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Veni, vidi, vegi! Veganismus aus verschiedenen Perspektiven – Blicke über den (Salat-)Tellerrand

Von Maike Hübinger. Fotos Kai Pelka.

Da soll noch einer durchblicken: Frutarisch, flexitarisch, Paleo, Pegan – hinter Begriffen, die im ersten Moment nach einem Auszug aus dem Fremdwörterbuch klingen, verbergen sich neuartige Ernährungskonzepte. Sie sorgen mittlerweile nicht nur für viel Verwirrung bei der Frage nach einer gesunden Lebensweise, sondern auch für heißen Diskussionsstoff. Während der eine auf Gluten verzichtet, greift die nächste zur (laktosefreien) Milch-Alternative, weil sie den Milchzucker nicht verträgt. Oder auch, weil es einfach cooler ist, im hippen Café um die Ecke Mandelmilch zum Cappuccino zu bestellen. Das Angebot an Ersatzprodukten ist groß, die Liste der unverträglichen Lebensmittel lang und das Konzept „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ wie zu Großmutters Zeiten, gehört längst der Vergangenheit an.

Lebensmittel als Lebensstil

Primäres Ziel unseres Wocheneinkaufs ist nicht mehr die Deckung des täglichen Kalorienbedarfs. Die Lebensmittel, die in unseren Einkaufskorb wandern, bringen mittlerweile vielmehr einen Lebensstil zum Ausdruck. Devise: „Du bist was du (nicht) isst“.

Wo findet nun eigentlich der Veganismus seinen Platz in einer Esskultur, in der die Nahrungsaufnahme zunehmend zum Mittel der Selbstdarstellung wird und Werte wie Individualisierung und Nachhaltigkeit die ursprüngliche Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse überschatten? Eine Frage, auf die unsere Landeshauptstadt interessante Antworten bereit hält – aus unterschiedlichsten Perspektiven.

Das sagt der Verein: Veganismus als Lebenseinstellung

„Dass wir Veganer generell nicht kurz davor sind, vom Fleisch zu fallen, das sollte spätestens nach dem Besuch eines unserer Treffen hier im Restaurant klar werden“, scherzt eines der Mitglieder des Vereins „Vegan in Wiesbaden“. Nach Verzicht sieht die Tafel bei dem gemeinsamen Essen an diesem Abend im „Zimt und Koriander“ im Westend tatsächlich nicht aus. Hier trifft man am dritten Dienstagabend eines jeden Monats geballt Veganer, wenn eine Gruppe Gleichgesinnter zum gemeinsamen Gedankenaustausch zusammenkommt. Neugierige willkommen: Der Verein mit seinen aktuell 26 aktiven Mitgliedern sieht sich als Plattform für all jene, die an der Thematik interessiert sind. „Gestartet sind wir vor vier Jahren als informelle Gruppe. Aber um einen legalen Rahmen für Aktionen wie beispielsweise Infostände in der Innenstadt zu schaffen, folgte dann im Oktober 2016 die Gründung als gemeinnütziger Verein”, erzählt Markus Dingfelder, Gründer und 1. Vorstandsvorsitzender, zur Entstehungsgeschichte. Er selbst ist überzeugter Veganer seit gut sieben Jahren. Angefangen mit der pflanzlichen Ernährung, inzwischen angekommen bei einem ganzheitlichen veganen Lebensstil, der also auch Aspekte wie Kleidung oder Kosmetik einbezieht. „Alles andere wäre ja inkonsequent“, bestärkt ihn Carolin Habermann, die 2. Vorsitzende des Vereins.

Freiheit statt Verzicht

Ausschlaggebend für die Umstellung ihrer Ernährung war für beide das Thema Tierschutz, durch das sich mit voranschreitender Zeit und zunehmenden Informationen auch ein anderes Bewusstsein in Bezug auf ihre Gesundheit entwickelt hat. Als Aufgabe und Ziel des Vereins sehen Dingfelder und Habermann insbesondere das Aufzeigen von Alternativen. „Wir sehen im Veganismus vor allem die Freiheit von, statt den Verzicht auf“, bringt Habermann den Grundtenor auf den Punkt. Aktivitäten wie die alljährliche Beteiligung an der weltweiten Initiative „Vegan Bake Sal“  stehen auf der Agenda bei ihrem Weg zur Aufklärung über die vegane Lebensweise. Gegen eine kleine Spende werden selbstgebackene Köstlichkeiten zum Probieren am Infostand in der Fußgängerzone angeboten. Backen ohne Milch und Ei? Nicht nur möglich, sondern auch verdammt lecker.

https://vegan-in-wiesbaden.de/

Das sagt der Tierschützer: Anfangen aufzuhören

„Irgendwann kam der Punkt, wo ich das Stück Fleisch nicht mehr vom Tier trennen konnte“, beantwortet Alexander Molitor die Frage, wie er zum Veganismus gekommen ist. Zehn Jahre ist das nun her. Heute bezeichnet sich der 49-Jährige als Tierrechtler, passend zu seiner Rolle als Regional-Coach bei der Albert Schweitzer Stiftung, einer bundesweit tätigen Tierschutz- und Tierrechtsorganisation. Ansatzpunkt Fleischindustrie, Ziel Abschaffung der Massentierhaltung. Erreicht werden soll dies vor allem durch Straßenkampagnen, bei denen sich in ganz Deutschland bereits vierzig Aktionsgruppen aktiv für eine Verbreitung der veganen Lebensweise einsetzen. Die Wiesbadener Gruppe wurde 2012 gegründet und war damit eine der ersten. Provokative Sprüche wie „Wen streicheln? Wen essen?“ auf Moving-Boards oder Plakaten sollen nicht nur – klar, provozieren – sondern insbesondere Denkanstöße für Veränderungen im persönlichen Konsumverhalten liefern. „Der Protest muss auf dem eigenen Teller beginnen“, unterstreicht der Tierrechtler seinen Standpunkt.

Win-win-win-Situation

Dass dieser Aufstand auch ganz schön schmackhaft sein kann, soll eine Teilnahme am kostenfreien E-Mail-Kurs „Vegan Taste Week“ beweisen. Über www.vegan-taste-week.de erhält der potenzielle Veganer eine Woche lang Zugang zu über 400 pflanzlich basierten Kochrezepten, nützlichen Einkaufstipps und setzt ganz nebenbei noch ein Zeichen gegen die Massentierhaltung. „Die Resonanz ist überwältigend positiv“, schwärmt Molitor. Er erinnert sich an Tage, an denen seine Gruppe knapp 200 E-Mail Adressen in weniger als vier Stunden in der Wiesbadener Innenstadt gesammelt hat. „Im Grunde genommen ist das doch eine Win-win-win-Situation – für den Konsumenten, die Tiere und unsere Umwelt. Was will man mehr?“

https://albert-schweitzer-stiftung.de/helfen/aktiv/wiesbaden

Das sagt der Ernährungsberater: Ausgewogene Ernährung als Schlüssel
Dass er mal auf den Veganer-Zug aufspringen würde, war für Daniel Rudolph lange Zeit undenkbar. Bis zu seinem 30. Lebensjahr hat er sich nie große Gedanken über das Thema Ernährung gemacht. „Dann hatte ich plötzlich keine Lust mehr, Fleisch zu essen, aber dass ich mal komplett auf tierische Produkte verzichten werde, konnte ich mir nie vorstellen“, erzählt der 35-Jährige, der sich zum heutigen Zeitpunkt ausschließlich pflanzlich ernährt. Was aus ethischen Aspekten und der Liebe zu Tieren begann, ließ bald den Wunsch in ihm aufkeimen, das selbst angeeignete Wissen wissenschaftlich zu untermauern. Eine Ausbildung an der Fernschule „ecodem“  bot dem gebürtigen Wiesbadener und Familienvater die Möglichkeit, die Brücke zwischen seiner eigentlichen Arbeit sowie dem starken persönlichen Interesse an gesunder, nachhaltiger Ernährung zu schlagen. Vom Fleisch-Freund zum Soja-Sympathisant, vom studierten Umweltingenieur zusätzlich zum Ernährungsberater aus Leidenschaft. „In puncto Effektivität ist die vegane Lebensweise unschlagbar. Man muss nicht mal aktiv werden, sondern einfach gewisse Lebensmittel direkt beim Einkaufen weglassen“, äußert sich Rudolph zum Thema Nachhaltigkeit. Die Einkaufsliste als Stimmzettel für mehr Umweltbewusstsein.

Die B12-Frage

Dass es bei einem Umstieg auf die rein pflanzenbasierte Kost dennoch einiges zu beachten gibt, möchte der Ernährungscoach nicht verschweigen. „Es ist kein Geheimnis mehr, dass unser Bedarf an Vitamin B12 nicht durch pflanzliche Lebensmittel gedeckt werden kann, da es nahezu ausschließlich in tierischen Produkten vorkommt“, erklärt er. Da ist er also, der Haken. Schließlich ist das Vitamin ein lebensnotwendiger Mikronährstoff, der eine essentielle Rolle bei der Herstellung von DNA spielt. Ohne Vitamin B12 kein menschliches Erbgut, und Veganismus damit also doch eine gefährliche Mangelernährung? „Die meisten tierischen Produkte enthalten heute deshalb Vitamin B12, weil es bereits in das Futter der Tiere gemischt wird. Mit dem Wissen kann ja jeder für sich selber entscheiden, in welcher Form er den Nährstoff zu sich nehmen will“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Den Schlüssel zu einer gesunden Ernährung sieht Daniel Rudolph in einer unverarbeiteten, frischen und vollwertigen Küche. Stichwort Ausgewogenheit. Denn bei all dem Wirbel um den Essens-Trend vergisst man schnell, dass eine pflanzliche Ernährung nicht automatisch gesund ist. Schließlich kann man sich problemlos den Magen mit nicht gerade zucker-, fett- und kalorienarmen Köstlichkeiten wie veganer Eiscreme oder Schokolade vollschlagen. Aber mal ganz unabhängig davon, ob noch tierische oder bereits rein pflanzliche Produkte auf dem Speiseplan stehen: “Das Wort ‘Lebensmittel’ sagt ja eigentlich schon alles.”

www.gesundheitsingenieur.com

Das sagt die Gastronomin – Neue Geschmackswelten eröffnen

Über die Frage, warum sie sich vegan ernährt, muss Alina Hoyer nicht lange nachdenken. „Bereits mit 9 Jahren habe ich aufgehört, Fleisch zu essen. Der Tiere wegen“, erzählt die Gastronomin aus ihrer Kindheit. „Gerade wenn man noch so jung ist, wird man natürlich oft nicht ernst genommen, und so wurde meine vegetarische Ernährung eher als Phase abgestempelt“, führt sie weiter aus. Nach Jahren ohne Fleisch stieg die Tierliebhaberin 2010 dann endgültig auf eine rein pflanzliche Kost um. „Davor haben mir einfach die Infos gefehlt. Aber als ich mich dann endlich mal ein bisschen mehr in das Thema Veganismus im Internet rein gelesen habe, fiel mir die Umstellung absolut nicht schwer“, berichtet die mittlerweile Vollblut-Veganerin über den Wechsel ihrer Ernährung. Neben Hoyers großer Liebe zu Tieren ist das Thema Nachhaltigkeit einer der Hauptbeweggründe für ihren heutigen veganen Lebensstil. Von wegen alles nur eine Phase.

Inzwischen betreibt sie das einzige ausschließlich vegane Restaurant in Wiesbaden, das „fair.liebt“ im Herzen des Wiesbadener Dichterviertels. Wo früher über Jahrzehnte der „Chianti-Keller“ und zuletzt die „Dichterküche“  ihre Heimat hatten, kann man sich seit Juni 2017 in entspannter Wohnzimmer-Atmosphäre von Hoyer und ihrem Team nachhaltig überraschen lassen. „Es gab auch schon mal Leute, die bis kurz vor Verlassen des Restaurants gar nicht realisiert haben, dass sie gerade ein komplett veganes Abendessen aufgetischt bekommen haben“, schmunzelt die Ladenbetreiberin.

Vegan undercover

Denn auch wenn sie es sich von ganzem Herzen wünschen würde: „Das Restaurant wird nicht überall offen als vegan kommuniziert.“ So fehlt eine entsprechende Kennzeichnung beispielsweise bereits auf dem Schild, das über dem Eingang in der Wielandstraße hängt. Als überzeugte Veganerin sieht die Besitzerin das natürlich zwiegespalten, dennoch möchte sie sich nicht direkt den Veganer-Stempel aufdrücken lassen. So hofft sie, auch Skeptiker der veganen Ernährung mit ihren kulinarischen Kochkünsten abholen zu können. „Bei meinem Vermieter hat es ja auch schon geklappt. Der wollte mir die Räumlichkeiten erst gar nicht überlassen, aber ich habe nicht aufgegeben, ihm ein komplett veganes Abendessen gekocht und mit nach Hause gegeben. Anscheinend hat’s geschmeckt“, erzählt Hoyer augenzwinkernd.

Mit ihrem Restaurant räumt die Gastronomin so manches Vorurteil der veganen Küche gegenüber mühelos aus dem Weg. Auch durch das wachsende Angebot an Alternativprodukten wird eine Ernährungsumstellung in ihren Augen immer leichter: „Früher gab es ja noch nicht mal sowas wie veganen Käse. Keine Frage, es ist eine große Umstellung, aber vielleicht sollte man der veganen Ernährung auch einfach mal eine Chance geben. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.”
http://fairliebt-vegan.de/

DER KLEINE VEGAN-GUIDE

Inspirationen für den veganen Genuss in Wiesbaden.

Cafés & Restaurants

Molino: vegane Kuchen – heimathafen: veganes Pancake-Frühstück, Sandwich, süße Nachspeisen – Café Latte Art: veganer Kuchen, Eis – Café Klatsch: veganes Frühstück, Salate, Fladenbrot, Pizzaflammkuchen – fair.liebt: rein veganes Restaurant – Zimt und Koriander: vegane indische Küche – MoschMosch: Japanische Nudelbar „nach veganer Rezeptur“ – Lumen: veganes Frühstück, Burger – Namaste Nepal: vegane nepalesische und indische Küche – Himalaya Sherpa – veganes aus Nepal in Mainz-Kastel – Hans im Glück: vegane Burger, Soße, Nachspeise – Vapiano: vegane Vorspeisen, Pasta, Nachspeise – Dean & David: veganer Salat, Sandwich, Wrap, Suppen – Du & Ich: veganes Panini, Salat, Nudeln – Chidoba: veganer mexikanischer Burrito, Taco – Ambessa Afrika: vegane äthiopische und eritreische Spezialitäten – Friday Cupping Room: veganes Bananenbrot – Tialini: Vegane Pizza- und Pasta-Optionen.

Imbisse & Bistros

Pizzeria Verona: Pizza mit veganer Käsealternative – Avanti Bar & Pizzeria: vegane Pizza –
Bei Gabriel: vegane libanesische Gerichte (z. B. Falafel Sandwich) – Safran: vegane persische Küche – Tom & Sally’s Salatbar: Salat, vegane Nachspeise – denn’s Biomarkt: wechselnde vegane Mittagsangebote – Feinkost Feickert: wechselnde vegane Mittagsangebote

Einkaufen
Haselnuss Hofladen, ProBio, unverpackt meudt, tegut, Alnatura, denn’s Biomarkt, Wochenmärkte Wiesbaden, Lush Kosmetik, hurra – veganer Secco aus Wiesbaden, Deliciense – vegane Cashew Trüffel Manufaktur.

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