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Wie klingt die Stadt? – Der spanische Künstler José Antonio Orts beschert Wiesbaden eine ganz besondere Sinneserfahrung


Diefenbach_JoseAntonioOrts-0043Von Inka Mahr. Fotos Heinrich Völkel und Andrea Diefenbach

Adiós Valencia, hallo Wiesbaden. Der Spanier José Antonio Orts ist als Stipendiat des Kunstvereins Bellevue-Saal in die Stadt gekommen, um in vier Monaten eine Ausstellung in und für Wiesbaden zu erschaffen.

Multitalent ist wohl die korrekte Bezeichnung für einen Mann, der Maler, Komponist und Installationskünstler in einer Person ist. Während seines Aufenthalts lebt und arbeitet er im städtischen Stipendiaten-Atelier im Kunsthaus auf dem Schulberg. Seine Vision für seine Zeit in Wiesbaden: Eine perfekt auf den Bellevue-Saal abgestimmte Klang- und Lichtinstallation zu konzipieren und schließlich umzusetzen. Hierbei gilt es, passgenau auf die speziellen Licht-, Luft- und Klangverhältnisse dieses Raumes – dem ehemaligen Speisesaal des renommierten Hotels Bellevue auf der Wilhelmstraße – einzugehen.

Betrachter macht seine Arbeit lebendig
Der 1955 geborene Künstler arbeitet mit Licht- und Luftfängern. Sensible Sensoren fangen Licht und Schatten sowie den sanften Luftzug eines vorübergehenden Betrachters ein, verwandeln die – durch den Besucher ausgelösten – Signale in Impulse und erzeugen so einen ganz eigenen Klang- und Lichtrhythmus. Das ist die poetische Idee dieser Kunstform. „Alle meine Arbeiten sind interaktiv, haben eine Beziehung mit dem Betrachter. Der Betrachter macht meine Arbeit erst lebendig!“

Der Künstler arrangiert die autonomen, mit Sensoren bestücken Objekte auf dem Boden, und die Ausstellungsbesucher treten frei zwischen diese Skulpturen. Damit kein Stromkabel die Optik stört oder gar Besucher zum Stolpern bringt, arbeitet er normalerweise mit Batterien, im fensterreichen Bellevue-Saal setzt er auf Solarzellen.
Typisch, so José Antonio Orts, ist der Moment der Überraschung – immer dann, wenn der Betrachter begreift, dass es sein eigener Rhythmus ist, den er da gerade hört und sieht. Nicht nur für den Künstler ist es spannend, die Reaktionen der „Erkennenden“ zu beobachten: „Der Betrachter sieht die Skulptur, aber auch die Skulptur sieht den Betrachter!“

Drei Töne, ein Akkord
Ob Malerei oder Installationskunst: Der musikalische Kontext, die zugrundeliegende Komposition, ist bei Orts Arbeiten stets präsent. „Ich suche immer eine Beziehung mit der Musik“, sagt er. Wobei der künstlerische Prozess einer Klang-und Lichtinstallation ein langwieriger ist. Eine Komposition eignet sich nur, wenn sie expressiv, progressiv und zugleich konzeptuell ist. So gehen seinen Klang- und Lichtinstallationen umfangreiche Studien voraus. Den Anfang machen technische Untersuchungen. Für die eigentliche Produktion der Skulpturen, deren Gestalt sich von ihrer Funktion ableitet, arbeitet der Künstler dann wie ein Elektriker: Die Schaltkreise für seine Klang- und Lichtinstallationen baut er selbst: „Ich hatte einen Onkel, der Elektroniker war.“ Der zeigte ihm alles. So kann José Antonio Orts seit seiner Kindheit mit Leichtigkeit solche elektronischen Arbeiten selbst erledigen. „Wenn ich Schaltkreise finde, die perfekt funktionieren, dann folgt Schritt zwei, die künstlerische Untersuchung!“

Der Weltenbummler, den Kurator Ulrich Meyer-Husmann als „Phänomen der Kunstszene“ bezeichnet, lebte und arbeitete unter anderem bereits in Paris und Rom: „Ja, ich mag Städte!“ Und es ist nicht sein erster Aufenthalt in Deutschland, Orts lebte in früheren Zeiten schon mal – und das ist auch die Erklärung für sein flüssiges Deutsch – für sieben Jahre in Berlin. Nun also Wiesbaden.

Wenn der Komponist José Antonio Orts über Wiesbaden spricht, klingt das so: „Ich habe die Stadt gehört, sie ist ruhig. Es gibt hier Orte, die sind sehr ruhig. Diese Stadt hat ein Geheimnis, ist speziell.“

Die Ausstellung „Menschliche Rhythmen, städtische Polyphonien“ im Bellevue-Saal, Wilhelmstraß 32, die den Betrachter zum Gestalter werden lässt, läuft noch bis zum 13. Dezember.  www.kunstverein-bellevue-saal.de

 

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