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So wohnt Wiesbaden: Alles mit dem Verstand – Als Seniorin im „Service-Wohnen“-Apartment, Sonnenberg

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Von Anja Baumgart-Pietsch. 
Fotos Rainer Eidemüller.

Vor dem Fenster stehen vier kleine Elefanten. „Die haben alle ihre Geschichte“, lächelt Hannelore Müller (Name geändert). Sie hat sie von Reisen mit ihrem Mann mitgebracht. „Es waren aber wirklich nur diese vier“, sagt die 84-Jährige, der man ihr Alter nicht ansieht. Keine große Elefantensammlung, von der sie nur Lieblingsstücke in ihr Apartement im Ludwig-Eibach-Haus in Sonnenberg mitnehmen konnte. Aber sonst musste die Wiesbadenerin schon schwer „abspecken“ – bezogen auf Möbel, Bücher, persönliche Dinge. Bis vor acht Jahren lebte sie mit ihrem Mann im eigenen Haus. Da war er bereits schwer chronisch erkrankt. „Irgendwann schaffte ich das alles nicht mehr“, sagt sie. „Das alles“ – damit meint die alte Dame die „Geschäftsführung“, die man so als Hausbesitzer zu erledigen hat. Versicherungen, Steuern, Gebühren, Termine im Auge behalten, Haus- und Gartenarbeit und die Sorge um ihren Mann wuchsen ihr über den Kopf. Kinder und Enkel leben nicht in Wiesbaden.

Gleiches Dach, andere Hausnummer
„Dann trafen wir mit dem Verstand eine Entscheidung“, beschreibt sie den Schritt. Bekannte lebten bereits im  „Service-Wohnen“- Haus, das der Evangelische Verein für Innere Mission (EVIM) Senioren anbietet. Früher nannte man so etwas „Betreutes Wohnen“, aber auch diese Bezeichnungen gehen mit der Zeit. Dem Ehepaar gefiel das gut, und so zogen sie dort in eine barrierefreie Drei-Zimmer-Wohnung mit Hausmeisterservice und anderen Annehmlichkeiten. Doch auch dies sollte nicht von Dauer sein. Der Gesundheitszustand des Ehemannes verschlechterte sich, und er zog ins benachbarte Ludwig-Eibach-Haus, ein EVIM-Haus, früher unter dem Etikett „Altersheim“ bekannt. Nun heißt es „Seniorenzentrum“. Das Ehepaar hätte nicht gedacht, dass sie eine solche Einrichtung mal nutzen würden. Jetzt aber „ist dies die beste aller möglichen Alternativen“, sagt die Bewohnerin. Sie ließ sich gleich nach dem Umzug ihres Mannes auf die Warteliste für eine kleinere Wohnung setzen, die drei Zimmer wurden ihr zu groß. Nun lebt sie unter dem gleichen Dach, nur mit einer anderen Hausnummer: In einem der ans Eibach-Haus direkt angeschlossenen „Service-Wohnen“-Appartements, wo sie sich nun noch einmal auf ein Zimmer verkleinert hat.

Eine Mini-Küche, ein Zimmer mit abtrennbarem Schlafteil, wo auch ein Schreibtisch mit Computer und Drucker seinen Platz gefunden hat, ein Bad mit Blick ins Grüne und ein großer Balkon mit riesigem, schön bepflanztem Blumenkasten: Das ist jetzt ihre kleine Welt. Klein, aber zweckmäßig, und: „Ich habe, was ich brauche und auch, was ich schön finde.“  Das sind nicht nur einige ihrer eigenen Möbel, von denen übrigens auch der Ehemann in sein Pflegezimmer manche mitnehmen konnte, sondern auch liebgewordene Andenken wie eine ganze „Ahnengalerie“ von Fotos, ein liebevoll gestalteter Geburtstagsgruß der Enkelkinder, eine mit leckeren Nüsschen gefüllte Vogelfutterstation, die sie besonders gerne vom Lieblingsplatz auf dem Sofa aus beobachtet  – und Kleinigkeiten wie die vier Elefanten.

Besonders toll: Keine Hausarbeit mehr
Es sind aber auch andere Dinge: Die Möglichkeit, mit ihrem Mann trotz allem noch irgendwie „unter einem Dach“ zu wohnen, ihn täglich zu sehen und sogar gemeinsam im Fernsehen Fußball gucken zu können. „Ich stricke dann dabei“, lächelt die Seniorin. Vormittags erledigt sie eigene Termine. „Und was besonders toll ist: Ich muss keine Hausarbeit mehr machen“, freut sie sich: „Kochen auch nicht, denn es gibt hier einen Mittagstisch. Es sei denn, ich will mal was Besonderes wie Spargel. Den mache ich mir dann selbst.“ Im Haus gibt es eine ständige Ansprechpartnerin für alle Probleme, selbstverständlich auch einen Notruf rund um die Uhr.

Die Nachmittage verbringt sie meist mit ihrem Mann, nimmt diverse Freizeitangebote im Haus wahr, geht im kleinen Park mit ihm spazieren oder fährt in die Stadt. Ihr Auto – auch dies eine „Entscheidung mit dem Verstand“, ein Leitmotiv in Müllers Leben – hat sie vor einigen Jahren freiwillig abgemeldet: „Mit Taxi und Bus komme ich doch überall hin.“ Auch ins Staatstheater. Dort ist sie seit Jahren Abonnentin. Und per E-Mail hält sie Kontakt zur Familie. „Das ist ein Segen. Die Kinder hatten uns einen PC-Kurs für Senioren auf der Insel Rügen geschenkt. Seitdem kann ich das“ – und sie nutzt es rege, meint sogar, sie verbringe „zu viel Zeit am Computer“. Hannelore Müller kennt aber auch alle Nachbarn auf ihrem Flur. „Wenn ich hier Kontakt haben will, dann geht das – und wenn ich allein sein will, geht das auch“. Was  könnte zu dieser patenten, freundlichen und überlegt handelnden Seniorin besser passen als der Titel ihrer derzeitigen Bettlektüre: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“.

 

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