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Wahre Woll-Lust: Wenn Männer stricken – Ein Geschäft als geselliger Treffpunkt, natürlich auch für Frauen

Text Hendrik Jung. Fotos Kai Pelka

Auf dem Tisch stehen Hefeweizen, Sekt und Kaffee. Soweit nichts Ungewöhnliches, wenn vier Männer am späten Nachmittag zusammen sitzen. Doch das Quartett trifft sich hier weder zum Doppelkopf, noch fiebert es gerade bei Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft mit. Stattdessen wird bei Herr von Strick in der Nerostraße gemeinsam gestrickt und gehäkelt. Dienstags sind vorwiegend die Neulinge eingeladen, donnerstags kommen Interessierte zum offenen Nadelsalon zusammen. Und mittwochs richtet sich das Angebot explizit an die Herren der Schöpfung.

„Ich habe erst vor zwei Tagen damit angefangen, aber ich finde es sehr entspannend, muss ich sagen“, berichtet Patrick James Hurley, genannt PJ, von seinen ersten Erfahrungen. Er sei ziemlich stolz auf den Anfang des Schals, den er bereits gestrickt habe und wolle auf jeden Fall weiter machen. Weil er sicher sei, dass es jeden Tag besser gelingen werde.

Seine Technik entscheidet sich dabei fundamental von der seines Ehemannes, Herrn von Strick persönlich. „Das ist die englische Methode, bei der der Faden mit der rechten Hand um die Nadel gelegt wird“, erläutert Markus Hurley. In alten Miss Marple-Filmen könne man diese bestens studieren. „Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Ob das in den Genen steckt, aber es hat besser für mich funktioniert“, sinniert PJ. Obwohl sein Mann bereits seit der Grundschule stricke und in den vergangenen vierzig Jahren nicht damit aufgehört habe, sei er selbst jetzt erst auf den Geschmack gekommen.

Von Masche zu Masche
Ein weiterer Gast unternimmt ebenfalls gerade seine allerersten Versuche mit der Häkelnadel und arbeitet sich damit von der Luft- zur festen Masche. „Ich weiß noch nicht, ob das meins wird. Mal schauen“, kommentiert Christian Balzer. Ihm gefalle auf jeden Fall das Ambiente in dem mit gut einhundert Quadratmetern Fläche ungewöhnlich großzügigen Woll-Geschäft, dessen hinterer Teil mit Sofa und Sitzecke ansprechend eingerichtet sowie mit Küche und Kühlschrank ausgestattet ist. Das gefällt auch einem weiteren Gast, der bereits Profi mit der Häkelnadel ist und sich hier nun in die Technik des Strickens einführen lassen möchte.

Quietschfreie Wolle
Inspirierend sei auch die Auswahl an feinen Garnen, die Herr von Strick anbietet. „Anderswo gibt es Wolle, die quietscht wie Gummihandschuhe. Vom Schaf oder Alpaca fühlt sich das viel hochwertiger an. Und die Farben, die man hier findet, gibt es nicht im Gemischtwarenladen“, zeigt sich Jörg Müller begeistert. Weil die Marken, die bei Herrn von Strick vertrieben werden, nicht überall erhältlich sind, sei die Kundschaft im ersten Monat bereits bis aus Schwetzingen angereist. „Ich habe nicht viel Geld, Zeit und Liebe in den Laden rein gesteckt, damit die Leute dann nur im Internet klicken“, betont Markus Hurley. Digitale Kanäle wie Instagram, Facebook oder seinen Blog wolle er lediglich nutzen, um mehr Menschen in den gepflegten, gehobenen Einzelhandel zu locken.

Da seine Kunden – und Kundinnen natürlich – ihre wertvolle Zeit in ihre Handarbeiten investieren, sei deren Interesse an hochwertigen und schönen Garnen hoch. Dem trägt der 49-jährige mit einem Angebot Rechnung, bei dem er Wert auf Nachhaltigkeit legt. Beim Hersteller Paul Pascuali etwa prüfe man, wie die Tiere gehalten werden, deren Felle verarbeitet werden und biete auch vegane Garne aus Pflanzenfasern an. Bei Mirasol werde ein Teil der Verkaufserlöse dazu verwendet, die Bildung der Kinder peruanischer Hirtenfamilien zu verbessern.

Komplizen-Garne für Einsteiger

Ab Herbst will Herr von Strick auch Produkte von Amano anbieten, bei denen Wert darauf gelegt werde, dass bei der Herstellung weder Chemikalien noch ausbeuterische Kinderarbeit zum Einsatz kommen. Manche innovativen neuen Garne seien vor allem für Einsteigerinnen und Einsteiger bestens geeignet, weil der Faden immer wieder eine unterschiedliche Dicke und damit in sich eine Unordnung aufweise. So werden die Garne quasi zu Komplizen, weil sie den Neulingen dabei helfen, eventuelle Ungenauigkeiten im Endprodukt zu verbergen. Tipps bei der Verarbeitung kann man sich jedenfalls bei Herrn von Strick an vier Tagen in der Woche in geselliger Runde bei Getränken auf Spendenbasis holen.
In die Nerostraße 3 sind jeweils dienstags ab 17 Uhr Einsteigerinnen und Einsteiger willkommen. Mittwochs ab 17 Uhr treffen sich Männer zum gemeinsamen Stricken und Häkeln. Der Nadelsalon steht jeweils donnerstags ab 15.30 Uhr offen, und jeden Freitag können die Gäste sich beim After Work Stricken entspannen. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei und ohne zeitliche Begrenzung.

www.facebook.com/herrvonstrick.de/

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