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Von der Notlösung zum Exportschlager: Kunstkoffer bringt seit zehn Jahren erfolgreich Kinder auf die Straße

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Von Hendrik Jung. Fotos Arne Landwehr.

Seit zehn Jahren sind Titus Grab und seine Mitstreiter mit ihren Kunstkoffern unterwegs, um die Kinder der Stadt auf die Straße zu kriegen. Diese sind vom Angebot so begeistert wie ihre Eltern.

Hupend fährt Titus Grab mit seinem kleinen Piaggio-Transporter auf den Platz oberhalb des Stadtteilzentrums Schelmengraben. Es dauert keine fünf Minuten, bis die ersten Kinder freudig angerannt kommen, um ihm bei den Vorbereitungen zu helfen. Erst wird der Platz von Müll befreit. Dann helfen die Kinder beim Aufbauen der Materialien, mit denen sie sich in den nächsten zwei Stunden künstlerisch auseinander setzen können. Das beginnt bei Farben und Pinseln, reicht über Naturmaterialien wie die bei Niedrigwasser gesammelten Rheinmuscheln bis hin zum Ton. Vier Tonnen der Modelliermasse werden bei den Kunstkoffern in Wiesbaden jedes Jahr verarbeitet. Direkt daneben baut der Musiker Axel Schrepfer sein Material auf. Große Camembert-Kisten, die darauf warten, mit Hilfe von Sand zu Ocean Drums verwandelt zu werden. Papprohre, die auf ähnliche Weise zu Rainmakern werden und Filmdöschen aus der vordigitalen Ära der Fotografie, die sich perfekt dazu eignen, als Shaker eingesetzt zu werden. „Das ist für uns ein Testlauf, um zu sehen, ob man auf der Straße auch mit Klang arbeiten kann“, erläutert Titus Grab, der die erste Haltestelle der Kunstkoffer im Oktober vor zehn Jahren auf dem Hof der Blücherschule eingerichtet hat.

Freie Bahn für Kreativität

Das Konzept, mit einem Handwagen voller Materialien ein kostenfreies Kinderkunstprojekt unter freiem Himmel anzubieten, ist damals aus der Not geboren. Die beiden Garagen im alten Wellritzhof, in denen er dem künstlerischen Nachwuchs bereits zuvor die Gelegenheit gegeben hatte, eigenständig aktiv zu werden, mussten dem neuen Wellritzhof weichen. Geld für die Miete anderer Räumlichkeiten war nicht ausreichend vorhanden und wurde stattdessen in das fahrbare Mobiliar investiert. Die Auswahl des Fundus, der aus den Garagen auf den Handwagen übergegangen ist, hat Titus Grab genauso den Kindern überlassen, wie es ihnen bei den Kunstkoffern vollkommen frei gestellt ist, in welche Bahnen sie ihre Kreativität lenken wollen. Das gilt selbst für den Feuer-Raum, der aus Sicherheitsgründen als einziges Angebot nicht im Freien stattfindet.

„Es gibt immer wieder Achtjährige, die nicht mit einem Streichholz umgehen können. Das zu lernen, gehört aber zum Groß werden dazu“, findet Rita Loitsch, die den Feuer-Raum betreut. Es sei verblüffend wie schnell schon die Kleinsten ihren Eltern im Anschluss an die Teilnahme berichten, wie man mit Feuer umzugehen habe. Das Angebot der anerkannten Jugendkunstschule ist im Laufe der Jahre um ein Figurentheater, bei dem die Spielfiguren natürlich selbst gefertigt werden, eine Holz- oder die derzeit brach liegende Metallwerkstatt gewachsen. Die Idee hat außerdem im ganzen Land und sogar über die Grenzen der Republik hinaus Nachahmer gefunden. Das Werkmobil im schweizerischen St. Gallen und das JugendKunstMobil in Offenbach haben sich davon inspirieren lassen. In Marburg, Braunschweig und Berlin, in Stendal, Görlitz und Dresden sowie im niederländischen Gorinchem haben sich eigenständige Kunstkoffer-Filialen etabliert. „Wir vernetzen uns und halten jedes Jahr ein Arbeitstreffen ab, bei dem auch Interessenten vorbei schauen können. Viele ziehen dann mit zwei Koffern unserer Farben als symbolische Starthilfe ab“, berichtet Titus Grab. Vor drei Jahren sei das bei Künstlern aus Leipzig der Fall gewesen. Anfang Mai sei dort nun das jüngste Kunstkoffer-Angebot gestartet. In Frankfurt, München und Köln sei es anderen Anhängern des Konzepts dagegen nicht gelungen, auch nur die Finanzierung einer einzigen Haltestelle zu organisieren.

Traumaarbeit mit Flüchtlingskindern

Für die Hälfte der neun Wiesbadener Haltestellen muss Rita Loitsch regelmäßig auf die Suchen nach Sponsoren gehen. Bei den meisten anderen ist die Finanzierung so sicher wie öffentliche Haushalte eben sicher sind. Neben einer Haltestelle am Kinderhaus des Campus Klarenthal gibt es seit diesem Jahr eine zweite nicht-öffentliche Haltestelle in Wiesbadens größter Flüchtlingsunterkunft.

„Man merkt, dass den Kindern die Regelmäßigkeit gut tut. Die Intensität nimmt etwas ab, weil sie mittlerweile wissen, dass wir immer wieder kommen“, hat Titus Grab beobachtet. Auch die Zahl der sogenannten Trauma-Bilder, auf denen die Flüchtlingskinder hohe Wellen und Hubschrauber thematisieren, nimmt ab. Ein Prozess, der auch von einer Zeitschrift für Kunsttherapie begleitet wird. Zu einem rauschenden Fest sei der erste Besuch des Klang-Kunstkoffers in der Flüchtlingsunterkunft geworden. „Wir haben schnell gelernt, dass wir bei so großen Gruppen lieber Dinge zeigen, die nicht so laut sind“, berichtet Axel Schrepfer. Das macht sich auch im Schelmengraben bemerkbar, wo sich immer mehr Kinder versammeln. „Man hört ja gar nichts. Das letzte Mal hat es durch den ganzen Schelmengraben geschallt“, wundert sich Edith Holler, die sich gerne auch selbst künstlerisch betätigt, wenn sie mit Tochter Alina zu den Kunstkoffern kommt. Diesmal gibt es auf den frisch gebauten Instrumenten die Inszenierung eines Stückes über ein See-Ungeheuer zu hören, das von seinem Zahnweh befreit wird. Axel Schrepfer entlockt dem Fell einer Trommel das gequälte Jammern des Ungeheuers, das durch süße Harmonien ersetzt wird, sobald der kranke Zahn gezogen ist. Diese werden auf einer Gitarre und dem kleinen Xylophon gespielt, das Aziz soeben selbst konstruiert hat. „Können wir das nachher noch mal spielen?“, zeigt sich der 12-jährige begeistert von der Aufführung.

„Ich bin jede Woche hier, wenn ich kann. Mir fallen immer neue Ideen ein, was ich machen kann“, fügt er hinzu. Sein jüngerer Bruder steht ihm da in nichts nach. Mit Hilfe von Titus Grab lässt sich der fünfjährige Ibrahim lange Schnüre an die Schuhe binden und vollführt damit eine Performance auf dem Platz. „Das habe ich in zehn Jahren Kunskoffer auch noch nicht erlebt“, freut sich der 53-jährige, dass sein Projekt sich, nicht zuletzt Dank der Kreativität der Kinder, stetig weiter entwickelt.

Kunstkoffer-Haltestellen: 

Jeweils zwischen 15 und 17 Uhr: montags: Schelmengraben (Einkaufszentrum, Hans-Böckler-Straße) sowie Wallufer Platz, dienstags: Bergkirchenviertel (Spielplatz Büdinger Straße); mittwochs: Holzwerkstatt an der Ecke Goebenstraße/Scharnhorststraße, donnerstags: Figurentheater auf dem Blücherspielplatz, freitags: Spielplatz Blücherplatz/Yorckstraße sowie im Holzfeuer-Raum in der Goebenstraße 9

Am 12. Oktober feiern die Kunstkoffer zwischen 15 und 18 Uhr ihr Jubiläum auf dem Blücherspielplatz. Die gesamte zwölfköpfige Crew bringt ihr Material mit, so dass auch die ganze Palette des Angebots mit Klang, Feuer, Malen, Ton, Holz, Metall und Figurentheater zur Verfügung steht.

www.kunst-koffer.org

 

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