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So wohnt Wiesbaden – Bestens aufgelegt: Janeck Altshuler, Bertramstraße

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Von Sebastian Wenzel. Fotos Kai Pelka.

Janeck Altshuler verdankt sein heutiges Leben einem Zimmer in der Bertramstraße. In dem Zimmer stehen ein Sofa, ein Schreibtisch und mehrere Regale. Darin stapeln sich Schallplatten und CDs. An den Wänden hängen bunte Bilder und Plakate. Ein schwarzes Mischpult wartet neben einem braunen Lederkoffer auf seinen Einsatz. Altshuler ist DJ. Er lebt von und für die Musik – und seit 2005 in dem kleinen Zimmer in der Bertramstraße. Es gehört zu einer Drei-Zimmer-Wohnung im obersten Geschoss eines Mehrfamilienhauses. Ursprünglich lebte Altshuler nur in dem Zimmer, inzwischen bewohnt er zusammen mit seiner Freundin auch den Rest der Wohnung. Aber der Reihe nach: Altshuler zog 2001 aus Neugierde von der Ukraine nach Deutschland. Erst lebte er in Nürnberg, dann verschlug ihn das Studium 2004 nach Wiesbaden.

 

„Ich komme aus einer Industriestadt. Schon als ich das erste Mal nach Wiesbaden kam, fand ich es hier sehr hübsch, fast irreal schön“, sagt er. Dem 34-Jährigen gefällt die hessische Landeshauptstadt. Ihn faszinieren nicht nur die Stadt und die Menschen, sondern auch die historischen Verbindungen zwischen Wiesbaden und Russland: Dostojewski, die russisch-orthodoxe Kirche, der russische Friedhof. Kurz nach seiner Ankunft bewarb sich Altshuler für das WG-Zimmer in der Bertramstraße. Er erhielt den Zuschlag, aber nur unter einer Bedingung. Die Vormieterin bestand darauf, dass er DJ Mustafa anruft. So lernte Altshuler seinen Geschäftspartner Mustafa Kocak  kennen. Zusammen mit ihm rief er „La Bolschevita“ ins Leben. Eine Party-Reihe im Schlachthof mit Balkankrachern aus Antwerpen, jüdischer Rumba aus Moskau, russischer Salsa, Afro-Beats aus St. Petersburg und Gypsy-Hip-Hop aus Paris. Im Herbst wird das 10-jährige Jubiläum gefeiert.

Der viersprachige DJ bringt die Welt nach Wiesbaden

So international wie die Musik von Altshuler ist sein Leben. Der Wiesbadener spricht vier Sprachen: Deutsch, Russisch, Ukrainisch und Englisch. In seinem Bücherregal stehen Werke über Frankfurt am Main, die bulgarische Schwarzmeerküste und Venedig. Neben dem Kinderbuch Krabat von Otfried Preußler stehen Bücher mit weißen kyrillischen Buchstaben. Altshuler hat schon in Tschechien, der Slowakei und Litauen aufgelegt. Wenn er im Ausland ist, gehört für ihn der Besuch eines lokalen Plattenladens dazu. Ausgefallene Musik entdeckt er auch auf Flohmärkten. Altshuler kennt die Welt und bringt sie nach Wiesbaden. Er begeistert mit seiner Musik Feierwütige auf osteuropäischen, griechischen, türkischen und südamerikanischen Partys. Natürlich hört er auch zu Hause gerne Musik. Seine Nachbarn haben sich daran noch nie wirklich gestört. Ganz im Gegenteil: Ab und zu schallen aus der Wohnung von nebenan laute baltische Klänge herüber. Die Nachbarn stammen aus Mazedonien.

Trotzdem oder gerade deswegen: In seiner Wohnung findet Altshuler Ruhe und erholt sich – zusammen mit seinem Dackel Coco – von seinen Auftritten. Am liebsten sitzt er in der Küche, an einem weißen Tisch. Schaut er aus dem Fenster, blickt er über die Dächer Wiesbadens. An den Wänden hängen grüne und braune Regale. Die Einrichtung ist ein Spiegelbild der Wohnungsgeschichte. Fast alle, die hier mal gewohnt haben, haben beim Auszug Möbel zurückgelassen. So bunt wie die Möbel ist auch der Stadtteil, in dem die Wohnung liegt: das Westend. „Ich wohne gerne hier“, sagt Altshuler. Das Viertel ist für ihn ein Ort der Subkultur – auch wenn diese nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sei. Altshuler ist zufrieden mit seinem Leben in Wiesbaden. Nur eins würde er gerne ändern: Er hätte gerne mehr Besuch von Freunden aus dem Ausland. Denn dann könnte er ihnen zeigen, wieso nicht nur seine Wohnung, sondern auch Wiesbaden für ihn ein wundervoller Ort ist. „Meine bisherigen Gäste waren immer begeistert von der Stimmung in der Stadt.“

Übrigens: Für alle, die mit dem Lesen Lust auf ausgefallene Musik bekommen haben, hier drei Musikempfehlungen von Altshuler: Jaro Milko & The Cubalkanics; Belly’s Bounce (Asphalt Tango Records). Club Des Belugas featuring Helene Vogelsinger; Path Of Nothing (ChinChin Records). Quim Manuel O Espirito Santo; Eme Lelu (Analog Africa).

 

 

 

 

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