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Merhaba in Wiesbaden! Türkei und – 5 von 16.800 – Türken in unserer Stadt

Von Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka.

In Wiesbaden leben Menschen aus 162 Nationen. Wir schauen uns in loser Folge das Leben und die Präsenz einzelner Nationalitäten in unserer Stadt genauer an. Diesmal, passend zum Fokusthema des am 17. November startenden 30. Exground-Filmfestes: Türkei. 5 von 16.800: exemplarisch, aber nicht repräsentativ.

„Die Politik macht eine Pause, aber die Zivilgesellschaft macht weiter“, berichtet Thilo Tilemann, Präsident des Partnerschaftsvereins Wiesbaden – Istanbul/Fatih: „Es gibt eine Reihe von Partnerschaften, die auf Eis liegen. Vor allem von türkischer Seite.“ Anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Städtepartnerschaft waren eine Handvoll der rund 80 Vereinsmitglieder Mitte September an den Bosporus gereist. Offiziell habe man sich bei dem Besuch nicht über Politik unterhalten. „Man spricht auch auf der Straße nicht mehr so frei, wie man das vor ein paar Jahren gemacht hat“, schildert Thilo Tilemann seine Eindrücke.

Auffällig sei auch gewesen, dass weniger Uniformierte im Stadtbild zu sehen gewesen seien. Stattdessen seien ihm Männer in Strickpullover und mit Maschinenpistole aufgefallen. Das habe auf ihn den Eindruck gemacht, dass man den Notstand vor der Bevölkerung verbergen wolle. „Ich finde, die Partnerschaft läuft trotz der Belastungen gut. Ich sehe im Moment keine Hindernisse, auch im kommenden Jahr zu reisen. Außer der Angst vor Attentaten“, will Thilo Tilemann die Partnerschaft weiterhin mit Leben erfüllen.

In Wiesbaden leben 16.800 Menschen mit Wurzeln in der Türkei. Sie bilden die größte Gruppe von Zugezogenen in unserer Stadt. Und sind natürlich, außer in der 439 Meter langen Wellritzstraße, in der besonders viele Türken wohnen und Geschäfte betreiben, in der ganzen Stadt verteilt und aktiv. Wir haben fünf von ihnen getroffen.

Gülben Börger: „Vor fünf Jahren habe ich noch bedauert, dass ich nicht in der Türkei lebe“, gesteht die 45-Jährige. Ihre Freundinnen in der alten Heimat hätten immer mehr Karriere gemacht, während sich ihr eigener beruflicher Fortschritt durch die Anpassung an die neue Sprache und Kultur verlangsamt habe. „Aktuell bin ich sehr zufrieden, dass ich in einem freien Land lebe, in dem ich meine Meinung sagen kann“, fährt die Diplom-Psychologin fort. Sehr beunruhigend finde sie, dass die derzeitige türkische Regierung im Umgang mit anderen Staaten das Ansehen der türkischen Republik aufs Spiel setze. Auch um die Zukunft ihres Bruders, der im Tourismus arbeite, sowie ihres kleinen Neffen mache sie sich Sorgen. Ihre eigene Heimat sei mittlerweile jedoch Wiesbaden, wo sie seit dem Jahr 2001 lebt. „Es hat ziemlich lange gedauert, aber um so mehr Sprachkenntnisse ich hatte, um so größer wurde mein Freundeskreis“, berichtet Gülben Börger. Und Menschen bedeuten ihr mehr als alles andere Heimat. Allen voran ihr deutscher Ehemann, den sie vor mehr als 20 Jahren in Istanbul kennen gelernt hat. Mehrmals im Jahr reist sie dorthin und versucht auch, einmal im Jahr ihren Bruder in Antalya zu sehen. Zurückkehren möchte sie derzeit nicht. „Aber wer weiß, ich hatte auch nicht geplant, nach Deutschland auszuwandern“, fügt die Künstlerin und Galeristin, im März dieses Jahres hat sie ihr „kunst-modul“ am Luxemburgplatz eröffnet, hinzu. Auch nach Wiesbaden sei sie durch einen Zufall gekommen. Eigentlich habe sie mit ihrem Mann in Frankfurt eine Altbauwohnung gesucht. Ein Freund habe sie dann nach Wiesbaden gebracht, wo sie von Anfang an in derselben Wohnung leben.

Ahmet Igdeli: Der Vorsitzende des Bildungs- und Kulturvereins, der in der Dotzheimer Straße die Süleymaniye Moschee betreibt, kann sich gar nicht mehr vorstellen, außerhalb Wiesbadens zu leben. „Als wir zehn Jahre lang in Breckenheim gewohnt haben, habe ich trotzdem Wiesbaden vermisst“, erzählt der 45-Jährige. Wenn er in der Stadt unterwegs sei, in der seit 1987 lebt, dann begegne er so vielen Bekannten, dass es fast wie in einem Dorf sei. Die Menschen seien freundlich und die Stadt im Vergleich etwa zu Frankfurt noch sehr sauber und friedlich. „Wiesbaden ist zu meiner Heimat, die Türkei ein Urlaubsland geworden“, beschreibt Ahmet Igdeli sein Selbstverständnis. Einmal im Jahr versucht der Mitarbeiter des Frankfurter Flughafens, dort Freunde und Familie zu besuchen. Doch nach zehn Tagen habe er schon Heimweh und telefoniere nach Hause. Ein Phänomen, das umso mehr für seine beiden erwachsenen Kinder gelte. In der Türkei selbst habe er in jüngerer Vergangenheit noch keine angespannte Situation erlebt. In Deutschland seien die Menschen mehr an Politik interessiert. Weil die Diskussionen darüber in diesem Jahr zu heiß gewesen seien, habe die Gemeinde erstmals seit sechs Jahren ihr Sommerfest auf dem Mauritiusplatz ausfallen lassen. Schließlich sei der Verein mit seinen 300 Mitgliedern sowohl unparteiisch als auch unpolitisch. „Wir hatten immer so ein schönes Fest gehabt. Wir wollten den Ruf nicht ruinieren“, erklärt Ahmet Igdeli. Wenn die Situation sich in der Zukunft wieder beruhigt habe, wolle man die Tradition gerne fort führen.

Serkan Günay: Der 24-Jährige ist ein echter „Deutschländer“.  Als jüngstes von sechs Geschwistern in Wiesbaden geboren und aufgewachsen, hat er im elterlichen Supermarkt gelernt, um seit der Eröffnung vor fünf Jahren die Geschäftsleitung des Restaurants „Günay Fisch“ direkt gegenüber zu übernehmen. In die Heimat seiner Eltern hat er nicht nur geschäftliche Kontakte. Sieben bis acht Mal im Jahr sei er dort, um Urlaub zu machen und seine Familie zu besuchen. „Man darf seine eigene Kultur nicht vergessen“, findet der junge Mann. Andererseits sei er schon ein bisschen fremd in dem Land seiner Vorfahren, weil er eben in Deutschland sozialisiert worden sei. Allein der Verkehr sei für ihn mehr als ungewohnt. „Hier ist auch mal Stau, aber die Leute halten sich an die Regeln. Dort denkt jeder an sich“, betont der Unternehmer, der selbst schnelle Autos liebt – und fährt. Auch wenn das Nachtleben zu wünschen übrig lasse, sei er froh in Wiesbaden zu sein, wo er die Menschen sehr freundlich und niveauvoll finde. Auch sein Faible für große internationale Modemarken ist nicht zu übersehen. Was ihm hier fehle, sei ein Einkaufszentrum, in dem man wirklich alles bekomme. In der Türkei sei so etwas zu finden. Als passionierter Angler vermisse er in seiner Heimatstadt außerdem das Meer. In Izmir, der Stadt aus der seine Familie stammt, hat er das vor der Haustür. Da es sich um die europäischste Metropole des Landes handele, seien die aktuellen politischen Entwicklungen dort nicht so sehr spürbar. Merkwürdig sei allerdings gewesen, dass einer seiner Brüder bei der Einreise vor kurzem kontrolliert worden sei. Das sei sonst nicht der Fall gewesen. „Es ist schade, was in der Türkei im Moment abgeht“, bedauert Serkan Günay´, „aber ich kann es nicht ändern.“

Erdal Aslan: „Die Politik kann vom Zusammenleben der Menschen nur lernen. Das funktioniert viel besser als die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern“, findet der 38-Jährige. Das deutsch-türkische Verhältnis sei ein Thema, dessen er überdrüssig sei und es so weit wie möglich von sich weg zu halten versuche. Nicht, weil es ihn nicht interessiere, sondern weil andere Dinge den Alltag bestimmen. Er muss es wissen, schließlich ist er seit vier Jahren Redaktionsleiter des multikulturellen Stadtteil-Magazins „Mensch! Westend“, das er nach seinem Volontariat beim Wiesbadener Kurier selbst mit entwickelt hat. Damit setzt sich der gebürtige Wiesbadener intensiv mit dem Stadtteil auseinander, in dem seine Eltern Anfang der 70-er Jahre ihre erste Wohnung in der Landeshauptstadt hatten, in dem er zur Schule gegangen ist und in dem er seit mehr als zwei Jahren nun selbst lebt. „Ich bin da sehr glücklich“, betont Erdal Aslan. Aber auch sonst sei Wiesbaden eine total lebenswerte Stadt mit kurzen Wegen, schönen Parks und durch die Lage im Rhein-Main-Gebiet mit allen Möglichkeiten einer Großstadt. In der Türkei, die er zuletzt vor drei Jahren besucht habe, sei das Miteinander noch einen Tick herzlicher und etwas gelassener – auch wenn er selbst von seinen Verwandten dort ermahnt werden müsse, manchmal lockerer zu sein, wenn Absprachen nicht mit derselben Selbstverständlichkeit eingehalten werden wie in Deutschland. Hier wiederum könne eine Portion kreatives Chaos nicht schaden. Vor allem aber bedauert der Lokaljournalist, dass er mit seinem türkischen Pass nicht an den Kommunalwahlen teil nehmen könne. Für seine Landsleute, die ebenfalls schon seit Jahrzehnten hier leben, würde er sich das wünschen. „Es würde die Identifikation mit der Stadt und die Teilhabe steigern“, findet Erdal Aslan. Leider habe er nicht die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft. Diese würde seine Lebensrealität genau abbilden.

Sibel Güler: Die Wiesbadener Stadtverordnete hat sozusagen einen doppelten Migrationshintergrund. Als kleines Mädchen ist sie mit ihren Eltern aus der Türkei zunächst nach Mainz gekommen. „Aber dann habe ich auf die richtige Seite gefunden“, betont die 44-Jährige lachend. Obwohl sie die Möglichkeit gehabt hätte, beide Staatsbürgerschaften zu führen, habe sie sich ganz bewusst dafür entschieden, die türkische abzugeben. „Das war für mich folgerichtig als Bekenntnis zu dem Ort, wo ich sozialisiert bin, lebe und aktiv in der Gesellschaft mitgestalten will“, erläutert Sibel Güler. Dennoch habe sie natürlich das Privileg, dass damit auch ein orientalisches Lebensgefühl einher gehe. In Wiesbaden fühle sie sich sehr gut aufgehoben. Das liege an der Größe der Stadt, deren Umfeld mit Wasser, Wald und Taunus sowie den Menschen, die den Geflüchteten gegenüber eine große Offenheit zu helfen entgegengebracht hätten. Für Neuheiten könne man ihrer Ansicht nach in Wiesbaden jedoch offener sein. Sie würde sich mehr Raum für Experimente wünschen, selbst wenn mal etwas missglückt. Auch das Nachtleben lasse hier zu wünschen übrig. Ganz anders natürlich in Istanbul, wo sie aufgrund einer selbstständigen Tätigkeit oft zu Besucht ist. Dort sei immer noch sehr viel Potenzial vorhanden. Neben modernen gebe es auch sozial sehr abgeschnittene Strukturen. Leider seien mehrere geplante Reisen nach dem Putschversuch abgesagt worden. Für die Partnerorganisationen auf türkischer Seite sei das fatal. „Bei aller berechtigten Kritik muss man sehen, dass man auf verschiedenen Ebenen den Kontakt nicht verliert“, findet Sibel Güler. Sie selbst reist wenige Tage nach dem Interview zum ersten Mal seit dem Sommer vergangenen Jahres wieder in die Türkei. „Viele warnen mich davor, aber ich halte es für den falschen Weg, jetzt nicht dorthin zu reisen“, gibt sich die Lokalpolitikerin entschlossen. (Foto privat)

Türkei im Fokus beim 30. Exground filmfest

Zum Jubiläum richtet das 30. „exground filmfest“ den Blick in die Türkei, politisch polarisierend und kulturell pulsierend. Zehn Tage steht das außergewöhnliche Film- und Kulturschaffen eines facettenreichen Landes im Fokus des alljährlichen Filmfestivals – mit 19 ausgewählten Lang- und Kurzfilmen. Dabei gesellen sich zu den zehn Spiel- und Dokumentarfilmen, darunter vier Deutschland-Premieren („Stone“ (Taş) von Orhan Eskiköy, „Albüm“ von Mehmet Can Mertoğlu, „Yol – The full Version“ von Yılmaz Güney und Şerif Gören, „Mr Gay Syria“ von Ayşe Toprak), neun packende Kurzfilme.

In den unterschiedlichen Genres spiegeln die Filme des Länderschwerpunktes soziale und politische Zustände wider und werfen Licht auf vergangene und gegenwärtige Konflikte: „Die lebhaften Diskussionen des Publikums mit den eingeladenen Filmemachern und Filmemacherinnen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass es ein großes Interesse an der türkischen Kultur gibt, aber auch an den schwierigen politischen Verhältnissen und deren Auswirkungen auf den Alltag der Kulturschaffenden.“

Den kulturellen und politischen Entwicklungen im Land wird auch im Rahmenprogramm nachgespürt: bei der Info-Veranstaltung „Meinungsfreiheit in der Türkei“ durch Amnesty International, der Videokunstausstellung im Nassauischen Kunstverein unter dem Titel „The desire called utopia and other science fictions“ sowie einem Konzert von Derya Yıldırım & Grup Şimşek, bei denen psychedelische Popkultur auf anatolische Folklore trifft, und der „exground“-Eröffnungsparty mit orientalischen Beats – beides im Schlachthof.

Das 30. „exground Filmfest“ findet, mit sensor als Medienpartner, vom 17. bis 26. November, im Festivalkino Caligari und anderen Orten stat: www.exground.com

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