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Verborgene Welten: „Alf“-Beerdigung – Abschied von einem, der im Abseits lebte und doch dazugehörte

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Von Martin Mengden.

Der Antwort auf die Frage, wer „Alf“ wirklich war, ist kaum beizukommen. Zu wenig ist über ihn bekannt, zu verschlossen ist er gewesen. Die Antwort auf die andere Frage, wie er auf uns Außenstehende gewirkt hat und was wir in ihm gesehen haben, lässt sich vielleicht leichter finden.

Alf wirkte wie ein ewig Suchender. Irgendeine Frage, irgendeine Sehnsucht schien ihn durch Wiesbadens Straßen ziehen zu lassen. Vielleicht war es die Melancholie eines Romantikers, die ihn zwar nicht zur Loreley, wohl aber zum Beispiel zum Sedanplatz trieb. Dort saß er an der Bushaltestelle, gemeinsam mit seinem Alf-Stofftier. So lange und so beständig, bis er zum Wiesbadener Stadtbild geworden war. Auf diese Weise bin ich, wie viele andere, mit – oder besser: neben – Alf aufgewachsen.

Unsere Vorstellung von dem Menschen hinter Alf ist zwar zweifelsohne immer auch beeinflusst gewesen von der gesellschaftlichen Idee von „dem Alkoholiker“, jenem einfältigen Konzept der Nicht-Unterscheidung, das den Blick von uns ewig Nüchternen trübt: „Da schau, ein Alkoholiker“. Es war ein Stofftier, das es aber immerhin vermochte, dieses Bild mit einem anderen Bild zu überlagern: „Da schau, der biertrinkende Mann mit Alf-Puppe“.

Das Gefühl von Kindlichkeit, die immer mitschwingende Distanz zum Erwachsensein war es wohl, die bei Außenstehenden so viel Rührung hervorgerufen hat: Kindlichkeit trägt immer eine Waagschale voll hoffender Sehnsucht in sich. Die wog auch hier so schwer, dass sie das sonst dominierende Bild der alkoholischen Destruktivität beiseite zu drängen schien. Aber eben nur das Bild: Die zerstörerische Kraft des Alkohols begann auch Alf mit den Jahren sichtlich zu zeichnen und langsamer werden zu lassen.

Auf eine eigentümliche Weise hat Alf zu Wiesbaden gehört. Er war eine öffentliche Figur. Als solche war er irgendwie integriert worden, obwohl kaum jemand wusste, wer er war. Schon diese Frage – wer war er „wirklich“? – sagt ja viel über uns aus:  Mit ihr sucht man nach einer bürgerlichen Anknüpfung. Sah er nicht so normal, in jüngeren Jahren auch durchaus attraktiv aus? Weil das Gehirn fehlende Information kreativ ersetzt, entstanden Mythen von Alf als einstigem Arzt oder gescheitertem Firmeneigentümer. Daraufhin erschien ein Zeitungsartikel, der sich daran machte, die Mythen zu widerlegen.

Alfs radikale Abweichung von der Norm, seine bürgerliche Ablehnung, ist offenbar großteils akzeptiert oder zumindest entschuldigt worden. Man blickte auf ihn mit milderen Augen als auf andere Trinker. Er bekam einen neuen Alf geschenkt, als er plötzlich ohne Stofftier aus dem Haus ging, weil eines davon vor seinen Augen verbrannt worden war. Eine berührende Geste, die sich nachträglich betrachtet wie eine stellvertretend überbrachte Entschuldigung der Gesellschaft lesen lässt: Eine Entschuldigung für diejenigen unter uns, die es nötig haben, fremde Stofftiere zu verbrennen. Eine Entschuldigung für eine Gesellschaft, die es immer noch nicht gelernt hat, harmlose Andersartigkeit ohne Wenn und Aber zu akzeptieren.

Am 16. März 2015 ist Wolfgang Ahrens gestorben, der Mann, den Wiesbaden als „Alf“ kannte. Beigesetzt  worden ist er am 28. April auf dem Waldfriedhof Dotzheim. Die Trauerrede, die die Pastorin in diesem Rahmen hielt, hat das öffentliche Bild von Alf um einige Facetten bereichert. Sie fügen sich allesamt nahtlos ein: Schon immer war er gerne unterwegs gewesen; als Jugendlicher war er kilometerweit gewandert, um seine Freundin zu besuchen. Er hat außerdem den Sternenhimmel gemocht. Daraufhin ertönte auf der Trauerfeier ein Lied von Christina Stürmer: „Millionen Lichter über der Stadt.“ In diesem Moment war sie noch einmal zum Greifen nah, die Suche und Sehnsucht, die Alf nach außen getragen hat.

Was bleibt, ist ein starkes und berührendes Bild von „Alf“, dem stadtbekannten Wanderer.

 

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