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Lebenswege: Oliver Weiller – Auf der Suche nach der Schönheit

Von Malte Albrecht. Fotos Samira Schulz.

Zaudern ist seine Sache nicht. „Erst machen, hinterher urteilen.“ Oliver Weiller macht vieles an vielen Orten. Und stets mit einem verbindenden Element.

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„Die Digitalisierung hat die Kunst entromantisiert“, sagt Oliver Weiller. Eine neue, offene Kunst schaffe die alten Privilegien und Hierarchien Einzelner als Künstler ersatzlos ab. Worin andere Verrat an der Kunst wittern, sieht der gebürtige Mainzer und Wahl-Wiesbadener Chancen. Denn ohne Computer wäre seine Arbeit nicht möglich. Die präsentiert sich reduziert, in schwarz-weiß, hochaufgelöst. Und sie wirkt wie aus einer anderen Welt.

700 Einzelbilder ergeben ein Ganzes

Die filigranen Objekte sind Protagonisten der neuen Serie „Unfolding Coleoptera“.

Weit aufgespannte Flügel unter ledrig glänzenden Panzern, ausladende Kiefer, mit Dornen besetzte Beine. Angeordnet in Symmetrie. Käfer. Sie sind die Protagonisten der aktuellen Serie „Unfolding Coleoptera“. Sie zeigt die voll ausgewachsenen Käfer auf schwarzem Hintergrund. Die Farbe weicht der Klarheit. Auf der Suche nach der schönen Form ist Weiller zurück zu seinen künstlerischen Anfängen gegangen. Käfer waren Teil seiner ersten Kunstmappe 1993 – eine Einzelaufnahme auf einem der ersten Scanner. Heute bestehen die aufwendigen Makrofotografien aus rund 700 Einzelbildern, die in hoher Auflösung am Computer zu einem einzigen großformatigen Bild zusammengefügt werden.

Zwischen Anfängen und Rückkehr liegen zwei Jahrzehnte, in denen eines deutlich wird: Oliver Weiller lässt sich nicht auf ein Metier reduzieren. Er ist selbstständiger Kommunikationsdesigner, Maler, Fotograf. Das verbindende Element in seinem Schaffen ist die Suche nach dem Schönen in der Welt. Das zeigt auch seine Serie „Reisetagebuch“. In ihr treten Wiesbaden, Barcelona, Wien, New York, Paris gemeinsam auf. Aus der Vogelperspektive bannt er Farben, Formen und Schatten der opulenten, manchmal verspielten Fassaden und Dächer in Öl auf Leinwand. Eine Suche auf den Spuren der Gründerzeit, des Historismus, der Ästhetik der natürlichen Form.

Hang zur Handlung

„Ich habe immer irgendwie irgendwas gemacht.“ Es ist seine Antwort auf die Frage, warum er angefangen habe, Kunst zu machen. Die Beiläufigkeit des Satzes täuscht leicht über die Konsequenz hinweg, die darin zum Ausdruck kommt. Nicht die Begründung einer Handlung ist das Entscheidende, sondern ihr Ergebnis. Es ist der Wille zu wirken, ohne vorher zu wissen, was dabei herauskommt. Dieser Hang zur Handlung ist charakteristisch für Weiller, der „in die Kunst hineingewachsen ist“, wie er erzählt. Es steht nicht die begründete Entscheidung im Mittelpunkt, sondern „das Bedürfnis, zu malen“. Die Geschichte dazu: Teilnehmer des Vorbereitungskurses für die Aufnahmeprüfung der Hochschule sollen das Banner einer Ausstellung gestalten. Mit Pinseln bewehrt, steht die Gruppe vor der weißen Leinwand. Unsicherheit macht sich breit. Der junge Weiller tritt vor und beginnt. Er fällt auf und erhält den Rat, der ihn bis heute leitet: Erst machen, hinterher urteilen.

Mit größter Sorgfalt muss Oliver Weiller ans Werk gehen, wenn er die Käfer in Kunst verwandelt.

Designer? Künstler? Artist!

Auf dem Weg in die Kunst waren es solche Bestätigungen und Ratschläge, die ihn ermutigten, weiter zu machen. Weiller entscheidet sich für ein Designstudium und trifft damit auf einen Widerspruch: „In Deutschland ist Design nicht gleich Kunst, damit wirst du eher ausgebremst.“ Aus der Enge dieses deutschen Kunstverständnisses zieht es ihn während des Studiums nach Israel und in die USA. Er studiert an der Parsons New School of Art, Media, and Technology in New York City und erfährt dort einen zwangloseren Umgang mit Design und Kunst. „Dort gibt es keine Unterscheidung zwischen Design und Kunst, es gibt nur den Artist,“ fasst Weiller zusammen. Seine Kunst entsteht in diesem Widerspruch. Sie ist freie Entfaltung unter vorgefundenen, gegebenen, überlieferten Bedingungen. In kritischer Tradition könnte man auch sagen: Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirn der Lebenden.

Zurück in Deutschland baut Weiller eine Selbstständigkeit auf, um seine Kunst zu finanzieren; fremdbestimmte Lohnarbeit neben selbstbestimmter Kunst. In diesem Widerspruch zur Tradition sind Arbeiten entstanden, die zuletzt im Wiesbadener Wakker und ehemaligen Schnittpunkt ausgestellt waren. Und nun in der Hessischen Staats Galerie und demnächst auf der neuen Messe ARTe Wiesbaden im RMCC.

 

Ausstellungen:
  • „Unfolding Coleoptera“ Vernissage 5. Juli, Finissage 19. Juli, jeweils 19:30 -23:30 Uhr, Hessische Staats Galerie HSG, Oranienstraße 6, Hinterhof.
  • Malerei auf der ARTe Wiesbaden, Messe für zeitgenössische Kunst 20.-22. Sep. 2019 im RheinMain CongressCenter Wiesbaden

Der Künstler im Internet:
www.oliverweiller.de
www.instagram.com/oliweiller

 

 

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