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Was wird hier gespielt? Die Veranstaltungsbranche boomt – (Wie) sind Wiesbaden und Mainz dafür gerüstet?

Von Taylan Gökalp. Fotos: Kai Pelka.

Die Veranstaltungs- und Eventbranche boomt und ist im Wandel. Wie gut sind Mainz und Wiesbaden für Kongresse, Konzerte und Messen aufgestellt? Erkundungen aus der ersten Reihe.

Schon in der Bibel steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die Lebensqualität und der internationale Rang einer Stadt bemessen sich nicht selten nach seinem Angebot an Konzerthäusern, Kulturzentren und Kongresshallen. Doch der demographische Wandel stellt den Eventmarkt vor neue Herausforderungen. Je komplexer die Gesellschaft wird, umso komplexer werden auch die Bedürfnisse künftiger Generationen von Kongress- und Eventbesuchern: Demographie, Globalisierung, Gesundheit, „Mobility & Connectivity“, Nachhaltigkeit und Bildung – das sind die Megatrends, die den Kurs bestimmen werden. Hinzu kommt ein gesteigertes Bedürfnis nach interaktiver Wissensvermittlung und technischem Komfort.

Flaggschiff oder Kongressklotz?

Begleitet von großem medialem Interesse eröffnete im April 2018 in Wiesbaden das lang erwartete Rhein Main Congress Center, kurz RMCC. Als „innovativstes Veranstaltungszentrum Deutschlands“ soll das Prestigeprojekt Maßstäbe auf dem Markt setzen. Das nach dem Abriss der Rhein-Main-Hallen komplett neu gebaute Kongresszentrum ist Teil der Marketingstrategie „2021plus“. Dabei handelt es sich um einen Plan der hessischen Landeshauptstadt, der die Weiterentwicklung der Stadt als Tourismus-Standort anvisiert. Ziel ist es unter anderem, die Stadt zum führenden Messe- und Kongressstandort in Sachen Nachhaltigkeit zu machen. Dazu wurde mit der „Wiesbaden Kongressallianz“ eine Marketing-Kooperation geschaffen, die über die Wiesbaden Marketing GmbH Kongresse, Messen und Events in allen städtisch betriebenen Veranstaltungshäusern organisiert.

Auf ganz andere Locations hat es Daniel Regenbrecht, Projektleiter des erfolgreichen Mainzer Messeformates Stijlmarkt, abgesehen. Er ist der Meinung, dass das Messezentrum der Zukunft Ecken und Kanten haben müsse. Mit seiner festivalartigen Atmosphäre hat der Stijlmarkt vor neun Jahren den Nerv der Zeit getroffen und sich seitdem bundesweit zu einem Branchenhit entwickelt. In diesem Jahr geht es sogar mit der Premiere in Luxemburg erstmals über die Landesgrenzen hinaus. „Reine Zweckbauten und klassische Kongressklötze werden an Bedeutung verlieren, stattdessen gibt es schon jetzt eine klare Hinwendung zu Orten mit historischer Kulisse“, ist Regenbrecht überzeugt.

Tagen bei Kurt Cobain

Trotz oder gerade wegen seiner Zweckmäßigkeit könnte das RMCC das Flaggschiff der neuen Wiesbadener Tourismus-Offensive werden. Mit einer großen Teleskoptribüne in der Halle Nord und versteckten Trennwänden, die bei Bedarf an den Deckenschienen entlang aufgereiht werden, können die zahlreichen Räume für jeden Bedarf genutzt werden. Nach Expertenmeinung ist die Flexibilität der Raumaufteilung der wichtigste Aspekt für das Veranstaltungshaus der Zukunft. „Das ist in der Tat ein Trend, den wir ebenfalls stark spüren und auf den wir uns bei den Planungen der Halle eingestellt haben“, sagt Ilka Waßmann vom Veranstaltungshaus Halle 45 in Mainz-Mombach. Mehr denn je gelte es, für jegliche Anforderungen eine Lösung anzubieten.  Unter der Marke „Business Center Alte Waggonfabrik“ bietet die Halle 45 insgesamt 6.500 qm für Konferenzen, Tagungen und Events aller Art an – mit Kapazitäten „von 20 bis 2000 Personen“ und unter anderem einem „Konferenzraum Kurt Cobain“.

Zukunftsthemen Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit

Barrierefreie Zugänge sind mittlerweile in jedem Veranstaltungshaus eine Selbstverständlichkeit. „Barrierefreiheit ist ein Zukunftsthema, das wir mit dem RMCC optimal besetzt haben“, sagt Martin Michel, Geschäftsführer der Rhein Main-Hallen GmbH.  Gleiches gelte für die Nachhaltigkeit. „Einige große Unternehmen buchen nur Veranstaltungshäuser, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen“, bestätigt August Moderer, Geschäftsführer der mainzplus CITYMARKETING GmbH. Die städtische Gesellschaft vermarktet Mainz touristisch und kulturell. Zudem vereint es KUZ, Rheingoldhalle, Kurfürstliches Schloss und Frankfurter Hof unter einem Dach, die allesamt bereits energetisch saniert sind oder saniert werden. Ab Oktober wird die Rheingoldhalle umgebaut und auf den neuesten Stand in Sachen Nachhaltigkeit gebracht. Eine Konkurrenz zum Wiesbadener RMCC sieht August Moderer hingegen nicht. „Die Wiesbadener haben wesentlich größere Veranstaltungen als wir. Deswegen ergänzen wir uns eher, als dass wir Konkurrenten sind“, sagt er. Auch die Filmbranche hat das RMCC schon für sich entdeckt. Im August fanden hier internationale Dreharbeiten statt, einige Räume dienten als Kulisse für den Kinofilm „Crescendo“. „Das hat natürlich einen guten Werbeeffekt auf unser Haus“, sagt Heiliger.

Wie marktgerecht sind die alten Häuser?

Neben modernen Messezentren müssen sich auch historische Häuser wie in Mainz Frankfurter Hof oder Kurfürstliches Schloss und in Wiesbaden Jagdschloss Platte, Kurhaus oder die Casino-Gesellschaft auf dem Markt platzieren. Kurhaus und Kurfürstliches Schloss verfügen als Aushängeschilder ihrer Stadt jeweils über Räume in unterschiedlicher Größe für unterschiedliche Bedürfnisse. Auch die prunkvollen Innenräume der Casino-Gesellschaft sind auf verschiedene Wünsche eingestellt. „Unsere Formel lautet „Individuelle Betreuung + flexible Lösungen = erfolgreiche Veranstaltungen“, sagt hier Martina Freymann-Dederichs.

Das Jagdschloss Platte wurde von 2003 bis 2007 vollständig saniert und um einen modernen Panoramasteg und ein Glasdach ergänzt. Eine ähnliche Mixtur findet sich im Foyer des Frankfurter Hof in der Mainzer Altstadt, das ebenfalls mit einem Glasdach ausgestattet ist. Beide Häuser sind trotz ihres hohen Alters auf dem technisch neuesten Stand.

International und gut erreichbar

Beide Landeshauptstädte legen Wert auf Internationalität. „Die interkulturelle Kompetenz wächst automatisch mit der zunehmenden Anzahl an Veranstaltungen“, erklärt August Moderer. Auch das Kurhaus präsentiert sich international, mit einer 24-Stunden-Hotline für Anfragen aus aller Welt. Für Alexander Klar, Direktor des Museums Wiesbaden, ist kulturelle Kompetenz gleichbedeutend mit interkultureller Kompetenz. „Eine Kultur von Rang ist immer interkulturell, und unsere Ausstellungen und Sammlungspräsentationen richten sich an alle Kulturen und Ethnien der Welt“, sagt der Museumschef, der sein Haus mitunter auch für andere als die originären Nutzungen öffnet. Regelmäßig veranstaltet der Schlachthof hier Konzerte mit besonderer Note.

Die Nähe zum Flughafen ist für die Häuser in Mainz und Wiesbaden ein Vorteil bei dem wichtigen Thema Mobilität. Wiesbaden Marketing bietet in Zusammenarbeit mit örtlichen Busunternehmen Shuttleservices und Transferleistungen an. Mainzplus setzt auf nachhaltige Mobilität und wirbt für das Veranstaltungsticket der Deutschen Bahn. „Mittlerweile reisen 60 Prozent der Kongressbesucher mit der Bahn an“, sagt August Moderer. Eine Veranstaltung beginne für den Besucher daher nicht erst mit dem Betreten der Halle, sondern vor seiner eigenen Haustür.

Zur Kultur gesellt sich Kommerz

Der stetige Wandel auf dem Eventmarkt hat auch zur Folge, dass klassische Kulturbetriebe ihr Konzept überdenken müssen. Das Mainzer KUZ wird sich ab Ende 2018 mit einem neuen Gesicht präsentieren. Das Angebot wird nicht mehr ausschließlich auf Kultur ausgerichtet sein. Ein Drittel des Angebots sei für Kongresse, Tagungen und Präsentationen vorgesehen, so August Moderer.

Ob auch das seit Anfang 2017 leer stehende Walhalla-Gebäude mitten in der Wiesbadener Innenstadt eine solche Entwicklung erfahren wird, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Laut René Weimer von der stadteigenen WVV Wiesbaden Holding soll das Objekt an einen kulturellen Betreiber vermietet werden. Wie marktgerecht das Walhalla in Zukunft sein werde, hänge von dem neuen Betreiber ab, so Weimer. Eine mögliche Betreibergruppe steht bekanntlich mit einem ausgereiften und vielfältigen Nutzungskonzept bereit, die Initiative „Walhalla Studios“ um Michael Müller mit einer Gruppe von erfahrenen Akteuren sowohl aus Wiesbaden wie aus ganz Deutschland. Nur leider herrscht dem Vernehmen nach derzeit absoluter Stillstand. Die für 2018 angekündigte Ausschreibung ist ausgesetzt, offenbar verweigert man den Interessenten derzeit sogar jegliche Informationen über den Stand der Dinge.

Es wird interaktiv

Egal ob Konzert, Kongress oder Museum: Es reicht nicht mehr aus, beschallt zu werden – der Teilnehmer will mitgestalten. Der Trend entwickelt sich zu interaktiven Foren, verteilten Kongressen, Co-Working-Kongressen oder hybriden Veranstaltungen. „Mitgestalten wollen, allein weil man mitgestalten will, ist in meinen Augen noch keine gute Ausgangsbasis, um effizient und vor allem wissensbasiert zu agieren“, sagt Museumsdirektor Klar. Dennoch halte er den heute noch praktizierten informierten Monolog des Führenden für eindimensional, gemessen an den bestehenden Möglichkeiten. „Das wichtigste an einem Kongress ist die Kaffeepause“, sagt August Moderer, „denn dort haben die Besucher die Möglichkeit, sich auszutauschen.“

Chancen für Hotellerie und Gastronomie

Digitalisierung und zunehmende Verschmelzung von Arbeit und Freizeit machen den Markt auch für Hotellerie und Gastronomie interessant. Ein zeitgemäßes Beispiel ist das Boutique-Hotel „me and all“, das in Mainz am Binger Schlag, in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof, frisch eröffnet hat (offizielle Feierei vom 11. bis 13. Oktober).  „Die Hotellerie denkt verstärkt vom Gast her und greift Trends aus anderen Bereichen auf.“, erklärt Pressesprecherin Catherine Bouchon. „me and all“ vermarktet sich deshalb nicht ausschließlich als Hotel, sondern auch als Co-Working-Space und gemütlicher Veranstaltungsort für Wohnzimmerkonzerte mit regionalen Musikern und DJs. Ein Konzept, das sicher auch Wiesbaden gut tun würde – vielleicht eine gute Idee für das Hotel, das als Teil der völlig neu gedachten City-Passage entstehen soll.

Der heimathafen versteht es in Wiesbaden seit seiner Gründung, die Themen Work-Life-Balance und Digitalisierung geschickt zu bespielen. Als hippes Cafe und Co-Working-Space bietet es bisher besonders der Gründer- und Kreativszene einen Ort zum Vernetzen in gemütlicher Atmosphäre. Etablierte Unternehmen genießen die Nähe zur Community vor allem in den Konferenz- und Meetingräumen oder einem der zahlreichen Events. Mit dem Umzug in das Alte Gericht will der heimathafen den nächsten Schritt vom Co-Working-Cafe zum „Labor für soziale Innovation“ vollziehen: „Mit reichlich Kunst, Kultur, Gemeinschaftssinn und frischen Ideen für unsere Stadt“, so die Verlautbarung. In der Gastronomie wird zudem der Erlebnis-Charakter immer wichtiger. „Neben qualifizierter Beratung zählen mehr denn je eine ehrliche, aufrichtige Zuwendung und herzliche Gastfreundschaft. Die Gäste wollen verwöhnt, nicht versorgt werden“, heißt es in der Pressemitteilung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes.

„Früher war das Wichtigste beim Kongress das Essen. Heute ist das Wichtigste, dass Sie in der Halle auf Ihr Handy schauen können.“, sagt Uwe Leitermann von mainzplus. Eine digitale Infrastruktur mit schnellem und sicherem W-Lan werde in Zukunft selbstverständlich sein, weshalb auch die Rheingoldhalle mittlerweile auf Glasfaserleitungen umgestiegen ist. „In Deutschland besteht da leider noch Nachholbedarf“, ergänzt August Moderer. Auch die BRITA Arena, die mittlerweile Konzerte mit 10.000 Gästen veranstaltet, will digital aufrüsten. „Dies umfasst freies WLAN für die Gäste und eine leistungsfähigere Infrastruktur für Fernseh- und Internetübertragungen.“, sagt Geschäftsführer Thomas Pröckl.

Da ist Musik drin

Der Eventmarkt hat den Buchhandel von der Spitze der Entertainment-Märkte verdrängt. Zu diesem Erfolg tragen nicht nur Messen und Kongresse bei, sondern auch und vor allem der immer wichtiger werdende Musiktourismus. Städte wie Hamburg und Wien haben diesen Trend längst erkannt und vermarkten sich gezielt als Musikstadt.

Foto: Frank Meißner

„Man muss nicht erst nach Hamburg schauen um zu sehen, dass Kultur den Gemeinden neben der Steigerung der Lebensqualität auch einen finanziellen Mehrwert bietet“ sagt Hendrik Seipel-Rotter, Pressesprecher des Schlachthof Wiesbaden, „auch die 250.000 Gäste, die den Schlachthof pro Jahr besuchen, geben in Wiesbaden um ihren Besuch herum Geld aus. Fürs Taxi nach Hause, fürs Zimmer im Hotel, im Restaurant oder an der Tankstelle.“ Mit seiner Open-Air-Reihe brachte der Schlachthof in diesem Sommer Künstler wie Queens of the Stone Age, NOFX oder die Beginner nach Wiesbaden. Insgesamt 40.000 Besucher werden am Ende des Wiesbadener Open-Air Sommers bei einem der Konzerte gewesen sein. Auch das Format „Summer in the City“ der Stadt Mainz holt jeden Sommer Hochkaräter wie Sting, Carlos Santana oder Norah Jones an den Rhein und vermarktet sich so gezielt als Musikstadt.

Musiktouristen besuchen häufig auch weitergehende Angebote einer Stadt. Aber auch Einzelhandel und Gastronomie profitieren von diesem Trend. „Im Zusammenhang mit der Vermarktung von Kulturangeboten gilt es deshalb auch weitere, „Erlebnisbausteine“ in Stadt und Region offensiv anzubieten.“, heißt es aus dem Wirtschaftsdezernat. Die Stadt Mainz hat hierfür sogar gemeinsam mit Akteuren der Privatwirtschaft einen Tourismusfonds eingerichtet. „Wir wollen damit kommunale und private Interessen zusammenbringen“, erklärt der Mainzer Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte. So kann die chronisch klamme „mainzplus“ zumindest mit diesen Mehrwerten punkten. Und ob sich beide Städte tatsächlich ergänzen, wird sich nach der Sanierung der Rheingoldhalle und den ersten Monaten des RMCC zeigen. Auch wenn sich beide Oberbürgermeister kennen und mögen und etwa die Citybahn zwischen beiden Städten geplant ist, könnte die Kommunikation sich in diesem Segment noch deutlich verbessern.

 

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