainer. Das Einzige, was in dieser Situation Bestand hatte, waren das Gefühl von Ungewissheit und die ständige schwindende Hoffnung. Nach mehreren Monaten bezogen wir ein Hotel im Odenwald – zu viert in einem Raum, genau wie all die anderen Flüchtlinge, in dem völlig ausgebuchten Hotel. Nach vier weiteren Monaten wurde uns Asyl gewährt, und wir wurden in ein Flüchtlingsheim nach Wiesbaden verlegt. Im Alter von 12 Jahren stand ich zum ersten Mal vor dem großen Gebäude der Homburgerstraße 29, dass 22 Jahre später eine besondere Rolle für mich spielen sollte.

Die vollbelegten Räume waren mit Stockbetten ausgestattet, der Zugang zum Gebäude war streng bewacht. Menschen aus verschiedenen Kulturen, mit verschiedenen Erfahrungen und Weltanschauungen lebten hier auf engstem Raum. Mit 12 Jahren machte ich nun die Erfahrung, dass es nicht einfach ist, wenn Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen in einer schwierigen Lebensphase aufeinandertreffen. Die unterschiedlichen Sprachen und die mangelnde Verständigung führte zur ältesten Kommunikationsform, der Gewalt, und immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen und zu Polizeieinsätzen. Schließlich bezogen wir eine Ein-Zimmer-Wohnung in einem Haus in Medenbach.

„Chancengleichheit“? Zwischen Ironie und Sarkasmus
Nach zwei Jahren in Deutschland, als anerkannter Asylant, unterlag ich der Schulpflicht und begann, Deutsch zu lernen.  Da ich aber zwei Jahre nicht zur Schule gegangen war und meinem Alter entsprechend eingegliedert wurde, habe ich sozusagen zwei Klassen übersprungen … in einer fremdsprachigen Schule, in einem fremden Land. Der Begriff „Chancengleichheit“  bewegt sich in diesem Zusammenhang irgendwo zwischen Ironie und Sarkasmus. Doch nach und nach fand ich Freunde und lernte, mich zurecht zu finden. Nur abends, vor dem Einschlafen, wenn alles ruhig war und ich die fragenden Stimmen in meinem Innern gut hören konnte, begannen die schlimmsten Stunden. „ Wieso hat mein Vater uns verstoßen?“ „ Wieso ließ er uns alleine in dieser fremden Welt?“ Ich liebte ihn noch immer, doch ich bekam keine Antwort auf meine Fragen. Nach zwei Jahren kam mein Vater nach Deutschland. Doch meine Verletzungen hatten Wunden hinterlassen, die es mir unmöglich machten, ihn zu begrüßen. Ich spürte, dass er schockiert was, dass er mich in den Arm nahm und sein bestes gab, das Geschehene irgendwie wieder gut zu machen. Bis heute habe ich nicht geschafft, ihm zu verzeihen, obwohl ich auf rationaler Ebene die Gründe für sein Handeln erkennt habe.

Freiwillig obdachlos – und dann die Wende
Wir zogen nach Kohlheck. Ich besuchte eine andere Schule und lernte, was es bedeutet Ausländer zu sein. Der Übergriffe und der Spott meiner Mitschüler machten mich schnell zum Außenseiter, meine schulischen Leistungen fielen ins Bodenlose und ich schaffte die Versetzung nicht. Im Folgejahr  hatte ich wieder Freude am Lernen und machte meinen Hauptschulabschluss. Über den Berufsunterricht gelangte ich über das „ Start Projekt“ in eine Schreinerei-Lernwerkstatt. Hier landete ich erneut in einem Schmelztiegel von Jugendlichen, die in der Gesellschaft keinen Platz gefunden hatten: Kriminalität, Drogenkonsum und Schlägereien. Das Verhältnis zu meiner Familie verschlechterte sich zunehmend, da meine Familie kein Verständnis für meinen Lebenswandel hatte. Ich packte heimlich meine Sachen und verließ meine Familie, um bei „Freunden“ zu wohnen, doch mein Weg nach unten war noch nicht zu Ende. Ich war obdachlos, hatte eine Parkbank zu meinem Bett gewählt und gelernt, „Freunde“ von Freunden zu unterscheiden. Nach fünf Tagen auf der Parkbank traf ich zufällig meinen Vater in der Stadt. Als Polizist im Kosovo hat er wohl gelernt, verschwundene Menschen zu finden. Er nahm mich sofort mit nach Hause.

Zur damaligen Zeit arbeitete er auf der Domäne Mechthildshausen – ein landwirtschaftlicher Betrieb, der als Sozialeinrichtung der Wiesbadener Jugendwerkstatt geführt wird. Mein Vater schaffte es, mir ein zweiwöchiges Praktikum im Restaurant zu ermöglichen. Ich begann schließlich eine Ausbildung zum Restaurantfachmann. Unsere beiden Vorgesetzten, Herr Zentgraf und Herr Kohl, wussten mit uns umzugehen, und so begann die wichtigste und entscheidendste Veränderung meines Lebens. Sie waren maßgeblich daran beteiligt, dass ich nach vier Jahren meine Ausbildung abschließen konnte und, als einer der ersten auszubildenden überhaupt, als stellvertretender Restaurantleiter eingestellt worden bin. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich zusätzlich als Veranstaltungsleiter beauftragt wurde und erkannte, dass ich hier meine wahre Leidenschaft liegt.

Eines Tages fühlte ich, dass es Zeit geworden ist, weiter zu gehen. Ich verspürte den Wunsch, das Gelernte in einem größeren Rahmen für größere Herausforderungen einzubringen. Vier Monate verliefen meine Bewerbungen trotz sehr guter Zeugnisse und Referenzen ergebnislos. Ich entschied, mich selbständig zu machen. Ich entwickelte ein Konzept für Servicedienstleistungen und Veranstaltungsleitungen im Gastronomiebereich, und bekam nicht nur einen Gründerzuschuss, sondern auch mehrere Agenturen, die mich beauftragten. Sechs Jahre lang arbeite ich, bis ich 2011 den Entschluss fasste, eine Agentur für Personaldienstleistungen zu gründen. Sofort bekam ich die Genehmigung und konnte meinen ersten Mitarbeiter einstellen. Mit 30 Jahren, in dem Alter, in dem mein Vater ein Haus für seine Familie baute, war ich in der Lage, anderen Menschen Arbeit zu geben. Dieser Gedanke erfüllt mich bis heute mit Stolz und Freude!  Ich gründete die Agentur „Friends 2 Lease Personalservice“ und begab mich auf die Suche nach Büroräumen. Über die Stadt Wiesbaden erfuhr ich von einem Gründerzentrum namens „Startblock“ dass kostengünstige Büros an Existenz Gründer Vermietet.

Der merkwürdigste Augenblick in meinem Leben
Das war der merkwürdigste Augenblick in meinem Leben! 22 Jahre, nachdem ich als Kriegsflüchtling in Wiesbaden untergebracht worden bin, stand ich nun, im April 2013, erneut vor dem großen Gebäude, das in meiner Jugend ein Sinnbild für Elend, Gewalt und fehlende Kommunikation stand. Doch nun wurde es zum Brennglas, das meine gesamte Vergangenheit bündelte, und in eine unendlich starke Energie verwandelte. Es wurde der Spiegel meiner Geschichte, meiner Entwicklung und meiner Achterbahnfahrten und gibt mir Kraft, der Zukunft mutig entgegenzutreten. Ich beschloss, meinen besten Freund und Vertrauten Artur Agadjanov mit am Unternehmen zu beteiligen und wir gründeten die „Friends 2 Lease GbR“. Heute sind wir zwei Geschäftsführer, zwei Festangestellte, zwei Teilzeitkräfte, 14 Minijobber, und wir bilden einen Personaldienstleistungskaufmann aus. Ich danke Deutschland dafür, dass meine Familie und ich hier aufgenommen wurden, dass wir Fürsorge erfahren haben und uns gestattet wurde, ein selbstbestimmendes Leben zu führen.  Ich fühle mich diesem Land verpflichtet und möchte meine Dankbarkeit zeigen, in dem ich Arbeitsplätze schaffe, um anderen Menschen ein Stück weiter zu helfen.

 

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