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Verborgene Welten: Lasertag – Neurotische Gefechte in sprechenden Westen

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Von Martin Mengden. Foto Simon Hegenberg.

„Ein gewerbliches Unterhaltungsspiel, das auf die Identifikation der Spielteilnehmer mit der Gewaltausübung gegen Menschen angelegt ist und ihnen die lustvolle Teilnahme an derartigen – wenn auch nur fiktiven – Handlungen ermöglichen soll (…), ist wegen der ihm innewohnenden Tendenz zur Bejahung oder zumindest Bagatellisierung der Gewalt und wegen der möglichen Auswirkungen (…) auf die allgemeinen Wertvorstellungen und das Verhalten in der Gesellschaft mit (…) der Menschenwürde unvereinbar.“

So schreibt es das Bundesverwaltungsgericht. „Laserdromes“ können, so das Gericht weiter, lustvolles Töten zu Unterhaltungszwecken simulieren, weshalb die Würde des Menschen betroffen sei.

Was ein Gericht schreibt, muss bekanntlich nicht richtig sein. Für sensor wollte ich daher den Praxistest machen. Was passiert mit dem Menschen, wenn er sich in kargen Gewerbehallen mit Laserstrahlen beschießt? Macht es ihn zur gewaltbejahenden Kampfmaschine? Lässt der Strahl gar seine Menschenwürde schmelzen?

Es war Sonntagmorgen, 10 Uhr, die Sonne strahlte. Ich befand mich irgendwo im Gewerbegebiet in unmittelbarer Baumarkt- und Autobahnnähe. Von außen machte die Lasertag-Halle den Eindruck eines Sonnenstudios. Drinnen erklärte man mir viele Regeln: Vor allem sollte ich bloß auf die teure Weste aufpassen, die Laser-Treffer erkennen, anzeigen und ansagen (!) würde. Schnelles Rennen war verboten, da würde die Versicherung nicht zahlen.

Meine Spielkameraden und ich betraten sodann einen Vorraum, hier wurden die teuren Kampfwesten angelegt. Ein Kabel verband die Weste auch mit meinem Schießgerät. Das lag gut in der Hand. Mit der vielen Technik am Körper fühlte ich mich wie RoboCop – ein Kindheitstraum wurde wahr. Dann begann ein Countdown, gleich würden wir in die Spielhalle stürmen und uns in den kopflosen Kampf stürzen. Die Aufregung stieg: Was würde mit mir, mit uns, in der Kampfzone passieren? Würde das Bewusstsein sogleich in einen raubtierhaften Kriegsmodus umschalten?

Was in der dunkel-vernebelten Halle dann passierte, daran kann ich mich kaum erinnern. Nur ein paar Bilder sind geblieben: Wie ich hinter kargen Trennwänden kauere. Wie im diffusen Laserlicht urplötzlich Figuren vor mir stehen, von denen ich weiß, dass es meine Freunde sind. Wie wir in der nächsten Sekunde, mit verzerrtem Gesicht und ohne jeden Augenkontakt, so neurotisch wie wahllos den Auslöser unseres Plastikgewehrs betätigen.

Ich war nicht bei der Bundeswehr. Deshalb kann ich nicht sagen, wie eine authentische Kriegssimulation ausschaut und sich anfühlt. Aber ganz bestimmt nicht so wie dieses Lasertag. Es fehlt einfach an Schlamm, Lärm und Tarnnetzen. Die Atmosphäre in der Lasertag-Halle rangierte eher zwischen Science-Fiction-Computerspiel, schlecht beleuchtetem Messebau und Neunzigerjahre-Techno-Disko.

Bleibt noch die Frage nach Moral und Menschenwürde. Vorab kann ich sagen: das Spiel ist Sport. Am nächsten Tag stellte sich bei mir ein ordentlicher Muskelkater ein. Schon mal besser als der Ego-Shooter, wirkt es doch Fettleibigkeit entgegen.

Interessant ist außerdem, worauf sich der Laserdrome-Veranstalter im genannten Gerichtverfahren berufen hatte, nämlich auf die Nähe zu gesellschaftlich bereits anerkannten „formalisierten und ritualisierten traditionellen Kampfsportarten wie Fechten und Boxen“. Das leuchtet mir ein, denn was simuliert Tötungshandlungen eher als das Fechten?

Wenn sich Freunde in Science-Fiction-Umgebung gegenseitig animalisch mit Plastikwaffen beschießen, dann kann ich darin insgesamt keine gewaltverherrlichende Verrohung der Gesellschaft erkennen. Ich glaube, Gewaltverherrlichung entsteht vor allem durch gewaltbejahende Erziehung. Das gewaltbereite Kind ist sozusagen schon vor dem „lasertaggen“ in den Brunnen gefallen.

Schafft man sich als Gesellschaft dagegen fliegende Roboter an, um damit aus sicherer Entfernung heimtückisch Bösewichte zu liquidieren, so sehe ich darin eher gewisse bagatellisierende und verrohende Züge in Bezug auf die Gewaltausübung gegen Menschen. Das bei uns ja zum Glück noch nicht geschehen. Und sowieso ein ganz anderes Thema.

Lasergalaxy, Hagenauer Straße 17-19, 65203 Wiesbaden, www.lasergalaxy-wiesbaden.de

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