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Verborgene Welten – Nettogeschichten: Das ungeschminkte Deutschland zum Dauerniedrigpreis

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Von Martin Mengden. Bild Simon Hegenberg.

Supermärkte sind wie Menschen. Jeder hat seinen eigenen Charakter. Alnatura zum Beispiel ist ein verlässlicher, gut sortierter, idealistischer, vielleicht weltfremder, manchmal spießiger, auf jeden Fall wohlhabender Typ. Rewe ist eher der harmoniebedürftige, unentschiedene Kompromiss-Charakter, sozusagen der supermarktgewordene Opel. Ein Netto, besonders die Filiale in der Hellmundstraße, ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt: Rau, fahrig, mürrisch, ein Produkt seiner (tendenziell eher beschissenen) Umstände. Er ist das Gegenteil vom Alnatura.

Manchmal sind Supermärkte Orte gesellschaftlicher Integration. Dann trifft dort zusammen, was sich nie verabreden würde. Dann bildet sich, für einen kurzen Moment, eine Gemeinschaft. Im Netto in der Hellmundstraße geschieht das auf besonders spannungsvolle Weise: Hier trifft der Alkoholiker auf die Muslima, der Sechsjährige auf die Achtzigjährige, Schwarz auf Weiß, alt auf gesund, hessisch auf hessisch-marokkanisch. Nettos Charakter ist voller Widersprüche. Man könnte ihn als authentisch beschreiben: Die Kassierer sind schlecht gelaunt, wenn sie schlecht gelaunt sind. Da wird nichts vorgetäuscht. Netto-Mitarbeiter schlucken Spannungen untereinander nicht herunter, sie tragen sie offen aus. Gleiches gilt zwischen Kassierer und Kunden. Hier kann ruhig jeder alles mitkriegen. Es ist ein bisschen wie in einer Großfamilie. Etwas müffeln darf man ruhig auch mal. Das klingt eigentlich alles recht gesund. Vor allem aber führt es zu überraschenden Ereignissen.

Als ich zum Beispiel einmal an der Kasse wartete, stand ein ungefähr dreißigjähriger Mann vor mir, Discount-Limo in der einen Hand, Discount-Bier in der anderen. Natürlich war wieder nur eine der beiden Kassen besetzt, obwohl unsere Schlange bereits eine beträchtliche Länge erreicht hatte. Der Mann, stilecht in Jogginganzug und Adiletten gekleidet, rief also das aus, was man in diesem Falle so ausruft: „Zweite Kasse bitte!“. Trotz seines ja überaus angepassten Verhaltens passierte, wie so oft: nichts. Der nunmehr sichtlich genervte, hochnervöse Mann wurde deshalb aber weder laut noch aggressiv. Spielerisch-kess griff er sich vielmehr eine Nektarine aus der neben dem Kassenbereich gelegenen Obsttheke, biss hinein und schmatzte provokant. Das besänftigte ihn. Für ihn war es eine angemessene Entschädigung, ein kulinarischer Protest sozusagen. Irritiert hat das niemanden.

Inzwischen war die zweite Kasse dann doch noch aufgemacht worden. Dort erkannte ich einen meiner Nachbarn, er war gerade im Begriff zu zahlen, drückte der Kassiererin eine Handvoll Münzen in die Hand. Die aber verweigerte pikiert die Annahme des Kleingeldes. Schlecht gelaunt pampte sie, dass das jetzt nicht mehr ginge, dass schon Feierabend sei. Ich schaute auf die Uhr, es war erst zehn vor Neun. Es entstand ein Wortgefecht,  mein Nachbar verlangte schon nach dem Vorgesetzten. In diesem Moment solidarisierte sich plötzlich der gesamte Kassenbereich mit dem Kleingeldzahler, die Frau hinter meinem Nachbarn sagte gelassen: „Wir warten“, und selbst der Nektarinendieb murmelte: „Money is Money“. Es entstand, wenn auch nur ganz kurz, eine geschlossene Gemeinschaft. Gelebte Integration, Netto sei Dank.

Ein andernmal, in einer sehr heißen Woche im Hochsommer, stand die gesamte Kühltheke drei Tage lang leer. Meter um Meter blanke Regale. Ich wollte nur schnell eine Milch holen gehen und fragte jetzt, wohl sichtlich verdutzt, einen Mitarbeiter, wo denn die ganze Milch sei. Dieser antwortete im Automatenstil: „Heute nur H-Produkte.“ Das war´s, ich bin wieder gegangen. So läuft das im Netto. Das nimmt man dann halt so an.

Noch ein anderes Mal ließ ein Mann an der Kasse einen Joghurt für 29 Cent – seinen einzigen Einkauf – wutentbrannt auf dem Supermarktboden zerplatzen, weil dieser seiner Ansicht nach mit 19 Cent ausgepreist gewesen sei.

Wiederum an einem anderen Tag habe ich im Netto einen grüngraugesichtigen Untoten beobachtet, der zwar kaum noch laufen konnte, aber trotzdem einen Wodka kaufen wollte. Aber das ist eine andere, besonders traurige Geschichte.

Im Internet kursiert der Begriff „Ghetto-Netto“. Es gibt sogar einen skandinavischen Rap-Song darüber. Ich empfinde den Begriff als grob vereinfachend. Netto, das ist ein essenzieller Teil von Deutschland, ungeschminkt und ungefiltert. Jeder Deutsche sollte einmal in einem Netto eingekauft haben. Auch chinesischen Touristen würde ich statt Neuschwanstein einen Netto empfehlen. Ich würde Kappen verteilen mit dem Satz:

Bist du ein Entdecko, kaufe ein bei Netto.

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