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So wohnt Wiesbaden: Mehreen Murtaza, Fluxus-Stipendiatenwohnung im Nassauischen Kunstverein

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Von Magdalena Cardwell. Fotos Katharina Dubno.

Ein ganzes Museum für sich allein? Der Gedanke gefiel Mehreen Murtaza sofort. Die 29-jährige Künstlerin aus Pakistan ist die achte „Follow Fluxus“-Stipendiatin des Nassauischen Kunstvereins. Für vier Monate bewohnt sie eine Einzimmerwohnung im Obergeschoss der schicken Stadtvilla in der Wilhelmstraße. Direkt nebenan stehen den Stipendiaten zwei Ausstellungsräume zur Verfügung, in denen sie während ihres Aufenthalts eine Einzelausstellung gestalten.

Auch Mehreen, die in Saudi-Arabien geboren wurde, hat sich dort „eingerichtet”. Doch statt einer Galerie erwartet uns hier ein Gewächshaus. Vorsichtig treten wir durch ein Labyrinth aus kleinen und großen Topfpflanzen. Nackte Glühbirnen tauchen den Raum in warmes Licht. Aus einem Lautsprecher dringen wabbernde, synthetische Klänge. Darauf meditiert zufrieden lächelnd ein Gartenzwerg. “… how will you conduct yourself in the company of trees” heißt Mehreens Ausstellung und bedeutet in etwa “Wie verhältst du dich in Anwesenheit von Bäumen?”. Vielleicht einfach mal zuhören? Denn was aus den Lautsprechern ertönt, sind die Pflanzen selbst. Kleine, an Blättern und Ästen angebrachte Clips leiten die elektrischen Impulse an ein programmierbares Modul, das sie in Töne umwandelt. Tonfolgen wiederholen sich, bilden Muster, Melodien. In Anwesenheit dieses organischen Orchesters werden wir erst ein Mal ganz still.

In Mehreens eigentlichem Apartment ist die Küche ist das Herzstück. In der Mitte steht ein langer Esstisch voll mit Büchern, Skizzen und diversem Kleinkram. „Das ist mein Moodboard”, erklärt die zierliche Frau mit den kurzen, ungezähmten Haaren. Auf einem langen Regal über der Küchenzeile thront eine beachtliche Kollektion leerer Pfandflaschen. „Ich fürchte, ich habe eine zwanghafte Sammelwut!”, stellt sie lachend fest, als sie unsere Verwunderung bemerkt. Auch die Äste, Rindenstücke und anderen Funde, die sie auf ihren Erkundungstouren durch den Kurpark und den Frauensteiner Forst gesammelt hat, liegen nach Art, Beschaffenheit und Größe geordnet auf dem Boden.

Pflanzen-Kunst ganz ohne grünen Daumen
Zum ersten Mal arbeitete Mehreen bei ihrer Ausstellung mit Pflanzen. „Dabei habe ich alles andere als einen grünen Daumen.” Dafür aber eine große Faszination für Wissenschaft und Technik. In ihren raumgreifenden Installationen lässt sie immer wieder Tradition mit Popkultur, Folklore mit Science Fiction oder Spiritualität mit Wissenschaft kollidieren. So hat sie in einem früheren Werk einen schwarzen, an das Gebetshaus Kaaba in Mekka erinnernden Quader mit einem LED-Display ausgestattet, das die Einsen und Nullen des Binärcodes zeigt. Religion und Wissenschaft verschmelzen darin zu einer sinnstiftenden Einheit. Auch in ihrer neuen Installation ergründet die Künstlerin mit Hilfe von Technik unser Verhältnis zur Natur vor dem Hintergrund der Wegwerfgesellschaft. Doch als bitterernst oder allzu politisch will Murtaza ihre Installation nicht verstanden wissen. Zwischen den Töpfen versteckt sollen menschliche „Artefakte“ wie leere Jägermeister-Fläschchen oder kleine Kakteen mit albernen Sombreros den Betrachter schmunzeln lassen.

In Wiesbaden zur Ruhe kommen
In Wiesbaden, ihrer temporären Heimatstadt, gefallen Mehreen, die gerne meditiert, vor allem die zahlreichen grünen Rückzugsorte. Nach einem aufreibenden Aufenthalt in London nutzt sie ihre Zeit in der Landeshauptstadt deshalb vor allem, um zur Ruhe zu kommen: „Als Künstlerin habe ich das Privileg, einfach für mich zu sein und reflektieren zu können.” Oft sitzt sie auch einfach am großen Küchenfenster und lässt ihren Gedanken freien Lauf. „An diesen Lebensstil könnte ich mich glatt gewöhnen”, schwärmt sie. Sich einfach ziellos durch die Stadt treiben zu lassen, das ginge in Pakistan nicht: „Zu viele Autos. Zu viele Menschen, die alle irgendwo hinwollen. Man trifft sich zu Hause oder im Kino. Wer allein draußen auf einer Parkbank sitzt, gilt als Sonderling.” Zum Ort der Ruhe und Kontemplation wird kurz vor ihrer Abreise auch der Garten der Hochschule RheinMain. Dort verwandelt Murtaza zusammen mit dem Wiesbadener Architekten Tobias Haelke bei einer einmaligen Außeninstallation am Abend eine Handvoll Bäume in geheimnisvoll anmutende Klangkörper. Dozent Franciscus Gall ergänzt die mystische Szenerie mit einem künstlichen Regenbogen. Fast andächtig lauschen die Besucher, was die Bäume vielleicht zu sagen haben. Mehreen ist müde, aber zufrieden. Der Stress der letzten Tage fällt von ihr ab. Bald setzt sie ihre Reise durch Raum und Zeit fort.

Die Ausstellung “… how will you conduct yourself in the company of trees” ist noch bis Mai 2016 im Nassauischen Kunstverein zu sehen. www.kunstverein-wiesbaden.dewww.mehreenmurtaza.com

 

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