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So wohnt Wiesbaden: Der mit dem Faust tanzt – Ramon John, Tänzer am Staatsballett, Philippsbergstraße

Von Dirk Fellinghauer. Fotos Kai Pelka.

Die Frage nach seinem Lieblingsort in Wiesbaden beantwortet Ramon John so schnell wie überzeugend: Es ist seine eigene Wohnung. „Ich gehe nicht mehr feiern“, sagt er – und muss dann selbst lachen. Schließlich ist er erst 28. Und damit schon einer der Älteren in der Compagnie des Hessischen Staatsballetts. Und er ist einer der besten Tänzer im ganzen Land. Gerade hat er den „Faust“, den bedeutendsten Theaterpreis der Republik, gewonnen, für seine „Wanderer“-Rolle in „Die Winterreise“.

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Dass er in der Stadt, in die er 2016 ballettbedingt von Saarbrücken zog, in einer Wohnung mit Lieblingsort-Appeal lebt, spürt auch der Gast sofort. Mit dem Betreten fühlt man sich wohl. Schon der klitzekleine Flur strahlt Persönlichkeit aus, so wie auch – „ja klar, natürlich“ dürfen wir uns ausnahmslos alles anschauen – der gesamte Rest der Wohnung, die alles andere als leer ist und trotzdem großzügig wirkt. Hier hat jemand ein Gespür für Raum und Räume. Gefunden hat er die Bleibe auf einem Immobilienportal. „Da habe ich sofort zugeschlagen. Es hat gepasst.“ Allein schon die Lage: „Es ist eine eine ruhige kleine Straße und trotzdem nah am Zentrum“. Steht er auf dem Balkon, steht er praktisch „in“ den Bäumen. Auch das liebt er an seinem Lieblingsort.

So stilvoll kann „Klumpatsch“ sein

Als er einzog, war die Gardinenstange das einzige, was schon vorhanden war. Als „viel Klumpatsch aus Saarbrücken“ bezeichnet er das viele, mit dem er die 67 Quadratmeter gut gefüllt hat. Unterschiedlichste Möbelstücke und Accessoires, mit einem gemeinsamen Nenner: Guter Geschmack, Sinn für Atmosphäre und auch für stimmige Kombinationen. „Besondere Sachen“ haben es ihm angetan, er sucht und findet im Internet wie auch auf Flohmärkten. Sein Traum ist ein Trip zu dem legendären Antiquitätenmarkt in Brüssel. Ist erst mal was angeschafft, bleibt es: „Trennen ist schwierig.“ Den Wohnbereich dominieren ein riesiges „Couchbett-Ding, wo man es sich gemütlich machen kann“ und ein imposanter Holztisch – „alte Schiffsplanken“. Darüber ein riesiges Gemälde, nicht die einzige Kunst an den Wänden. Die Wohnung wirkt nicht so, als sei hier jemand auf dem Sprung.

„Viele Tänzer sind wie Nomaden und bleiben nicht lange an einem Ort, weil sie vieles ausprobieren wollen“, sagt John. Der in Fulda aufgewachsene Sohn einer Deutschen und eines aus Trinidad Tobago stammenden US-Soldaten  ist da sesshafter. Nach seiner Ausbildung in Frankfurt und seinem ersten Festengagement in Saarbrücken ist das Hessische Staatsballett erst seine zweite Station. Er zeigt keine Ambitionen, Wiesbaden wieder zu verlassen: „Das Repertoire ist hier so breit und bunt, dass man vieles ausprobieren kann.“ Und so sieht er auch die Grundhaltung „nie auf etwas sitzen bleiben, immer weiter forschen und arbeiten“ als den Ansporn an, den ihm die „Faust“-Auszeichnung gibt.

Der Sanfte wird zum Bösewicht

Allüren oder Anwandlungen, abzuheben, scheinen ihm fremd. Die Frage, ob ihn nach der Preisverleihung Abwerbe-Anrufe erreicht hätten, quittiert er mit einem fast verschämten Lächeln. Jene, ob er eine herausgehobene Position in der Compagnie habe, mit: „Tim (Plegge, der Ballettdirektor) hat mir von der ersten Spielzeit ab immer schöne Rollen gegeben“. Auf seine nächste, in dem Handlungsballett „Liliom“, freut sich der Endzwanziger, der im Gespräch eine große Sanftheit ausstrahlt, aus einem besonderen Grund: „Ich bin zum ersten Mal der Bösewicht.“

Beim sensor-Hausbesuch steigt der Bewohner auf Bitten des Fotografen auf den großen Esstisch. Auf dem Tisch tanzen – auf diese Idee war der Tänzer des Jahres bei sich zuhause bisher noch gar nicht gekommen. Kaum steht er da oben, scheint er aber wie verwandelt, probiert versunken und wie abwesend Postionen aus und posiert schließlich vor den Rosen, die ihm seine Staatsballett-Kollegin Sayaka Kado zum „Faust“ geschenkt hat.

Der „Faust“-Preisträger liebt die Herausforderung, die Horizonterweiterung. „Tanz in der modernen Richtung ist frei in der Denkweise und nicht so engstirnig“, gibt er zu verstehen, dass er nichts verpasst habe, nur weil er nicht die ganz strenge Ballettausbildung vorweisen kann: „Sich in die klassische Form hineinzuzwängen, würde auch der Körper nicht schaffen.“ Ballett gehe oft an die Grenzen dessen, was ein Körper aushalten kann. Sein eigener hat – er klopft dreimal auf das Holz des imposanten Tisches – alles Bisherige gut geschafft. Von größeren Verletzungen ist er, anders als viele Kollegen, verschont geblieben.

Faible für Japan – nicht nur der Liebe wegen

Er findet auch problemlos Abstand vom Tanz, zuhause allemal. Er teilt sich die Wohnung mit Masayoshi Katori. Der Japaner ist nicht nur Arbeitskollege am Ballett, sondern auch sein Lebenspartner. Bei der Arbeit in Saarbrücken haben sie sich kennen- und lieben gelernt. Tanz spielt, abgesehen von gerahmten Pina-Bausch-Plakaten, absolut keine Rolle in ihrer Tänzer-Wohnung. Es reicht ja auch, täglich ab 9 Uhr bis 18 Uhr damit beschäftigt zu sein. Und bei den Vorstellungen natürlich. Auch privat tanzt John nicht – „höchstens manchmal durch die Wohnung, während Masayoshi kocht“, sagt der Musikfan. „Einrichtung ist mein Ding, die Küche ist sein Reich“, erklärt er die klare Aufteilung. Gekocht wird viel Pasta, nur ab und zu japanisch.

Die einzigartige japanische Küche genießt John umso mehr bei regelmäßigen gemeinsamen Reisen in das Heimatland seines Freundes. Auch die Mode dort begeistert ihn. Nicht  nur zur Zierde liegt ein Yohji Yamamoto-Bildband  auf dem Tisch. Irgendwann würde er gerne einen Nähkurs machen und eigene Sachen schneidern. Auch die Regale sind gut gefüllt – im Wohnzimmer mit Büchern, DVDs, CDs, mit Musikvideos, Filmen, Serien. Auf der Couch liegt ein „Harry Potter“-Buch: „Das hatte ich als Kind verpasst.“ Und im Schlafzimmer mit einer Sammlung ziemlich abgefahrener Schuhe. Etwas verlegene Antwort auf die Frage, ob die Beiden sich den Platz im Schuhregal aufgeteilt haben: „Ähm, das sind alles meine“.

Extravagante Outfits sucht der Kahlkopf sich selber aus, anders als sein auffällig „anderes“ Aussehen. „Früher hatte ich lange Locken“, erzählt er, „aber schon mit 12 begann ein kreisrunder Haarausfall“. Selbst Wimpern und Augenbrauen verlor er, die kamen aber zurück. Er ist mit der Situation schnell cool umgegangen, es gab nur eine kurze Mützenzeit: „Oma hat mir eine Kappe gestrickt“. Zwischendurch wollte er „die Ärzte mal gucken lassen, was es ist“, aber das war ihm schließlich „zu mühsam“. Nun hat er halt ein Markenzeichen. Eine Besonderheit der Person und des Tänzers Ramon John. Aber bei weitem nicht die einzige.

Ramon John tanzt am Hessischen Staatsballett in Wiesbaden in dem außergewöhnlichen Stück  „Sadeh 21“ des Israelis Ohad Naharin (16. und 21. Dezember, 10. und 18. Januar) und „Liliom“ (Wiesbaden-Premiere 30. März). Eine Wiederaufnahme von „Die Winterreise“ ist geplant.