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Wiesbadener Flüchtlingskinder: Wünsche für ein neues Leben

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Von Hendrik Jung. Fotos Rainer Eidemüller.

Zum Jahresende leben in Wiesbaden 415 Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind und hier Asyl suchen. Tendenz steigend. Darunter befinden sich auch viele Kinder und Jugendliche. Was wünschen Sie sich für ihre Zukunft?

Amir Reza und Amir Hussein kommen aus der Schule. Mit ihren Ranzen laufen sie über den Hof von Wiesbadens größter Unterkunft für Asylsuchende. 334 Menschen leben bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe hier, darunter fast ein Drittel Kinder und Jugendliche. Sofort erkennen die beiden aus Afghanistan stammenden Brüder den Reporter, der vor einem halben Jahr bereits ein Interview mit ihnen geführt hat und begrüßen ihn strahlend. „Ich habe einfach ganz viel Spaß“, beantwortet der neunjährige Amir Reza die Frage, wie es ihm geht. Schließlich sind seine größten Wünsche gerade in Erfüllung gegangen. Nach drei Jahren in der Unterkunft werden sie mit ihren Eltern nun bald in eine eigene Wohnung ziehen. Außerdem spielen die beiden Jungs, die perfekt Deutsch sprechen, seit einem Monat Fußball in den E-Jugendmannschaften des SV Wiesbaden. Auch Amir Hussein ist bestens gelaunt. „Ich habe gerade eine Eins Minus im Mathe-Test zurück bekommen“, berichtet er stolz. Das trifft sich gut, denn später möchte er einmal Häuser bauen, während sein älterer Bruder Flugzeuge konstruieren will. Die beiden lebhaften Jungs sind vielleicht nicht repräsentativ für Kinder, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Dennoch herrscht auf dem Hof der Unterkunft gute Stimmung. Das liegt auch daran, dass an diesem Tag Titus Grab mit seinen Kunstkoffern gekommen ist und Möglichkeiten zum Malen, Kneten oder Basteln bietet.

Warten auf Mutter und Schwester

Der 14-jährige Mehdi gestaltet ein Bild nach dem anderen. Darunter die Darstellung eines Astes, auf dem die Silhouetten von Vögeln zu sehen sind, die dort im Mondlicht sitzen. Er hat ganz existenzielle Wünsche. „Ich möchte, dass meine Mutter und meine Schwester her kommen“, berichtet der junge Afghane, der seit einem Jahr mit seinem Vater hier lebt. Die Frauen der Familie befänden sich derzeit noch im Iran, wollten sich jetzt aber auf den Weg nach Deutschland machen. Außerdem wäre er gerne gesund, fügt der im Rollstuhl sitzende Junge hinzu. Ob es eine Chance dafür gibt, könne der Arzt noch nicht sagen. Weitere Untersuchungen sollen folgen. Obwohl Mehdi schon gut Deutsch spricht, muss bei dem schweren Thema die ebenfalls aus Afghanistan stammende, 16-jährige Mahnaz beim Übersetzen helfen. Ihr größter Wunsch ist eine eigene Wohnung. Schließlich ist es für ihre ältere Schwester Mariam bald so weit, dass sie aus der Unterkunft auszieht.

Außerdem wünscht sich Mahnaz einen Ausbildungsplatz als Zahnarzthelferin. Erste Praktika hat sie schon absolviert. Der 13-jährige Sohail lebt erst seit knapp zwei Monaten hier und möchte vor allem besser Deutsch sprechen, damit er in die Schule gehen kann, übersetzt seine ältere Landsfrau. Außerdem will er Fußballer werden. Nicht umsonst kickt er den ganzen Nachmittag mit dem neunjährigen Arthur, der aus Kasachstan stammt und diesen Wunsch mit ihm teilt.

„Ich wünsche mir, dass Fußballtore aufgestellt werden und der Bereich hinter dem Haus abgesperrt wird, damit wir in Ruhe hier spielen können“, hofft der achtjährige Stefano auf Veränderungen am Hof der Unterkunft. Seine Eltern stammen aus Ghana, er aber ist in Italien geboren und spricht perfekt deutsch. Am liebsten möchte er einmal Polizist oder Feuerwehrmann werden, weil die „einfach nur cool“ seien. Seine fünf Jahre ältere Schwester Benice macht gerne Modezeichnungen und singt an ihrer Schule im Chor. Bei dem Gedanken an Gesangsunterricht bekommt sie leuchtende Augen. Einen konkreten Wunsch will sie aber nicht äußern. Da ist sie nicht die einzige an diesem Tag.

Materielle Wünsche werden von den Kindern und Jugendlichen überhaupt nicht geäußert. Selbst diejenigen unter ihnen, die ziemlich gut Deutsch verstehen, können mit dem Begriff oft gar nichts anfangen. So als hätte sie noch nie jemand ernsthaft danach gefragt, was sie gerne möchten. Es ist ihnen zu wünschen, dass sich das in Zukunft ändert.

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