| | Kommentare deaktiviert für Verstörung garantiert! Good News: Die „Wiesbaden Biennale“ mischt die Stadt auf

Verstörung garantiert! Good News: Die „Wiesbaden Biennale“ mischt die Stadt auf

Foto: Florian Krauss

Aufregend, radikal, anders – und gewollt verunsichernd, verstörend, irritierend. Die Wiesbaden Biennale wird erneut kuratiert vom genialen, hellwachen und – wenn man sieht, welche verlassenen, verlorenen und eigentlich unzugänglichen Orte der Stadt sie (wieder)beleben – energischen, hartnäckigen und durchsetzungskräftigen Gespann Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer. Die Beiden bringen, mit dem Segen des Staatstheaters und dem Einsatz eines starken Teams, diesmal unter der Überschrift „BAD NEWS“ zeitgenössische Positionen und vor Ort entwickelte Neuproduktionen von 25 internationalen Künstlern, Kollektiven und Ensembles aus den Bereichen Performance, Theater und Bildende Kunst in die Stadt. Und das sind natürlich eigentliche gute Nachrichten. sensor präsentiert die Biennale, die am 23. August eröffnet wird und bis 2. September läuft, als Medienpartner.

Schon die vor Monaten verteilten Teaser-Flyer sorgten für Irritationen: „BAD NEWS“ in stylischen goldenen Lettern auf schwarzem Grund. Mehr nicht. Was soll das? Auch Journalisten reagieren regelmäßig verunsichert auf die mitunter kryptischen Verlautbarungen aus der Biennale-Schaltzentrale. „Wiesbaden Biennale“, das ist immer auch eine Aufforderung zur Auseinandersetzung. Und genau das sind, in Zeiten der Oberflächlichkeit und Informationshäppchenkultur, eindeutig „good news“.

Vieles bleibt bis zuletzt geheim

Performatives Pornokino
Workshy
eine Performance von Katy Baird
Foto: Holly Revell

Was also passiert denn nun bei dieser Wiesbaden Biennale? Ganz genau wird man es erst erfahren, wenn man es erlebt, wenn man die Biennale also besucht. Vieles bleibt bis zuletzt geheim, einiges aber darf inzwischen verraten werden. Als „spekulative Zukunftsvision“ wird das Staatstheater einer Nachnutzung als Parkhaus, Shopping-Arkade – im Foyer wird ein echter Rewe-Supermarkt eingerichtet – und Autokino unterworfen.

Die leer stehende City Passage an der Schwalbacher Straße, umstritten verwaistes Wasteland der Wiesbadener Innenstadt, eröffnet als neuer Ort der Künste und wird zum eigentlichen Zentrum des Biennale Geschehens. Internationale Künstler wie Roger Ballen, Florentina Holzinger oder Tetsuya Umeda schaffen neue Arbeiten für einen installativ-performativen Parcours. Bespielt wird eigentlich die ganze Stadt, seien es die Reisinger Anlagen (von Santiago Sierra), die ehemalige Volksbank am Bismarckring, das frühere „Koi“ in der Faulbrunnenstraße oder das letzte Wiesbadener Pornokino, „Bluebox“ in der Schwalbacher Straße.

Radikal unterhaltsam

Die Wartburg wird zum Migrantenstadl und erfindet sich neu als postmigrantische „Unterhaltungs-Mehrzweckhalle“ mit täglich wechselndem Programm von und für radikal unterhaltsame Parallelgesellschaften. Tunay Önder, preisgekrönte Bloggerin, Autorin und Aktivistin, verwandelt die Theater-Spielstätte täglich ab 15 Uhr in eine postmigrantische Mehrzweckhalle mit täglich wechselndem Programm. Hier trifft Westend auf Diskurs, Comedy auf Islam und Boxkampf auf Biogemüse. Eine charmant brachiale Übernahme aus der Peripherie mit unbedingtem Integrationswillen.

Wenn ich nicht im Theater bin, bin ich auf´m Sonnendeck
Festivalzentrum und Club an der Schwalbacher Straße und Sonnendeck auf dem Parkhaus der City Passage – hier steigt zum Beispiel am 30. August ein Konzert mit Les Trucs – laden zum lustvollen Verweilen, zu durchtanzten Nächten, Konzerten unter freiem Himmel und hitzigen Debatten.

Foto: Wojtek Arciszewski

Mit dem Umzug von der historischen Kurpromenade in das Hinterland der Landeshauptstadt erprobt das Festival exemplarisch Praktiken konsumorientierter Profanierung und künstlerischer Wertschöpfung im Stadtraum und sucht die Konfrontation mit Ästhetiken vulgärer Drastik und populistischer Agitation“, lassen die Biennalisten wissen. Verstanden? Super! Nicht verstanden? Auch kein Problem: Einfach eintauchen!

Auch der Hausherr des altehrwürdigen Staatstheaters, Intendant Uwe Eric Laufenberg, lässt das Biennale-Geschehen nicht nur zu, sondern begrüßt ausdrücklich die „konsequenten Setzungen“ des Kuratorenduos: „Sie fordern erneut dazu heraus, den Status quo spielerisch zu hinterfragen.“ Die Arbeiten, die Künstlerinnen und Künstler vor Ort entwickeln, versteht er als „eine mitreißende Einladung zur Konfrontation mit den Ängsten und der aufkommenden Wut, die an der Stabilität der westlichen Demokratien rütteln und Europa auffordern, neu Stellung zu beziehen! Ausgang: Offen!“

sensor präsentiert die „Wiesbaden Biennale“ vom 23. August bis 2. September als Medienpartner. www.wiesbaden-biennale.eu

(Dirk Fellinghauer, Fotos Wiesbaden Biennale)

How to Biennale
Fast alle Veranstaltungen, die tagsüber stattfinden, kosten keinen Eintritt: „Einfach loslaufen und entdecken.“ Für die meisten Abendveranstaltungen müssen Tickets, die teilweise knapp sind, gekauft werden. Eintritt frei heißt es auf jeden Fall bei der Einladung zu Diskussion, Feierei und ausgelassenem Tanz im allabendlichen und -nächtlichen Club an der Schwalbacher Straße. Wer nicht mehr weiter weiß oder einfach Fragen hat, ruft das Publikumshandy unter 0151/70044422 an.

Get into the Biennale-Mood
Zum Eingrooven – Willkürlich ausgewählte Original-Extrakte aus Ankündigungstexten unterschiedlichster Biennale-Produktionen. Um was es sich handelt, müssen – und können – Sie selbst herausfinden. „Von Rülpswettbewerben über Madame- Butterfly-Parodien bis zum Hitlerbärtchen lässt die kapverdische Ausnahme-Choreografin (…) nichts aus, um Hochkultur als Zombietanz zu zelebrieren!“ + „Entdecken Sie unvermutetes Leben hinter den Häuserfassaden einer längst vergessenen Geschichte. Lassen Sie sich entführen in verschlossene Welten, poetische Abgründe und tanzende Zerstörung.“ + „Von kleineren Drogendeals bis hin zu überdimensionalen Whopper-Meals – (sie) hat stets alles getan, um Menschen glücklich zu machen.“ + „ Das Selbstporträt eines Liebenden inmitten von ungehemmter Pornografie.“ + „Selbsternannter Integrations-Albtraum und „Ghettobraut aus Berlin“. Sie ist mindestens so laut wie sie aussieht, hält Gleichberechtigung für völlig überbewertet und redet dauernd von Kanaken und Kartoffeln. Mehr Klischee geht nicht.“ + „Auf der Suche nach menschlicher Nähe stalkt der preisgekrönte britische Performance- und Videokünstler (…) einen Supermarktkassierer und versucht ihm durch den Kauf von Kondomen, Tampons oder Schwangerschaftstest geheime Zeichen zu senden.“