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Rad ohne Wege – Weiter Weg zur Fahrradstadt Wiesbaden

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Von Hendrik Jung. Fotos Michael Zellmer, Silke Rauer.

Wer sein Fahrrad als Freizeitgerät versteht, findet um Wiesbaden herum herrliche Routen. Wer sein Fahrrad als Fortbewegungsmittel nutzen will, kommt in Wiesbaden selbst nur schwer voran. Der Stadtverkehr gehört fast ausschließlich den Autos – noch.

Der Hof der Schiller-Schule ist an diesem Morgen ganz aufs Radfahren ausgerichtet. An einer Station versuchen die Grundschüler sich so langsam wie möglich auf dem Rad zu bewegen. Ein Stück weiter gilt es Rampe und Slalom zu bewältigen. An einer anderen Station soll beim Bremstest die richtige Dosierung gefunden werden.

„Die Hinterradbremse ist lange nicht so wirkungsvoll wie die Vordere. Deshalb müsst Ihr lernen, mit beiden gleichzeitig zu bremsen“, erklärt Johann Kraffert, der für den Wiesbadener Schulsportverein den Fahrradtag an Grundschulen organisiert. Ein Angebot, das immer häufiger in Anspruch genommen wird. „Die Schüler bekommen an nur einem Vormittag Fahrgefühl, Radbeherrschung und Regelkenntnis vermittelt“, berichtet Jan Prediger, Fachberater für Verkehrserziehung am Staatlichen Schulamt. Da Kinder laut Straßenverkehrsordnung den Gehweg ab dem Alter von elf Jahren nicht mehr mit dem Fahrrad benutzen dürfen, ist es höchste Zeit, die Drittklässler an den Straßenverkehr heran zu führen. „Ich fahre noch nicht auf der Straße, das ist mir zu gefährlich“, sagt die zehnjährige Tyana, die schon seit sechs Jahren Rad fährt. Viele ihrer Mitschüler in der 3e fahren hauptsächlich im Hof.

Auf dem Schleichweg in die Schule

Kein Wunder, sind doch sogar zahlreiche Erwachsene im Wiesbadener Straßenverkehr unsicher. „Neulich musste ich die Platter Straße lang fahren und hatte direkt einen Konflikt mit einem Autofahrer“, berichtet Stella Mitschka, FSJ-lerin beim Schulsportverein. In Breckenheim aufgewachsen, ist sie noch nicht an den Stadtverkehr gewöhnt. „Ich war absolut im Recht und bin auch noch beleidigt worden. Ich glaube, das ist ein gesellschaftliches Problem. Der Autofahrer ist das Alphatier im Straßenverkehr“, fügt die 21-jährige hinzu. Nicht umsonst hat Wiesbaden 2012 beim Fahrradklimatest des ADFC den vorletzten Platz seiner Klasse belegt. Um Schülern dennoch Gelegenheit zu geben, mit dem Rad zur Schule zu fahren, hat der Verein das Schleichwegeprojekt ins Leben gerufen. In den vergangenen drei Jahren hat Johann Kraffert das gesamte Straßennetz der Innenstadt darauf untersucht, ob es für ein Befahren durch Kinder mit dem Rad taugt. Die Platter Straße ist in ihrem unteren Bereich dabei als bedingt oder überhaupt nicht empfehlenswert kategorisiert. Rote Linien ziehen sich auch entlang der Schiersteiner, Bierstadter sowie Schwalbacher Straße und auf Teilen des Ringsystems.

App weist Wege zur Radwende

Welche Wege die Radfahrer in Wiesbaden angesichts dieser Situation einschlagen, lässt sich mit einer kostenlosen Applikation für Smartphones dokumentieren, die von der Wiesbadener Agentur Scholz und Volkmer entwickelt worden ist. „Das machen wir aus freien Stücken, weil wir daran glauben. Sowohl Rad fahren als auch die CO2-Einsparung sind große kommunikative Themen der Agentur“, erläutert Victoria Röber vom Projekt Radwende. Wer die Tracking-App nutzt, kann ohne großen Aufwand seinen Fahrweg aufzeichnen und in einer Karte erfassen lassen. Knapp 350 Nutzer haben die Applikation in den ersten zwei Monaten herunter geladen. „Die Daten sollen den Behörden zur Verfügung gestellt werden, um ihnen Informationen zu verschaffen, wo die Bedingungen für den Radverkehr verbessert werden müssten“, fügt Victoria Röber hinzu.  Auch die Stadtverwaltung befindet sich in der Recherchephase und hat für 48.000 Euro beim Bonner Büro „AB Stadtverkehr“ die Erarbeitung eines Radverkehrsplans in Auftrag gegeben. Bis diese Daten gesammelt und ausgewertet sind, will man im Verkehrsdezernat der Stadt jedoch nicht untätig sein.

Dezernentin kündigt an, Asta handelt

„Bei meinem Amtsantritt habe ich eine nur bruchstückhaft vorhandene Rad-Infrastruktur vorgefunden. Nicht nur bei den Radwegen, sondern auch bei anderen wichtigen Komponenten, zum Beispiel einem Radverleihsystem, einer ausreichenden Anzahl an Radständern, einer sinnvollen Beschilderung. Fast alles fehlt“, erläutert die zuständige Dezernentin Sigrid Möricke, die seit gut zweieinhalb Jahren im Amt ist. Da sie das Rad nutze, wo immer es möglich sei, kenne sie den Nachholbedarf aus eigener Erfahrung. Weitere Maßnahmen zur Stärkung des Radverkehrs sollen schon bald folgen. So werde noch in diesem Monat die Stelle eines Radverkehrsbeauftragten ausgeschrieben. Neue Fahrradschutzstreifen sollen zwischen Biebrich und Schierstein sowie in Kastel entstehen. Außerdem möchte die Dezernentin am liebsten noch dieses Jahr ein Verleihsystem einführen.

Bislang existiert in der Landeshauptstadt nur eine vom Asta der Hochschule RheinMain zusammen mit den Asten der Hochschulen in Marburg und Darmstadt in Eigenregie realisierte Kooperation mit der Bahn-Tochter DB Rent, die im März angelaufen ist – ohne Zutun der Stadt. Dadurch stehen derzeit, nicht nur für Studenten, 105 Call-A-Bike-Räder in Wiesbaden und Rüsselsheim zur Verfügung. Ab September sollen es 150 sein. Leihstationen existieren in Wiesbaden bislang fünf. „Das wird solidarisch finanziert. Ab kommendem Wintersemester kostet es jeden Studenten 2,38 Euro pro Semester. Dafür können sie bundesweit für 60 Minuten drei Räder parallel kostenfrei nutzen und zwar beliebig oft am Tag“, erläutert AStA-Verkehrsreferent Benedikt Klein. Er geht davon aus, dass sich das Projekt richtig entwickelt, sobald weitere, bereits beantragte Stationen bestehen. Eine davon soll in der Bertramstraße eingerichtet werden. Allerdings ist dort Widerstand zu befürchten, weil dafür zwei Anwohnerparkplätze weg fallen würden. Sinn macht die Station allemal, denn in der Bertram- und Goebenstraße soll die erste Fahrradstraße in der Innenstadt entstehen. Die Straßenverkehrsordnung sieht vor, dass in solchen Straßen Radfahrer auch nebeneinander fahren dürfen und Kraftfahrzeuge, wenn sie überhaupt zugelassen sind, sich dem Radverkehr anpassen müssen. Außerdem beträgt die zulässige Höchstgeschwindigkeit dort 30 km/h. „Tempo 30 ist ein entscheidendes Sicherheitskriterium. Wenn die Differenz der Geschwindigkeit zum Auto sinkt, ist es für Radfahrer weniger gefährlich“, betont Josef Liebhardt. Er gehört zu den Gründern des Bündnis Verkehrswende. „Die Energiewende betrifft auch den Straßenverkehr, der in Deutschland etwa 20 Prozent der CO2-Emmissionen ausmacht. Aber da redet niemand drüber“, erläutert der 60-jährige. Aus dieser Überlegung heraus ist das Bündnis entstanden, das aus einem Dutzend Vereine, Initiativen und Parteien besteht.

Radverkehr gehört auf die Straße

Auch die Lebensqualität in der Stadt ist den Mitgliedern ein wichtiges Thema. Deshalb feiern sie seit 2012 im September ihr Verkehrswendefest auf den Straßen rund um die Ringkirche. Um ihre Ideen bekannter zu machen, die sich auch um Fußgänger, ÖPNV und Carsharing drehen, sind sie außerdem einmal pro Monat per Fahrrad-Korso in Wiesbaden unterwegs. „Der Radverkehr muss auf die Straße, nicht auf einen Radweg zu den Fußgängern“, plädiert Josef Liebhardt für mehr Schutzstreifen auf der Straße statt neuer Radwege. Man werde von Autofahrern weniger leicht übersehen, wenn man sich den Straßenraum mit ihnen teile. „Die Radschutzstreifen sind einfach zu schmal. Breite Fahrradspuren sind notwendig, damit ein angstfreies Fortbewegen möglich ist“, fügt Gerd Wessendorf hinzu, der sowohl im Bündnis aktiv ist als auch am Radverkehrsforum – einem von der Stadt initiierten turnusmäßigen Treffen von Radverkehr-Fachleuten mit dem Ziel, „den Radverkehr in der Landeshauptstadt gemeinsam voranzubringen“ –  teilnimmt. „Warum nicht an hochfrequentierten Stellen wie dem ersten Ring dem Radverkehr eine ganze Spurbreite zur Verfügung stellen?“, wirft der 68-jährige als Frage in den Raum. Das sei – abgesehen vom Widerstand der Autofahrer – relativ einfach zu realisieren und könnte helfen den Verkehrsinfarkt zu vermeiden.

„Man stößt wirklich an Grenzen. Mehr Verkehr als morgens auf dem ersten Ring ist kaum möglich. Irgendwann muss man umdenken“, findet auch André Muno. Der Wahlwiesbadener ist hauptberuflich als Lobbyist für den Radverkehr tätig. Er ist bei der europäischen Geschäftsstelle des Klima-Bündnis in Frankfurt als Projektmanager für die Kampagne Stadtradeln zuständig. Zwischen Mai und September können sich Kommunen im ganzen Land daran beteiligen. Ziel der als Wettbewerb angelegten Kampagne ist es, dass drei Wochen am Stück möglichst viele Menschen aufs Rad umsteigen.

„Stadtradeln“ – Wiesbaden erstmals dabei

„Jeder in den Kommunen ist eingeladen. Vor allem wollen wir aber die Kommunalpolitiker erreichen. Sie sollen erfahren, was es bedeutet, in der eigenen Stadt mit dem Fahrrad unterwegs zu sein“, erläutert der 39-jährige das Konzept. Im siebten Jahr der Kampagne hat sich nun auch Wiesbaden erstmals beim Stadtradeln angemeldet und will sich vom 5. bis 25. Juli daran beteiligen. Neben der Verkehrsdezernentin will auch der Oberbürgermeister, der gern von seinem Zuhause im Künstlerviertel ins Rathaus radelt, mit gutem Beispiel voran fahren. „So fern es mein Terminkalender und der Dresscode zulassen“, schränkt Sven Gerich ein. Wenn er mehrere offizielle Termine am Tag habe, sei seine Dienstkleidung nicht immer fahrradkompatibel.

Das dürfte jedoch eines der geringsten Probleme in Sachen Radverkehr in Wiesbaden sein. Viele beklagen das raue Klima im Straßenverkehr. „Wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin, fahre ich nicht auf der Taunusstraße, sonst geht mir unterwegs schon der Erste flöten“, schildert Andrea Vienna vom Bike-Loft in der Nerostraße die Situation leicht überspitzt. „Da ist der Schutzstreifen oft auch von der Stadtpolizei zugeparkt“, fügt die 42-jährige hinzu. Im gemütlichen Hof des Lofts versammeln sich unterdessen fünf Frauen zu einer Feedback-Runde, nachdem sie ein mehrstündiges Techniktraining auf dem Mountain-Bike absolviert haben. „Manchmal fahre ich in die Stadt, aber ungern. Ich versuche die Innenstadt zu vermeiden“, kommentiert die überzeugte Radfahrerin Liane die Situation in Wiesbaden. „Ich habe immer einen halben Herzinfarkt bekommen, weil ich ständig angehupt und beschimpft werde, deshalb fahre ich nicht mehr in der Stadt. Wenn es etwas entspannter wäre, würde ich es gerne machen“, fügt die aus Norddeutschland stammende Tina hinzu. „Ich bin immer hier gefahren und habe mich daran gewöhnt“, äußert dagegen die in Wiesbaden aufgewachsene Vanessa. Ähnlich geht es dem Wiesbadener Repräsentanten des E-Bike-Verleihers movelo. „Ich finde die Situation in Wiesbaden nicht so abschreckend, wie sie immer dargestellt wird“, äußert Michael Gediga. Zumindest sei es für ihn als Ortskundigen leicht möglich, die Hauptverkehrsachsen zu umfahren. Auf diese Weise seien auch die geführten Tagestouren organisiert, die man auf den Elektrorädern anbiete. „Aber für Alltagsfahrer muss man etwas tun. Wir brauchen ein Netz, das zusammen hängt und nicht im Nirwana endet. Und es muss Raum geschaffen werden. Das geht zwangsläufig auf Kosten des Autoverkehrs“, findet der 71-jährige. Die zunehmende Verbreitung von E-Bikes dürfte dafür sorgen, dass in den kommenden Jahren auch in einer Stadt mit der Topographie von Wiesbaden der Druck auf die Verkehrsplaner weiter wächst, für bessere Bedingungen für den Radverkehr zu sorgen.

 

Fahrrad-Fakten

Anteil Fahrrad am Straßenverkehr (Zeitpunkt der Erhebung): Wiesbaden 3,3 % (90er Jahre), Mainz 12 % (2008), Frankfurt 13 % (2008) (Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass der Anteil sich in Wiesbaden mittlerweile etwa verdoppelt hat)

Länge des Wegenetzes für Radfahrer (freigegebene Busspuren, Schutzstreifen, Rad- und Wirtschaftswege): Wiesbaden 700 Kilometer, Mainz  315 Kilometer, Frankfurt 450 Kilometer

Stadtfläche: Wiesbaden: 203,9 qkm, Mainz: 97,5 qkm, Frankfurt: 248,3 qkm

Radverkehrsbeauftragte: Wiesbaden noch nicht, Mainz seit 1980, Frankfurt seit 2009 Büro mit derzeit fünf Mitarbeitern

Unfälle mit Radfahrern: Wiesbaden ca. 200/Jahr, Mainz 239 (2013), Frankfurt: 1.016 (2012)

Ergebnis beim ADFC-Fahrradklimatest 2012: Wiesbaden Platz 37 von 38 (über 200.000 Einwohner), Mainz: Platz 17 von 42 (100.000 – 200.000 Einwohner), Frankfurt Platz 9 von 38 (über 200.000 Einwohner)

Fahrrad-Termine

5. – 25. Juli Stadtradeln www.stadtradeln.de

6. Juli Wiesbadener Mountain Bike Marathon

 

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