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Stadtentwicklung: Schelmengraben – Motiviert statt resigniert

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Langzeitreportage SchelmengrabenText und Fotos Rainer Eidemüller

Ein Stadtteilmanager soll helfen, die Lebensbedingungen im „Problembezirk“ Schelmengraben zu verbessern. sensor hat ihn während seiner ersten 16 Monate im Amt begleitet.

Tobias Graf arbeitet als Stadtteilmanager. Darunter kann sich kaum jemand etwas vorstellen. Dabei ist es ein Berufsbild, das bundesweit entsteht. Er ist Teil des Projekts „Soziale Stadt plus“. Sein Viertel: der Wiesbadener Schelmengraben. Ein Problembezirk, der stellenweise wirkt, als läge er irgendwo in Osteuropa. In einer Gegend, in die kein Cent mehr geflossen ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Dabei liegt das Viertel gerade mal ein paar Kilometer vom Zentrum der hessischen Landeshauptstadt entfernt. Zerlöcherte Eternitplatten verkleiden die Wände des verwaisten Einkaufszentrums. Wodkaflaschen liegen an den Bänken und auf dem Spielplatz. Wände und Treppenhäuser sind vollgeschmiert. Über dem Schelmengraben thront das „rote Hochhaus“ als Wahrzeichen und Mahnmal zugleich.

Tobias wirkt routiniert und ist nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Seine Locken schimmern in leichtem Grau und lassen ihn bedächtig erscheinen. Mit seinen 35 Jahren hat er nach einem Studium der Sozialen Arbeit schon einige Projekte durchgeführt. Bürgerbeteiligung ist das Wort der Stunde: Der Stadtteilmanager soll die Menschen im Viertel mit den Institutionen und Akteuren vor Ort vernetzen. Und einen Kanal zur Politik schaffen.

Im April 2014 steht Tobias damit vor einer herausfordernden Aufgabe. Er bezieht sein Büro im alten Schleckermarkt mitten im maroden Einkaufszentrum. Die Blumenkästen vor der Tür werden bei der Eröffnung des neuen Stadtteilbüros von Bewohnern bepflanzt. Ein erster Versuch, Farbe und Leben in die triste Anlage zu bringen in dem auf zehn Jahre angesetzten Projekt „Soziale Stadt plus“, mit dem die Bedingungen im Viertel verbessert werden sollen. Dabei geht es um Bildungsangebote und die Verringerung der Erwerbslosigkeit, aber auch um infrastrukturelle Maßnahmen – und nicht zuletzt die Imageverbesserung. Das Geld kommt zu einem großen Teil aus dem Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“, durch das der Schelmengraben von 2012 bis 2022 unterstützt wird. Weitere Gelder kommen von der Stadt Wiesbaden.

Der Erfolgsdruck ist hoch
Tobias ist dabei nur die Spitze des Eisbergs – das von den BauHaus Werkstätten geführte Stadtteilmanagement ist immer direkt vor Ort. Die Projektleitung liegt im Amt für Soziale Arbeit. Dort werden auch die Ziele definiert und Ideen von den Bürgern aus dem Schelmengraben auf Umsetzbarkeit geprüft. Bürgermeister Arno Goßmann ist Schirmherr für das Projekt. Der Erfolgsdruck ist natürlich hoch: Nach vergangenen Projekten in der Wellritzstraße und in Biebrich soll die Einrichtung eines Stadtteilmanagements nun auch im Schelmengraben schnelle sichtbare Ergebnisse bringen. Nicht leicht in einem Langzeitprojekt mit zehn Jahren Laufzeit –  einem Zeitraum, der nachhaltige Veränderungen verspricht und überhaupt erst möglich macht. Zu lange aber, wenn schnell Vertrauen in der Bevölkerung gewonnen werden muss. Und letztlich auch die Politik Ergebnisse braucht. Das Einkaufszentrum mit dem Stadtteilbüro und vielen leer stehenden Ladenflächen wirkt häufig wie ausgestorben, selbst wenn die Geschäfte geöffnet haben. In den Ferien und abends wird es zum Treffpunkt von Jugendlichen und jungen Arbeitslosen. „Ich geh kaum in die Stadt, da ist alles teuer“, sagt einer von ihnen, bevor er sich eine Dose Bier aufmacht. Es ist Mittagszeit. Die anderen Jungs üben ihre Kickboxaktionen und hängen einfach ab. Es gibt nur wenige Freizeitmöglichkeiten im Viertel. Die meisten Angebote vor Ort richten sich eher an Jüngere.

Von der Wohnutopie zum sozialen Brennpunkt
Das Viertel war einst als Wohnutopie geplant: Die 1970 nach Entwürfen des Frankfurter Stadtplaners Ernst May fertiggestellte Großwohnsiedlung für rund 6.000 Menschen sollte Familien ein naturnahes Leben in Innenstadtnähe bieten. Die Lage des Schelmengrabens ist dafür geeignet, mit viel Grün im Viertel und der direkten Nachbarschaft zum Wald. Noch 2008 galt er allerdings als „das Wiesbadener Armutsquartier“. Der Schelmengraben hat den Ruf eines sozialen Brennpunkts mit hoher Arbeitslosigkeit. Zwei Drittel der Bewohner haben einen Migrationshintergrund. Und die ältere Bevölkerung, die teilweise seit 40 Jahren im Viertel lebt, leidet unter fehlender Infrastruktur. „18 Jahre stecken in dem Garten, jetzt soll ich ihn abgeben!“ schimpft Jakob Garbo im Gespräch mit Tobias Graf. Der Assyrer ist ein perfektes Beispiel für Integration. 1984 ist er aus Syrien gekommen. Gut vernetzt im Viertel, ist er ein optimaler Kontakt, genau der Typ Multiplikator, den sich die Projektleitung wünscht. Und doch wird er zum Leidtragenden der neuen politischen und sozialen Aufmerksamkeit in der Siedlung, denn ihm und anderen sollen nun die Pachtverträge der Gartenparzellen gekündigt werden, die sie teilweise seit mehr als 20 Jahren liebevoll hegen und pflegen. Es sind „interkulturelle Gärten“, die nun neu an junge Familien verteilt werden. Die bisherigen Pächter erfüllen die Pachtvoraussetzungen nicht mehr. Trotz solcher Ärgernisse ist Herr Garbo mit seinem charakteristischen Hut immer wieder im Büro des Stadtteilmanagers anzutreffen. Zum „Planning for real“ bringt er oft andere Bewohner mit.

Ideen und Wünsche für die Zukunft – „for real“
„Planning for real“ ist zu Beginn eine der wichtigsten Aktionen. Dabei sollen die Bürger das Viertel und ihre Häuser als maßstabsgerechten Stadtplan basteln und dabei ihre Ideen und Wünsche für die Zukunft einbringen. Nebenbei entstehen wichtige Bilder des Projektfortschritts, für Presse und Politik. Die Menschen im Schelmengraben sind geerdeter. Sie können mit all den Begriffen und politischen Prozessen wenig anfangen, sie brauchen keine PR-Story. Denn sie sind direkt betroffen. Für sie ist es einfach nur gut, dass nun Geld und Aufmerksamkeit in den Stadtteil fließt, egal, wie das Ganze genannt wird. Die Menschen haben Wünsche und Bedürfnisse. Nicht alle können oder wollen sie formulieren. Nicht alle werden mit der „Planning for real“-Methode erreicht. Manche sind resigniert statt motiviert. Aber: es kommen immer mehr Menschen ins Stadtteilbüro. Tobias freut sich über das wachsende Interesse. In den ersten Monaten des neu eingesetzten Stadtteilbüros geht es darum, Verbindungen aufzubauen und präsent zu sein, damit die Menschen von den Möglichkeiten erfahren und sie nutzen. Außerdem soll Vertrauen durch sichtbare Veränderung geschaffen werden. Deshalb wird das Einkaufszentrum, das viele Bürger als Schandfleck des Viertels sehen, mit Hilfe von Sponsoring nach und nach neu gestrichen. Die grünen löchrigen Eternitplatten auszutauschen und zu entsorgen, wäre viel zu teuer. So wird es der bis heute nicht fertiggestellte oberflächliche Anstrich – ein weiterer kleiner Schritt im Vorhaben, dem Viertel wieder mehr Attraktivität zu verschaffen. Und für gute Schlagzeilen zu sorgen.

Jakob Garbo muss schließlich seinen Garten abgeben. Eine Entschädigung gibt es nicht, mit den Nachmietern kann ein Abschlag verhandelt werden. „Ich könnte jetzt vor Gericht ziehen“, so Garbo, aber die Mühe ist es ihm nicht wert. Seit über 30 Jahren wohnt er mit seiner Frau im Viertel. Sie fühlen sich hier zu Hause. Drei Kinder haben sie in der Dreizimmerwohnung groß gezogen. Sein Engagement im Viertel lässt er sich nicht vom Misserfolg um seinen Garten verderben. Er ist schon wieder beim nächsten Projekt dabei, in dem es um die Integration syrischer Flüchtlinge geht.

Bunte Punkte, die sich in Maßnahmen verwandeln sollen
Ende 2014 ist der Plan des Viertels schließlich fertig gebastelt. Rund 60 Einwohner sind zum Bürgertreff gekommen und kleben bunte Punkte auf die ihnen wichtigsten Themen. Arbeitsgruppen werden gebildet, Wortführer kristallisieren sich heraus. Maßnahmen werden diskutiert. Beim Aktionstag „Schelmengraben aktiv“ im April 2015 werden dann endlich einige der Ideen öffentlichkeitswirksam angegangen. Wiesbadener Unternehmen steuern Geld, Material und Arbeitskraft bei. Rund 120 Bürger sind angetreten. Eine Wand soll verschönert, der Bolzplatz erneuert, Vorgärten bepflanzt werden. Auch Tobias packt mit an. Das alles geht natürlich nicht in einem Tag – es wird zwar viel geschaufelt, am Ende ist trotzdem nicht jedes Vorhaben abgeschlossen. Der Aktionstag wirkt symbolisch, fürs gute Gefühl. Menschen kommen zusammen, tauschen sich aus, so kann etwas über den Tag hinaus entstehen. Ein Bürgertreff ist nun regelmäßig eingerichtet, ein großer Spielplatz soll in diesem Jahr mit Unterstützung der Wohnungsgesellschaft GWH verschönert werden, für eine neue Bushaltestelle wurden knapp 600 Unterschriften gesammelt. Trotz zähem Start und Skepsis bei den Bürgern angesichts der vielen langjährigen Probleme geht es voran im Projekt „Soziale Stadt plus“. Auch die Blumenkästen vor dem Stadtteilbüro wurden bisher nicht durch Vandalismus zerstört – was ganz am Anfang noch eine Befürchtung war. Tobias kann auf anderthalb Jahre zurückblicken, in denen er heimisch geworden ist im alten Schleckermarkt. Auch wenn er abends nach Hause gehen kann, in ein anderes Viertel. Grundsätzlich scheint Optimismus darüber zu herrschen, dass etwas passiert im Schelmengraben. Nach langen Jahren des Stillstands.