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Visionäre Suche nach der jungen Kunst: Frühschoppen-Podcast online, heute „What´s Up – Wie?“-Finissage

Von Maximilian Wegener (Text und Fotos).

Wo sind die jungen Künstler in und aus Wiesbaden? Wo sind die Räume, in denen diese Künstler sich präsentieren, wo die Räume, in denen sie arbeiten können? Und, nicht zuletzt, wer bezahlt das Ganze? Kann und muss Kunst sich selbst finanzieren können – und falls ja, wie kommt man dahin? Um all diese und weitere Fragen drehte sich das Gespräch in der jüngsten Ausgabe des Visionären Frühschoppens im Walhalla im EXIL in der Nerostraße – wie immer moderiert von sensor-Chefredakteur Dirk Fellinghauer und diesmal ausgerichtet in Kooperation mit dem Nassauischen Kunstverein. Lest hier den Rückblick, lauscht dem Podcast – und geht heute noch ein letztes Mal in die „zugehörige“ Ausstellung im Nassauischen Kunstverein.

Grund für die Kooperation und Ausgangspunkt für die Diskussion war die Ausstellung „What’s Up – Wie ?“, die eine neue Generation Wiesbadener KünstlerInnen präsentiert:
Veruschka Bohn, Delia Fröhlich, Helena Hafemann, Nopolo ,Niklas Jesper Pagen und Theresa Weisheit. Die Ausstellung endet am heutigen Sonntag, sie ist bis 18 Uhr zu besichtigen, um 15 Uhr gibt es eine Finissage mit Führung und einem Glas Sekt.

Zu Gast auf der Bühne am Der visionäre Frühschoppen-Sonntag waren Kunstschaffende aus Wiesbaden sowie Vertreter der lokalen Kunstausstellungs- und Kunsthandels-Szene: Elke Gruhn, Vorsitzende des Nassauischen Kunstvereins. Simon Hegenberg, Künstler-Multitalent aus Wiesbaden. Samira Schulz, Wiesbadener Fotografin. Christian Rother, seit kurzem Mit-Inhaber der Galerie Rother-Winter und Gründer des Start-Ups „smart collectors“. Und – last but not least – Helena Hafemann, eine Wiesbadener Künstlerin der neuen, jungen Generation.

Das Format erfreut sich sichtlich einer konstant hohen Beliebtheit: Pünktlich um 12 Uhr war der Saal des Walhalla im EXIL einmal mehr rappelvoll – auch bei diesem Visionären Frühschoppen gab es kaum genügend Sitzplätze für all die interessieren WiesbadenerInnen, die an diesem Sonntag aktiv oder passiv an der Diskussion teilnehmen wollten.

Was macht die Kunst – und wo sind die jungen Künstler? 

„Wiesbaden wirkte auf Künstler noch nie schulbildend, wie etwa die Düsseldorfer– oder die Münchner Malerschule. Auch entwickelte sich hier zu keiner Zeit eine Künstlerkolonie. Während der Kurbetrieb Theater und Konzert förderte, blieb die bildende Kunst begleitende Attitüde“, zitiert Dirk Fellinghauer den Wikipedia-Artikel „Wiesbadener Maler und Bildhauer“, der auch ein Zitat des Vorsitzenden des Nassauischen Kunstvereins Hofrath Philipp Leyendecker von 1850 enthält. Der beklagt, dass er sich „in die traurige Nothwendigkeit versetzt sehe, junge vielversprechende künstlerische Talente unseres Landes, die sich um Empfehlung ihrer Unterstützungspetitionen an uns gewandt, nur auf bessere Zeiten vertrösten zu müssen.“

Die Frage, warum gerade junge Künstler aus Wiesbaden, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, ihr Glück oft anderswo suchen als daheim und sich der örtlichen Kunst-Landschaft häufig ganz entziehen, ist komplex. Jeder der Gäste hat sich in der einen oder anderen Weise mit ihr auseinandergesetzt. Der Visionäre Frühschoppen bot nun die Gelegenheit, diese Gedanken kurz und Bündig – jeweils in 5 Minuten Redezeit – mit dem Publikum zu teilen und zu diskutieren.

Gruhn: „Kunst ist – und braucht – Raum.“

Elke Gruhn ist seit 21 Jahren Vorsitzende des Nassauischen Kunstvereins mit seinen Ausstellungsräumen auf der Wilhelmstraße. Wo die jungen Wiesbadener Künstler sind und warum sie oft nicht in Wiesbaden bleiben, sondern beispielsweise nach Berlin oder Leipzig abwandern, hat sie sich schon oft gefragt. Ihr seien immer wieder auf auswärtigen Ausstellungen KünstlerInnen aufgefallen, die zwar in Wiesbaden geboren sind, von denen sie vorher aber noch nie gehört habe. Eine Antwort darauf kann sie nicht direkt geben – wohl aber eine Idee, was ihr Verein tun kann, um solche Künstler zu unterstützen: „Der Nassauische Kunstverein will eine Plattform sein für junge Wiesbadener Künstler, sie überregional bekannt machen und helfen, sie zu vernetzen.“

Hegenberg: „Keine Kunst ohne Subkultur, keine Subkultur ohne Räume.“

„Ich wehre mich dagegen, dass junge Menschen sagen: In Wiesbaden geht nichts“, sagt der Wiesbadener Künstler Simon Hegenberg. Er räumt allerdings ein, dass es hier keine Subkultur gebe, ohne die Kunst faktisch nicht existieren könne. Das sei besonders deshalb schade, weil Mainz so erfolgreich vorlebe, dass es auch anders geht. Dort nämlich gebe es öffentliche Räume, die einfach und kostengünstig für Subkultur und Kunst verfügbar gemacht würden. Und das sei notwendig, um Kunst aus der „dekorativen, esoterischen Ecke“ zu holen. Das sei möglich – man müsse aber dafür sorgen, bürokratische Hürden so niedrig wie irgend möglich zu machen.

Schulz: „Mehr Austausch, mehr Räume, mehr Bewegung.“

„Ich bin nach dem Abi weg aus Wiesbaden, weil ich es hier so langweilig und spießig fand“, sagt Samira Schulz. 2012 kam sie wieder zurück, aus Buenos Aires, und war überrascht, „wie schön das Leben hier ist und wie einfach es sein kann.“ Sie habe aber den Konflikt vermisst, den Untergrund. „Dass man auf der Straße sieht sieht: Hier sind Leute, die anders denken, die nicht ganz so konform dieses schön funktionierende Leben leben, sondern auch andere Sichtweisen zeigen können.“ Ein leider nur temporärer hoffnungsvoller Ort sei das Alte Gericht mit seinen Künstlerateliers gewesen. Diese mussten allerdings nach einer Zeit wieder geräumt werden. Ihr Appell an Wiesbaden: Mehr Dialog schaffen zwischen den Kunstschaffenden, ein Forum ganz ähnlich wie der diesmalige Visionäre Frühschoppen selbst, nur öfter.  Ein Austausch über Fragen, was Kunst ist und was ihre Aufgaben sind. Und nicht zuletzt auch eine Plattform, über die Künstler ihre Arbeiten zeigen können.

Rother: „Kunst sollte sich refinanzieren.“ 

Chrisitan Rothers Vision für Wiesbadens Kunstszene ist vor allem eine finanzielle. Es gebe in Deutschland grob fünf bis sechs Prozent Kunstinteressierte, die bereit sein, dafür Geld auszugeben – in Wiesbaden hingegen eher ein Prozent. Wenn man versuche, die restlichen 95 bis 99 Prozent anzugehen und dazu zu bringen, Geld in Kunst zu investieren, dann könne man es schaffen, dass sich Kunst unabhängig von Zuschüssen und Fördergeldern selbst refinanziere – und das sei wichtig. Künstler, die bereits Geld mit ihrer Arbeit verdienten hätten die Verantwortung, „diejenigen, die das nicht schaffen oder nicht den Mut dazu haben, dazu anzustiften“. Er selbst betreibt einerseits das Start-up Smart Collectors und ist zudem kürzlich als Teilhaber in die renommierte Galerie Rother Winter eingestiegen – als Partner seiner Mutter Christine Rother, die das visionäre Geschehen aus der ersten Reihe verfolgte.

Hafemann: „Junge Kunst muss sich ausprobieren können.“

„Für mich hat die junge Kunstszene in Wiesbaden so nie stattgefunden“, sagt Helena M. Hafemann – selbst junge Künstlerin aus Wiesbaden. Räume, in denen sich junge, noch nicht etablierte Künstler jenseits des vermarktbaren Kontextes vernetzen können, seien rar. Sich ausdrücken und experimentieren zu können, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wie man das Resultat am Ende verkaufen könne, sei wichtig. Sie wünsche sich mehr Räume wie den Kunstraum in der Faulbrunnenstraße, in denen junge Kunst, auch jenseits der bildenden Kunst, sich ausprobieren kann.

Appell aus der Fishbowl: „Bezahlt die Leute!“

Neu bei diesem Frühschoppen war das Format der“Fishbowl“-Diskussione: Ein leerer Stuhl auf der Bühne, auf dem ein Besucher Platz nehmen und mitdiskutieren konnte. Zum Beispiel Felix, der sich mit einem Appell an die Kunstszene wandte: „Hört auf mit diesem Ehrenamt-Ding! Die jungen Leute sagen: Wovon soll ich leben?“ Wenn junge Leute sich zwischen Job und Ehrenamt entscheiden müssten, würden sie zwangsläufig den Job nehmen – einfach, weil es oft nicht anders gehe. Deshalb der Aufruf: „Zahlt nicht nur die Räume und das Material – denn die werden die Arbeit alleine nicht machen.“

Das ehrenamtliche Engagement um die Kunst, da ist sich auch Elke Gruhn sicher, werde sich verändern müssen. „Ich glaube nicht, dass die bisherige Struktur noch ewig hält.“ Die Vereinbarkeit von Ehrenamt, Broterwerb und Privatleben sei zunehmend schwierig und in der bisherigen Form immer weniger zu leisten. Einzelne Projekte seien sicherlich auch in Zukunft ehrenamtlich mach- und tragbar, eine dauerhafte Tätigkeit aber eher nicht.

Kunst im Konflikt zwischen Kreativität und Monetarisierung

Auch Christian Rother sieht in der Finanzierung von Kunst, unabhängig von Fördermitteln, eine wesentliche Aufgabe: „Auch der künstlerische Kreis muss betriebswirtschaftlich denken, nicht nur schaffend. Wir haben alle die Verantwortung zu schauen: Wie verdiene ich morgen meine Brötchen, damit ich das, was mir relevant ist, morgen auch noch machen kann.“ Seine Mutter und Mit-Galeristin Christine Rother betont die Bedeutung des Ehrenamtes, ohne das es nicht gehe. Was sie aber vermisse, seien Mäzene und Investoren, die bereit seien, Künstler finanziell zu fördern. Davon brauche es viel mehr in Wiesbaden. Junge KünstlerInnen müssten von ihrer Kunst leben können – dem schließt sich auch Elke Gruhn an, fragt aber, ob es wirklich die Verantwortung der KünstlerInnen sei, sich selbst zu vermarkten. Und Simon Hegenberg wirft ein, dass er als Künstler zunächst einmal ein Atelier finden und bezahlen muss, um überhaupt Kunst zu schaffen – und dass er es ablehne, seine Kunst „wie bei Ikea“ zu vermarkten.

Zum Ende hin geht es auf der Bühne nochmal hoch her. Gerade die Frage nach der Finanzierung und Vermarktung von Kunst erhitzt die Gemüter – es zeigt sich, dass vor allem die Rolle und Verantwortung der Künstler selbst von den verschiedenen Protagonisten sehr unterschiedlich bewertet wird, ebenso die Frage nach für die Kunst nutzbaren Räumen. Ein allgemeiner Konsens, soviel wird klar, wird sich so einfach nicht finden lassen. Aber, so Helena Hafemann und Samira Schulz, es gebe sie durchaus, die Freiräume. Man müsse sich aber trauen, sie im Beschlag zu nehmen. Der Wiesbadener Michael Eibes stellte im Fishbowl seine Vision eines „White Room“ als offenen Raum für Kunst und Kommunikation vor, an dem sich viele WiesbadenerInnen mit einem geringen Betrag beteiligen könnten.

„Platz da!? (Frei-)Raum für Kunst in Wiesbaden ist auch das Titelthema der gerade erschienenen sensor-November-Ausgabe.

Den vollständigen 22. Visionären Frühschoppen gibt es als Podcast, realisiert von Falk Sinß, zum Nachhören bei Anchor.fm!

oder direkt hier

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