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Verborgene Welten: Auf der Suche nach dem Stadtmuseum

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Von Martin Mengden. Bild Simon Hegenberg. 

Neulich habe ich mir vorgestellt, wie ich nach vier Jahren Abwesenheit zum ersten Mal wieder durch Wiesbaden laufe. Ich schlendere also durch meine Heimatstadt, und weil ich so lange nicht mehr da war, möchte ich zuallererst dieses neue Stadtmuseum besuchen, das endlich eröffnet hat. Nach einigem Suchen erreiche ich schließlich ein Haus, das verdächtig nach Museum ausschaut. Neugierig gehe ich hinein. Sofort schlägt mir diese wunderbar andächtige Museumsatmosphäre entgegen. Weiße Wände, White-Cube-Ästhetik, einige verstreute Tische mit modernen Stühlen darum. Vom Hörensagen weiß ich, dass unser Stadtmuseum den Anspruch erhebt, ein Ort zu sein, „an dem sich alle treffen können“. Ja, das muss er sein, denke ich, das hier ist dieser Ort: Dieser einladende Eingangsraum, sehr gemütlich, sogar Teppich ist hier ausgelegt. Hier verweilt man gerne, die vereinzelten Besucher wirken auch ziemlich zufrieden. Nur Bilder sehe ich keine. Also frage ich eine umherlaufende Museumswärterin, wo denn die Bilder sind. Sie antwortet: “Mein Herr, Sie sind hier in der Stadtbibliothek”.

Na gut, da kann man ja mal durcheinanderkommen, denke ich. Also laufe ich weiter durch mein Wiesbaden, über Hügel und Hauptstraßen, man kennt das ja. Bis ich endlich, nun absolut unverkennbar, vor dem Museum stehe. Schon von außen identifiziere ich den großen Mehrzweckraum, von dem mir berichtet wurde, dass man dort auch Konzerte veranstalten kann. Schön, wie die Glasfassade den Raum transparent macht. Erleichtert bemerke ich: Hier hängen sie auch, die Bilder. Wirklich, ein wunderbarer Raum, etwas wenige Besucher vielleicht, aber wunderbar. Dieses Potenzial. Dem Museumswärter, als einzig greifbaren Vertreter seiner Art, mache ich überschwängliche Komplimente. Der lässt sie gerne über sich ergehen, bis er bemerkt, dass ich das Kunsthaus mit dem Stadtmuseum verwechselt habe.

Nun schon etwas verwirrter, treibe ich also erneut hinaus in die Stadt. Mir steht die suchbedingte Erschöpfung offenbar ins Gesicht geschrieben: Die seit jeher hilfsbereiten Wiesbadener Stadtgenossen überbieten sich darin, sich höflich bei mir zu erkundigen, wo ich denn hinwolle. Das Stadtmuseum!, rufe ich in die Runde. Ach das, erwidert man mir, da sind sie hier aber falsch, das liegt doch an unserer Rue. Natürlich, an der Rue! Wo die ist, das habe ich natürlich auch nach vier Jahren Wiesbaden-Abstinenz nicht vergessen.

Endlich stehe ich also vor dem neuen Stadtmuseum. Zuallererst versuche ich, die zu Planungsbeginn umstrittene Architektur auf mich wirken zu lassen. Doch die vorbeifahrende Oldtimer-Kolonne lenkt mich zu sehr ab. Überhaupt herrscht reger Betrieb: Ich muss die kurze Lücke zwischen den Oldtimern und den heranrückenden Pferdekutschen, Taxifahrern, getunten Gebrauchtwagen, röhrenden Motorrädern und mammutgroßen Geländewagen abwarten, um mich auf den Mediascreen, einem riesigen Handybildschirm, der vom Vordach das Hauses herunterhängt, konzentrieren zu können. Ich stelle zunächst fest, aus der Ferne betrachtet wirkt die Wilhelmstraße nun tatsächlich ein wenig wie das Frankfurter Museumsufer: Museen reihen sich an Kunstvereine, das Stadtmuseum nimmt hier ästhetisch die Rolle des Kommunikationsmuseums ein. Nur der Fluss fehlt. Beim Näherkommen realisiere ich, dass der museale Mediascreen gerade ein Spiel der Fußball-WM 2018 überträgt. Das Stadtmuseum, es ist also tatsächlich ein Ort, an dem Wiesbaden sich trifft. Auf dem geräumigen Museumsvorplatz werden Würstchen und Rieslingweine verköstigt. Ich kämpfe mich vorbei an den rieslingtollen Public Viewers und betrete endlich auch den großen Mehrzweckraum des Museums. Dort wird gerade ein Konzert gegeben. Ich traue meinen Ohren nicht, es ist Mallett. Auch hier alles beim Alten: Der Blick einiger älterer Konzertbesucher macht den Anschein, als hätten diese in ihrem Leben noch nie eine andere Band gesehen.

Ich erforsche den Museumsbau weiter: In Hinterzimmern sind doch noch antike Nassauer Kunstschätze ausgestellt. Dort haben sich auch einige ältere Wiesbadener versammelt, um sich ihrer Identität zu vergewissern. Vergeblich: Es ist 18 Uhr, die Türen sind schon verschlossen. Wären sie besser in den Rheingau gefahren.

Das Stadtmuseum als objektgewordene Wiesbadener Persönlichkeitsstörung. Hier bin ich zuhaus. Und jetzt erstmal ins Opelbad.