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Vision für Wiesbaden: Alle happy im Alten Gericht

AltesGericht_Vision_3spVon Meinrad von Engelberg.

Wie könnte es werden, würden im Alten Gericht keine Wohnungen entstehen, sondern ein vielfältig lebendiges Haus der Stadtkultur? Ungefähr so:

Man schreibt den 3. Oktober 2020. An diesem Tag wird nicht nur die 30. Wiederkehr der deutschen Einheit gefeiert: Wiesbaden rüstet sich zu einem besonderen Festakt. Moritz- und Oranienstraße sind wegen des erwarteten Andrangs vorsichtshalber gesperrt, denn um „Fünf vor Zwölf“  soll die große Eröffnung steigen – in Erinnerung daran, wie knapp damals die Fehlentscheidung abgewendet werden konnte, das geplante Stadtmuseum angeblich provisorisch, aber vermutlich dann doch für viele Jahre in den Marktkeller zu versenken.

Oberbürgermeister (SPD) und Kulturdezernentin (CDU) erinnern an die Anfänge ihrer seit bald einem Jahrzehnt bestehenden großen Koalition und erläutern noch einmal, wie viel Energie es sie damals gekostet habe, diese einzig richtige Idee gegen viele Widerstände durchzusetzen. Der Stadtkämmerer pflichtet bei und betont, dass er schon immer der Überzeugung gewesen sei, dass der Umbau eines vorhandenen, denkmalgeschützten Gebäudes allemal günstiger komme als ein teurer Neubau, den man dann 30 Jahre lang per Staffelmiete abbezahlen müsste.

Freude bei den Gastronomen der Moritzstraße
Die Einwände der Daueropposition im Stadtparlament, vor einigen Jahren hätte sich das aus dem Magistrat noch ganz anders angehört, gehen im allgemeinen Jubel unter, als die Gastwirte der Moritzstraße, die sich über die zahlreiche neue Laufkundschaft freuen, endlich das Büffet mit Spezialitäten aus aller Herren Länder eröffnen.

Der städtische Denkmalpfleger verliest eine Grußbotschaft des Unesco-Welterbe-Komitees, das Wiesbaden dazu beglückwünscht, der lange Zeit eher halbherzig betriebenen Kandidatur durch den Verzicht auf die Projekte „Windräder auf dem Taunuskamm“ und „Wohnungen im Alten Gericht“ schließlich doch noch die erforderliche Ernsthaftigkeit verliehen zu haben.

Gerhard Schulz, Sprecher des AK Stadtkultur und des Kulturwirtschaft-Ausschusses in der IHK, gesteht, launig auf eine frühere Stellungnahme anspielend, er müsse nun zugeben, dass es sich manchmal doch lohne, länger darüber nachzudenken, welches Bier man in einer Kneipe bestellen wolle, wenn es am Schluss so frischgezapft und spritzig daherkomme wie das heute eröffnete „Haus der Stadtkultur“. Man kann ihm diesen Meinungsumschwung nicht verdenken, haben doch mehrere ehrenamtliche soziale Initiativen, Start-up-Firmen der Medienbranche und Vertreter der freien Theaterszene hier ihr neues und kostengünstiges Zuhause gefunden.

Studierende genießen Synergien
Für die Studierenden der FH Fresenius, Fachbereich Design, ist es nun ein kurzer Weg über den Hof, wenn sie aus ihrem schicken Neubau kommend bei einem dieser jungen Büros im Altbau ein Praktikum absolvieren wollen. Gründungsdirektor Dr. Bernd Blisch freut sich, als erste Ausstellung im räumlich großzügigen, aber mit geringem Aufwand bescheiden umgebauten „Stadtmuseum im Alten Gericht“ eine spannende Konfrontation von Abschlussarbeiten der Designstudierenden und Beständen der Sammlung Nassauischer Altertümer präsentieren zu können.

Das Hessenfernsehen interviewt indessen Familie Ahmet, die sich gerade in der neuen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte umschaut: Das sei ja gar nicht so verstaubt und langweilig, wie die Meckerer immer geargwöhnt hätten. Vielmehr könne man jede Menge über die Geschichte jener Stadt lernen, die seit nunmehr fünf Jahren ihre Heimat geworden sei, nachdem sie über die berühmt-berüchtigte Balkanroute nach Deutschland gekommen waren. Sie erinnern sich, dass sie erste Eindrücke von deutscher Bürgerbeteiligung im Rahmen jener Workshops gewannen, mit denen die Stadt Wiesbaden ab 2016 Ideen für das neueinzurichtende „Haus der Stadtkultur“ gesammelt hatte. „Wir haben gestaunt, dass wir als Asylbewerber sofort bei der Konzeption mitmachen konnten. Das Alte Gericht ist uns noch in bester Erinnerung von den Deutschkursen, die hier hilfsbereite BürgerInnen gratis angeboten haben, als kurz nach unserer Ankunft das Land Hessen sein bis dahin nicht öffentlich zugängliches Gebäude für kulturelle und soziale Zwecke geöffnet hat.“

Am Rande des ganzen Trubels stehen ein paar Leute, die immer noch steif und fest behaupten, dass es eigentlich eine kleine Bürgerinitiative gewesen sei, die damals für diese Idee so vehement geworben habe, während viele andere das Projekt noch für absolut utopisch und unsinnig erklärten. Aber so was kennt man. Am Ende gibt es immer ein paar Schlaumeier, die von sich behaupten, sie hätten es ja schon immer gewusst. Macht nichts, der Erfolg hat bekanntlich viele Väter und Mütter – spätestens dann, wenn aus vormaligen Visionen endlich Fakten geworden sind.

Die Landeshauptstadt Wiesbaden und das Land Hessen als Eigentümer haben die gemeinsame Absicht, dass die Nassauische Heimstätte im seit Jahren leer stehenden Gebäude des Alten Gerichts vierzig bis fünfzig Wohnungen errichtet. Eine Initiative will dies verhindern und dort stattdessen ein „Haus der Stadtkultur“ mit vielfältiger Nutzung als „kreatives Stadtlabor“ inklusive Stadtmuseum einrichten. Für eine entsprechende Petition wurden bisher rund 5400 Unterschriften gesammelt. www.altesgericht.de

Haben auch Sie eine Vision für Wiesbaden? Schicken Sie uns Ihre Kurzbeschreibung an hallo@sensor-wiesbaden.de. In loser Folge geben wir  Wiesbadener Visionären Raum für ihre Gastbeiträge.

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