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Raus aus der Komfortzone: Marco van Marle war als Lebensretter für Flüchtlinge im Mittelmeer unterwegs

Von Falk Sinß. Fotos Bente Stachowske.

„Sea Eye, Sea Eye für Charlotti 2, charlotti 2, radiocheck 1“, spricht Marco van Marle in sein Funkgerät. Es ist Mitte Juni, und er sitzt mit drei anderen Freiwilligen in einem kleinen Beiboot auf dem Mittelmeer, das kurz zuvor von der „Sea Eye“, einem umgebauten, alten DDR-Fischkutter der gleichnamigen Hilfsorganisation, zu Wasser gelassen wurde. Nachdem die „Sea Eye“ geantwortet hat, tuckern er und seine Kollegen los. Kurz danach umkreisen sie ein hoffnungslos überfülltes Schlauchboot voller Flüchtlinge. Etwa 140 sind es dieses Mal. Einige von ihnen sitzen auf dem Bootsrand, um Platz zu finden. Darunter auch schwangere Frauen und Kleinkinder. Marco van Marle und seine Kollegen verteilt Schwimmwesten an die Schiffbrüchigen. Anschließend beginnt das Warten auf ein Boot der italienischen Küstenwache oder ein Militärschiff anderer EU-Staaten. Diese patrouillieren im Mittelmeer. Sie sollen die Flüchtlinge aufnehmen und nach Italien bringen. „In Ausnahmefällen nehmen wir Flüchtlinge auch an Bord, etwa wenn Kranke, Schwangere oder Kinder unter den Flüchtlingen waren. Die werden dann auf der Sea Eye ärztlich versorgt“, sagt der 33-jährige Erzieher.

Nicht tatenlos zusehen, wie das Mittelmeer zum Friedhof wird

Sea Eye ist eine der Hilfsorganisationen, die im Mittelmeer vor der libyschen Küste Ausschau nach in Seenot geratenen Flüchtlingen halten. Und van Marle ist einer der zahlreichen freiwilligen Helfer, die nicht tatenlos mit ansehen wollen, wie das Mittelmeer ein immer größerer Friedhof wird. Nach Schätzungen von Amnesty International sind alleine dieses Jahr mehr als 2.000 Menschen bei der gefährlichen Überfahrt ertrunken.

Der Wiesbadener war im Sommer für zwei Wochen an Bord der „Sea Eye“. „Es gibt zwar genügend Möglichkeiten, sich hier vor Ort in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Aber das reicht mir nicht. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone. Ich wollte dort hin, wo ich wirklich konkret helfen kann. Und das konnte ich an Bord der Sea Eye“, erklärt van Marle, der im Wiesbadener Westend lebt, seine Motivation an der gefährlichen Rettungsmission teilzunehmen.

Nach Pfingsten flog er nach Malta, wo die Hilfsorganisation ihre Basis hat. Nach einer kurzen Einweisung ging es dann an Bord, und die Arbeit begann. Viele der Flüchtlinge, die meist aus Ostafrika stammen, seien jahrelang auf der Flucht, sagt van Marle. In Libyen schließlich angelangt, verdienen sich die Männer als Tagelöhner, die Frauen als Sexarbeiterinnen die Gebühr für die Überfahrt. Etwa 1.000 US-Dollar betrage diese zurzeit. Dafür werden sie dann auf alte Holzboote oder sogenannten Rubberboats gesetzt und auf das Meer geschickt. Bei Rubberboats handelt es sich um billige, aus chinesischer Lkw-Plane gefertigte und mit Luft gefüllte Boote. Damit diese die Last halbwegs tragen, werden Holzbretter als Boden eingelegt. Ab einem gewissen Gewicht brechen diese jedoch und schneiden sich in die Plane. „Es ist klar, dass die so niemals die italienische oder maltesische Küste erreichen würden“, sagt van Marle. Viele der Flüchtlinge wüssten vorher nicht, auf was sie sich einlassen. Wer aber die gefährliche Überfahrt nicht antreten will, wird erschossen. „Die könnten die Schlepper ja identifizieren.“

Hilfe auf dem Meer steht in der Kritik

Die Arbeit der Hilfsorganisationen steht zurzeit in der Kritik. Politiker wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière werfen den NGOs vor, den kriminellen Schlepperbanden zu helfen. Belege dafür gibt es bislang nicht. Auch van Marle widerspricht energisch: „Wir arbeiten nicht mit den Schleppern zusammen. Wir leisten lediglich auf Basis internationaler Vereinbarungen Erste Hilfe.“ Deshalb transportiere man auch keine Flüchtlinge nach Italien und fahre nur bis an die Zwölf-Seemeilen-Grenzen, ab der das libysche Staatsgebiet beginnt. Van Marle ist mittlerweile wieder zuhause. Den Einsatz auf der „Sea Eye“ hat er gut verkraftet – sowohl körperlich als auch psychisch. „Wir hatten in den zwei Wochen keine Toten zu beklagen, die Kranken und Verletzten hat unser Doc wieder auf die Beine gebracht. Von daher werte ich den Einsatz als Erfolg.“ Und für ihn ist klar: „Nächstes Jahr bin ich wieder mit an Bord!“

Die Hilfsorganisation Sea Eye finanziert sich laut eigenen Aussagen überwiegend über Spendengelder. An Bord der Sea Eye und des Schwesterschiffs Seefuchs sind ausschließlich ehrenamtliche Helfer.

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