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Lebenswege: Kräfte, Quellen, Grenzen – Sigrid Schellhaas ist eine der bekanntesten Heilpraktikerinnen der Stadt

Von Clia Vogel. Foto Cornelia Renson.

Die Heilpraktikerin Sigrid Schellhaas, seit der Gründung Vorsitzende des Wiesbadener Frauengesundheitszentrums Sirona, hat einen Platz im wichtigsten gesundheitspolitischen Gremium Deutschlands, dem Gemeinsamen Bundesausschuss. „Dieser Ausschuss entscheidet, welche Leistungen die gesetzlichen Kassen übernehmen und gestaltet so unser Gesundheitssystem. Mitglied sind die Vertreter aller gesetzlichen Kassen, der Ärzteschaft, der Ministerien und die Patientensprecher“, erklärt sie. Sigrid Schellhaas vertritt, gemeinsam mit verschiedenen Ärzten, die Patienten: „Ohne medizinisches Fachwissen könnte man in diesem Gremium nicht mitreden.“

Stationen im Zehn-Jahres-Takt

Sigrid Schellhaas arbeitet seit 1974 in Wiesbaden. Die gelernte Erzieherin kam in die Stadt, um Sozialarbeit zu studieren. Doch bald zeigte sich, dass sie sich lieber aktiv in die Politik einmischte als über Büchern zu brüten. Schon während ihrer Erstausbildung in Frankfurt hatte sie in der Jugendzentrumsbewegung und in der Schülerselbstverwaltung gearbeitet. Nun war sie in Asta und Studentenparlament, der Autonomen Bewegung und als Gegnerin der Startbahn West aktiv.

1987 wurde Sigrid Schellhaas Mutter, ab 1989 gehörte sie zum Team des Café Klatsch, damals das wichtigste Café der alternativen Szene in Wiesbaden. „Wir hatten mehrere junge Mütter im Team, und eine Kollegin machte gerade eine Ausbildung zur Geburtsvorbereiterin“, erinnert sich Schellhaas. „Geburt, Kinder und Gesundheit waren bei uns ständiges Thema. Wir waren mit dem gesetzlichen Gesundheitssystem nicht zufrieden.“ Sie entschied sich, Heilpraktikerin zu werden.

1995 eröffnete Sigrid Schellhaas mit anderen Heilpraktikerinnen sowie einigen Hebammen und Geburtsvorbereiterinnen das Wiesbadener  Frauengesundheitszentrum als Verein. Sie war von Anfang an die erste Vorsitzende. „Wir benannten das Zentrum nach der keltischen Göttin Sirona, Hüterin des Wassers und der Quellen. Ihr wird nachgesagt, dass sie die Erde und das Leben gebar.“ Sirona sollte ursprünglich ein Geburtshaus werden. Doch das Team konnte die gesetzlichen Auflagen dafür nicht erfüllen.

Die Sonderstellung von Sirona

Sirona nimmt unter den deutschen Frauengesundheitszentren eine Sonderstellung ein. Es ist das einzige Zentrum in dem es nicht nur um die Gesundheit der Frauen selbst geht. Das Sirona-Team kümmert sich auch um Schwangerschaft, Geburt sowie Entwicklung und Gesundheit der Kinder. „Es ist uns sehr, sehr wichtig auch die Väter einzubeziehen“, betont Sigrid. Die Arbeit mit Paaren und jungen Familien macht die Organisation von Sirona aufwendig. „Wenn gerade ein schwer traumatisiertes Opfer sexualisierter Gewalt zur Beratung bei uns ist, soll die Frau nicht Gefahr laufen, im Flur einen Mann zu treffen“, sagt Sigrid. Das könnte den Heilungsprozess gefährden. Schellhaas selbst bietet bei Sirona Kurse und Beratung zu den Themen Myome (gutartiger Muskeltumor), Wechseljahre, Brustgesundheit an.

Lernen von den Säuglingen

In einem Kurs beobachtet sie zusammen mit den Eltern die Säuglinge. „Wir lernen von den Babys und staunen, was die Kleinen noch können, während wir es schon lange verlernt haben.“ Der Heilpraktikerin ist es wichtig, Menschen aufzuklären und zu informieren: „Es geht nicht darum, eine Entscheidung zu treffen zwischen Schulmedizin und alternativen Heilmethoden. Es geht weit über diese Frage hinaus.“ Nicht das Heilverfahren sei das Wichtige, sondern die Haltung: „Der Mensch soll ein Gewahrsein für seinen Körper entwickeln. Es geht nicht darum Schmerz oder Krankheit zu fühlen, sondern darum, die eigene Befindlichkeit anzuerkennen.“ Jeder Einzelne soll selbst entscheiden können, was für ihn richtig ist um das bestmögliche Lebensgefühl zu haben.

Ihren Standpunkt erklärt die 61-Jährige mit einem persönlichen Beispiel: „Ich hatte vor vielen Jahren eine Schilddrüsenüberfunktion. Man wollte mir die Schilddrüse entfernen. Das hätte bedeutet, dass ich mein ganzes Leben lang Schilddrüsenhormone nehmen muss. Ich wollte nicht abhängig von Tabletten sein und habe mich gegen die OP entschieden.“ Um mit der Krankheit zu leben, musste sie lernen, mit ihrem Körper anders umzugehen. „Ich erforschte, was meine Stressfaktoren sind und auf welchem Fundament meine Leistungsfähigkeit aufgebaut ist.“ Wer seine Kräfte und Quellen kenne, könne fühlen, wo seine Grenze ist. Das helfe, in Stresssituationen zu entscheiden, ob man sich lieber zurückzieht oder ob man eine Grenze bewusst überschreitet. Wissend, dass man anschließend eine Ruhepause braucht.

Das Frauengesundheitszentrum Sirona, das auch stundenweise Räume vermietet, ist ein gemeinnütziger Verein und auf die Unterstützung von Ehrenamtlichen und Spenden angewiesen. Die jährlichen Festkosten für Räume und Versicherungen liegen bei rund 33.000 Euro. Dazu kommen Honorare. Die Stadt Wiesbaden übernimmt durch „institutionelle Förderung“ ein ungefähr ein Drittel der Kosten, also 11.000 Euro. Im Moment sammelt Sirona auch über die Charity-Kauf-Plattform „Bildungsspender“ weitere Mittel.

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