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Spezialisiert in die Zukunft – Filmstadt Wiesbaden zwischen Hoffnung und Abgesang

Text Hendrik Jung. Fotos Heinrich Völkel und Andrea Diefenbach.

Es gab sie, die glorreichen Zeiten des Filmschaffens in Wiesbaden. Lange vorbei. Neben pessimistischen Stimmen aus den Überresten einer einst glamourösen Branche keimt aber auch Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Filmstadt. Sei es als Drehort oder als Standort.

Ein bitterkalter Morgen Ende 2011. Zehn Menschen drängen sich im „Tragzeit“, einem Geschäft für Umstandsmode in der Kleinen Langgasse. So viel Besuch auf einmal hat es in dem 23 Quadratmeter großen Ladenlokal nur bei der Eröffnung gegeben. Doch jetzt sind noch Kamera, Ton-Equipment sowie Scheinwerfer dort aufgebaut. Denn gleich wird Aylin Tezel, mittlerweile Tatortkommissarin, in ihrer Rolle als Lara sich hier mit ihrer Freundin Nora nach Umstandsmode umschauen. Drei Stunden dauert der Dreh für den von der Niedernhausener Osiris-Film produzierten Kinostreifen „Am Himmel der Tag“ (siehe auch „Das große 2×5 Interview“ mit Produzentin Iris Sommerlatte in dieser Ausgabe). Knapp eine Minute des Materials ist später im Film zu sehen. Auch die Begrüßung der Kundinnen durch Inhaberin Heike Reemts fällt dem Schnitt zum Opfer. „Ich musste ja nichts Bestimmtes sagen, sondern tun, was man immer so macht. Aber von der Grundstimmung her ist das schon aufregend“, erinnert sie sich an den Dreh.

Überrascht sei sie vor allem davon gewesen, dass die vereinbarte Zeit eingehalten wurde und am Ende alles wieder an seinem Platz gestanden habe. Etwas Neues sei der Besuch des Kamerateams für sie jedoch nicht gewesen. Schon als Kind habe sie immer wieder die Gelegenheit gehabt, in einem Nachbarhaus Dreharbeiten zu verfolgen. Schließlich ist Wiesbaden mal eine echte Filmstadt gewesen. Der Höhepunkt der Kinoproduktion hat in den 50er-Jahren stattgefunden, als die junge Christine Kaufmann sogar hier eingeschult worden ist, weil sie gleich in mehreren Filmen als Kinderstar auftrat. Als Zsa Zsa Gabor, Romy Schneider und Gert Fröbe hier vor der Kamera standen und Wiesbadener Darstellerinnen wie Karin Dor und Ingeborg Schöner zeitweise zu Weltruhm gelangten. Von 1964 bis -84 residierte in den Studiogebäuden „Unter den Eichen“ dann das ZDF, später die Taunus Film.

Kampf ums Überleben

„Damals gab es hier noch eine komplette Infrastruktur mit Schreinerei, Schlosserei und Werkstätten. Die Weichen sind gestellt worden, als die Studios platt gemacht worden sind. Heute ist Wiesbaden keine Filmstadt mehr“, bedauert Uli Fischer von der Verleihfirma Pille. Schon seit 28 Jahren ist sein Unternehmen „Unter den Eichen“ angesiedelt. Auf der ganzen Welt habe man von hier aus Filmproduktionen, wie etwa den mit acht Oscars ausgezeichneten „Slumdog Millionaire“, ausgestattet. Seit dem Abriss der Filmstudios im Jahr 1999 sei die Zahl der Drehs in Wiesbaden jedoch kontinuierlich bergab gegangen. „Die meisten Sachen gehen an Studenten raus, für ihre Abschlussfilme“, berichtet Uli Fischer. In den vergangenen zehn Jahren habe man in Wiesbaden, im Gegensatz zum Standort in Köln, nur noch ums Überleben gekämpft. „Hier läuft nix mehr. Der Zug ist abgefahren. Die Filmstadt ist für mich nicht existent“, betont der Pille-Geschäftsführer. Deshalb wird der größte Teil des Wiesbadener Lagerbestands derzeit an den dritten Standort nach Berlin verlagert. „Wir besetzen da mit Highspeed-Kamera, Teleskop-Kran und 3D-Kamera eine Nische“, zeigt er sich zufrieden mit der Entwicklung in der deutschen (Film-)Hauptstadt.

Filmhaus als neue Keimzelle

Ganz aufgeben will er das Geschäft in Wiesbaden jedoch nicht. Eine Option wäre, dass die Firma Pille ins Deutsche Filmhaus gegenüber vom Schlachthof  zieht. Doch dort besteht derzeit keine ausreichend große Verbindung zwischen dem zu vermietenden Büro und dem benötigten Lagerraum. Ein interessanter Standort ist es dennoch, handelt es sich doch derzeit um die Keimzelle der Filmstadt Wiesbaden. Schließlich sitzt hier unter anderem die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft. Im Vorführsaal entscheiden außerdem die Prüfer der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft über die Altersfreigabe von Kinofilmen. Vor allem aber kümmert sich von hier aus die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung um den Erhalt des deutschen Filmerbes. Auf der Berlinale kann diesen Monat mit der restaurierten Fassung der 1936 uraufgeführten Komödie „Glückskinder“ wieder mal ein Film-Klassiker in neu gewonnener Bild- und Tonqualität Premiere feiern. Auch für das kommende Jahr steht schon eine Vorführung der Murnau-Stiftung bei den internationalen Filmfestspielen fest. Dann soll die restaurierte Fassung von „Das Cabinet des Dr. Caligari“ uraufgeführt werden. „Alleine könnten wir das nicht stemmen“, betont der Vorstand der Stiftung, Ernst Szebedits, dass man auf Sponsoren und Kooperationspartner angewiesen ist.

Seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren hat er sich deshalb neben der finanziellen Restrukturierung der Stiftungsarbeit auch die Kooperation mit anderen Institutionen auf die Fahne geschrieben. Etwa bei der Digitalisierung des Filmarchivs. „Da kommen unglaubliche Aufgaben auf uns zu“, ist sich Szebedits sicher. Schließlich besitzt die Stiftung die Rechte an knapp 6.000 Filmen. Die Restaurierung erfolgt aber nicht in Wiesbaden, weil hier die technischen Voraussetzungen fehlen. Im Filmhaus existiert jedoch ein Raum, in dem jeder Interessierte die Möglichkeit hat, bereits digitalisiertes Material zu sichten. Im Vorführsaal laufen seit Mai vergangenen Jahres an fünf Tagen pro Woche auch öffentliche Vorführungen. Sowohl Filme aus dem eigenen Archiv, als auch aktuelle Arthouse-Produktionen. Um das Programmkino etablieren zu können, erhält die Stiftung in diesem Jahr von der Stadt Wiesbaden eine zusätzliche Unterstützung in Höhe von 100.000 Euro. Um das Filmhaus zum Kulturort zu machen, wird ebenfalls so viel wie möglich kooperiert. Im Februar startet die Reihe „sensor-Film des Monats“. In Zusammenarbeit mit dem Amt für Soziale Arbeit wird eine Ausstellung zum Thema „Kinder mit zwei Familien“ eröffnet, die von einer Filmreihe begleitet wird.

„Star Wars“-Kopiermaschine

Der Bunker der Murnau-Stiftung, dessen Standort geheim gehalten wird, ist nicht der einzige Ort, an dem in Wiesbaden altes Filmmaterial liegt. Eine relative Luftfeuchtigkeit um die 40 Prozent und eine Temperatur von knapp fünf Grad Celsius herrschen auch im Filmlager des Kopierwerks „Unter den Eichen“. Im vergangenen Sommer haben Milovan Kristo und Frank Ortwein den insolventen Betrieb der ABC Taunusfilm im übernommen und arbeiten hier ebenfalls an der Digitalisierung und Restaurierung von altem Filmmaterial. Archive aus ganz Europa zählen zu den Kunden. Wer noch auf Film dreht, kann in dem 2.000 Quadratmeter großen Firmengebäude seine Streifen auch entwickeln lassen. Im eigenen Labor werden bei Bedarf die nötigen Chemikalien selbst hergestellt. Filmkopiermaschinen ermöglichen die Überspielung von über die Jahre geschrumpftem Material, auch wenn es seine Perforation bereits verloren hat. Eine davon stammt aus den USA und war einst bei der Entstehung von „Star Wars“ im Einsatz. Filmkonservatorin Alexandra Lesche bemüht sich derzeit darum, die Bildinformation eines knapp 100 Jahre alten französischen Films zu bewahren. „Wenn ich 20 Meter am Tag schaffe, bin ich schon sehr zufrieden“, betont sie, dass es sich dabei um eine Geduldsprobe handelt.

Das Potenzial des Standorts

Bei der Restaurierung alter Filmklassiker wird oft auch die Filmmusik neu eingespielt.  Dafür gibt es in Wiesbaden ebenfalls einen Spezialisten. Andreas Radzuweit hat mit seinem klangBezirk etwa für „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ die Orchesterproduktion aufgenommen und bearbeitet. Wenn es gut läuft, übernimmt er ein bis zwei Mal pro Jahr auch die Postproduktion von Kinofilmen im Audio-Bereich. Ein Metier, in dem sich Wiesbaden durchaus für große nationale Produktionen profilieren könnte, findet er. Schließlich müsse die Nachbearbeitung nicht dort erfolgen, wo ein Film produziert wird. Durch entsprechende Fördermaßnahmen könnte eine solche Entwicklung des Standorts unterstützt werden, glaubt der diplomierte Ton- und Bildingenieur. Obwohl er sich manchmal selbst frage, warum er ausgerechnet in Wiesbaden ansässig sei, meine er doch wahr zu nehmen, dass sich hier in letzter Zeit wieder mehr tue. Das wird Oberbürgermeister Helmut Müller gerne hören. Ihm ist bewusst, dass die Stadt finanziell nicht viel tun kann, um die Produktion von Kinofilmen in Wiesbaden zu fördern. Er glaubt jedoch fest daran, dass die Landeshauptstadt nach wie vor einen Ruf als Filmstadt hat und setzt neben der Ausbildung an der Hochschule und den Festivals vor allem auf die Unterstützung von Produktionsfirmen. Etwa durch das reibungslose Erteilen von Drehgenehmigungen, die Absperrung von Straßen sowie das zur Verfügung stellen von Locations. „Warum sollten wir jemand, der etwas machen möchte, Steine in den Weg legen?“, zeigt er sich offen.

Paris des Nordens

„Die Genehmigungsbehörden in Wiesbaden sind wirklich spitze. Da haben wir immer sehr gute Erfahrungen gemacht“, bestätigt Locationscout Regina Kaczmarek. Wiesbaden sei als Drehort durchaus beliebt. „Die Stadt bietet viele Möglichkeiten: Wunderschöne Alt- und Neubauten, viele breite Straßen. Asiaten lieben Wiesbaden“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Derzeit gebe es auch eine Anfrage zu einem Dreh im Staatstheater für einen französischen Film mit Martina Gedeck. „Wiesbaden ist immer wieder im Gespräch für große Produktionen, um Städte wie Paris abzubilden“, berichtet Katrin Huvart von der Film Commission Hessen in Frankfurt. „Von den Schauplätzen her ist es ein toller Platz“, findet auch die aus Wiesbaden stammende Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer. „Ich denke, dass ich, wenn ich nicht fünf Jahre lang im Jugendclub des Staatstheaters gelernt hätte, es vielleicht nicht gleich alles so geschafft hätte, wie es jetzt passiert ist“, erläutert sie die Bedeutung, die ihre Geburtsstadt für ihre Karriere gehabt hat. Die am Wiener Burgtheater engagierte Darstellerin, die in diesem Monat 24 Jahre alt wird, hat bereits in fünf Kinofilmen mitgewirkt. Das jüngste Werk, „Scherbenpark“, soll noch dieses Jahr zu sehen sein. Genauso wie der neueste „Ostwind“ Film der ebenfalls in Wiesbaden geborenen Regisseurin Katja von Garnier („Abgeschminkt“, „Bandits“): die Geschichte über die jugendliche Mika und den scheuen Hengst Ostwind  soll ab dem 21. März in die Kinos kommen. Nach wie vor noch keinen Starttermin gibt es für den bereits 2010 unter anderem in Wiesbaden gedrehten Film „Playoff“, der die Geschichte des israelischen Basketball-Trainers Ralph Klein erzählt, der auch das deutsche Nationalteam coachte.

Die Wiesbadener Filmfestivals 2013 im Jahreslauf:  25.–28.01.: Homonale, 14.–20.02.: Inklusions-Filmfestival „überall dabei“, 06.-09.03.: Fernsehkrimifestival, 10.-16.04.: goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films, 17.-20.10.: Trickfilm-Festival,15.–24.11. exground Filmfest.

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