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Spielerische Schönheit – Premiere für spannendes Tanzprojekt

SENSOR_OKTOBER_ballett-3_WEBVon Rebekka Farnbacher
Fotos Simon Hegenberg

„Das höchste Glücksgefühl entsteht, wenn ich begreifen kann, was ich höre.“ Der Wiesbadener Ballettdirektor Stephan Thoss kreiert mit „Loops and Lines“ eine außergewöhnliche Tanzinszenierung. Dazu beruft er sich auf eine fast hundertjährige Bewegungstheorie. sensor durfte schon gut einen Monat vor der Premiere die Proben beobachten.

Bewegung funktioniert selbstverständlich. Wenn wir ein Glas Wasser zum Mund führen, machen wir uns in den wenigsten Fällen Gedanken darüber, ob wir das schnell oder langsam tun. Und trotzdem liest unser Gegenüber in der Ausführung dieser Bewegung, was in uns vorgeht. Zumindest in Bezug auf unser Durstgefühl. Körpersprache benötigt keine Worte, um eine hohe Aussagekraft zu haben. Sie wirkt intuitiv und wird intuitiv ausgeführt. Doch was benötigt Bewegung? Welche Gesetze bestimmen sie? Rudolph von Laban stellte sich bereits in den 1920ern diese Fragen und schuf daraus ein Analysemodell für modernen Ausdruckstanz, das in „Loops and Lines“ verarbeitet wird. Den 1965 in Leipzig geborenen Choreographen Stephan Thoss, der seit 2007 Ballettdirektor am Hessischen Staatstheater ist, faszinierte diese Theorie seit seiner eigenen Tanzausbildung. Die Arbeit an dem Projekt unterscheidet sich daher nicht wesentlich von seinen anderen, wohl aber die Ausführung.

„In Loops and Lines gibt es keine Koppelung von Literatur und Musik, durch die im Tanz eine Geschichte erzählt wird. Die Konzentration liegt auf der Körpersprache“, erklärt Thoss. Denn das Interessante an der Analyse von Bewegungen sei es, sie als Instrument zu nutzen: „Wir können in unterschiedliche Richtungen etwas vorspielen und damit in bestimmte Rollen schlüpfen. So können wir ein Gefühl provozieren.“ Eine schüchterne Person kann durch ausladende Gesten selbstbewusst erscheinen, doch Übertreibung kann auch unnatürlich oder unehrlich wirken. Form und Bewegung erzählen eine Geschichte, da der Betrachter unweigerlich das Motiv interpretiert.
Auch ohne analytische Auseinandersetzung funktioniert Körpersprache, wie an Kindern deutlich wird. Das Projekt veranschaulicht auf spielerische Art natürliche Schönheit, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt. „Wenn ich einen leckeren Kuchen gebacken habe, ist es hilfreich, das Rezept zu kennen, um ihn wiederholen zu können“, so Thoss. Auch auf Klänge lässt sich die Theorie Labans anwenden. Töne entstehen durch Bewegung des Musikers und bewegen wiederum den Zuhörer auf unterschiedliche Arten. In Kooperation mit dem weltbekannten Ensemble Modern werden in „Loops and Lines“ musikalische Landschaften durch tänzerische Bewegung nachempfindbar. Das Frankfurter Ensemble ermöglicht aufgrund seines unverwechselbaren Charakters im Bereich zeitgenössischer Musik eine perfekte Synergie für die Wiesbadener Company. Formen, Antriebskräfte, Dynamiken und Impulse werden zu „Shaker Loops“ von John Adams und „Eight Lines“ von Steve Reich deutlich.

Wackelpudding als Bewegungsgrundlage
Seinen Tänzern stellt Thoss oft die Frage, was sie in der Musik hören. Die gemeinsam erarbeitete Bewegung wirke wie ein Gewürz, das eine neue Dimension eröffnet. Dabei werden die Musiker auf der Bühne in die Choreografie integriert.
All die Begeisterung für Theorie, Analyse und Gesetzmäßigkeiten steht nur im vermeintlichen Kontrast zum Leitgedanken von Thoss – wie auch von Laban. Seine Theorie soll die Kreativität jedes einzelnen anregen, anstatt ein Ergebnis vorzuschreiben. So lautet das Ziel: stilfrei, jedoch nicht stillos. Mal werden in einer Passage die Töne in der Luft nachgezeichnet, mal Impulsübertragung mit Konzentration auf die Gelenke veranschaulicht, mal die Bewegung mit der Grunddynamik eines Wackelpuddings übersetzt. Selbst verschiedene Bewegungsfaktoren, wie Kraft, Fluss, Raum und Zeit finden sich wieder. Auf die Frage, wie das funktioniert, springt Thoss auf, ahmt eine Pendelbewegung nach und sagt: „Ich kann Zeit mit einer Art Lichtpendel und verschiedenen Momentaufnahmen demonstrieren. Wie in einem Daumenkino fügen sich einzelne Bilder zu einer Bewegung zusammen. Ich kann aber auch…“ Er verharrt im Satz, sein Gesicht scheint eingefroren. Nach kurzer Ratlosigkeit folgt der Aha-Effekt.

„Loops and Lines“, das Laban-Tanz-Projekt von Stephan Thoss und dem Ensemble Modern mit Musik von John Adams und Steve Reich, feiert am 26. Oktober um 19.30 Uhr im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Premiere.

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