| | Kommentare deaktiviert für Sich um den Tod kümmern, auch mitten im Leben – Corinna Leibig organisiert “Let´s talk about death”

Sich um den Tod kümmern, auch mitten im Leben – Corinna Leibig organisiert “Let´s talk about death”

Reklame

Lets_talk_about_Death_0_ganzseitig

 

Von Sebastian Wenzel. Foto Arne Landwehr.

Corinna Leibig liebt Lieder. Sie spielt Gitarre, singt, lässt sich von Musik inspirieren. Die 33-Jährige hat auch dem Tod eine Melodie verpasst. Zusammen mit zwei Kollegen gründete sie den Gesprächskreis „Let’s talk about Death!“. Er trägt einen Namen zum Mitsummen und erinnert absichtlich an das Lied „Let’s talk about Sex“ von Salt ’n’ Pepa. Im Original rappen die Sängerinnen: „Let’s talk about sex, baby. Let’s talk about you and me. Let’s talk about all the good things. And the bad things that may be“. Miteinander sprechen. Worte finden für die schönen Momente im Leben, aber auch die schlimmen. Das ist die Idee des Gesprächskreises. Leibig will, dass mehr Menschen über den Tod reden. Schließlich kommt mit diesem Thema jeder in Berührung. Manche früher, manche später. Leibig will, dass der Tod zum Leben gehört und hat ihm deshalb ein neues Gesicht gegeben. Vom Info-Zettel des Gesprächskreises grinst „La Calavera Catrina“. Das ist eine Totenkopf-Figur aus Mexiko, die ein gelbes Kleid, eine rote Halskette und weiße Handschuhe trägt. In Mexiko kennt jedes Kind Catrina. Die Figur steht für den Tag der Toten, einen der wichtigsten Feiertage des Landes.

Leibig weiß, wie Bilder wirken. Sie studierte Kommunikationsdesign an der Technischen Hochschule Nürnberg. Seit 2006 arbeitet sie als selbstständige Designern. Sie gestaltet Webseiten, Broschüren und Logos. Doch das reichte ihr nicht. Sie wollte ihrem Leben einen Sinn geben und Menschen helfen. Im Jahr 2011 absolvierte sie eine Ausbildung als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Kurz danach besuchte sie einen Freund, der in einem Hospiz arbeitete. Leibig spürte sofort: Hier bei den Sterbenden ist sie richtig.

Da sein für Kinder, deren Eltern sterben

Im Jahr 2012 ließ sie sich zur Sterbebegleiterin ausbilden. Momentan macht sie eine Zusatzausbildung zur Trauerbegleiterin und will sich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisieren. „Wenn Erwachsene sterben, werden Kinder oft übersehen. Ich bin für sie da“, sagt Leibig. Sie hört zu, singt und bastelt mit den Kindern. Aus Fotos und Pappe wird zum Beispiel ein kleiner Altar. Den können Kinder sich als Erinnerung an die Toten ins Zimmer stellen. „Natürlich ist es für Kinder schwer, wenn Eltern oder Bezugspersonen sterben. Wenn man ihnen zuhört und hilft, können sie aus der Situation aber auch etwas lernen. Schließlich gehören Abschiede zum Leben dazu“, sagt Leibig. Egal, ob der Abschied von einem gestorbenen Menschen, von einer Arbeitsstelle oder einem Freund, der in eine andere Stadt zieht.

Das erste Treffen von „Let’s talk about Death!“ fand Ende Februar statt. Es kamen 25 Personen. Einige erzählten von eigenen Erfahrungen, andere stellten Fragen. Wie fühlen sich Tote an? Ist aktive Sterbehilfe in Ordnung? Was mache ich, wenn ein Freund oder eine Freundin trauert? Zu wenigen dieser Fragen gibt es eindeutige Antworten. „Beim Umgang mit dem Tod gibt es keinen richtigen oder falschen Weg. Jeder Mensch verarbeitet seine Trauer anders“, sagt Leibig.

Wichtigste Botschaft im Trauerfall: „Ich bin für dich da“

Nur eins stimme leider fast immer: „Menschen, die trauern, werden in unserer Gesellschaft oft isoliert. Das passiert nicht aus böser Absicht, sondern oft fehlen uns im wahrsten Sinne die Worte und die Sprache. Viele wissen nicht, wie sie Trauernden begegnen sollen. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Wichtig ist nur, dass man zeigt: Ich bin für dich da.“ So wie die Menschen in dem Gesprächskreis füreinander da sind. Zum Abschluss zupfte und streichelte Leibig auch dort ihrer Gitarre. Sie sang „Both Sides“ von Joni Mitchell. Ein nachdenkliches Lied. Nicht so poppig wie „Let’s talk about Sex“. Darin findet die Sängerin Worte für das Wunder des Lebens. Die schönen Momente und die schlimmen. Sie singt frei übersetzt: „Ich habe das Leben von beiden Seiten gesehen. Gewinnen und verlieren und irgendwie erinnere ich mich ich vor allem an die Illusionen des Lebens. Was Leben wirklich heißt, weiß ich nicht.“

Der nächste Gesprächskreis „Let’s talk about Death!“ findet heute um 19:30 Uhr im Heimathafen Wiesbaden statt. www.lets-talk-about-death.de