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Wir können auch anders: Biodynamisch, vegan, politisch oder aus der Garage – Rheingauer Winzer brechen mit den Konventionen

 

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Von Julia Bröder. Fotos Kai Pelka.

Ein junger Winzer geht durch seinen Weinberg, ausgestattet mit einem Kuhhorn, aus dem er konzentrierten Kompost um die Reben streut. Das Bild von Peter Bernhard Kühn hat etwas Mystisches. Der Vorgang ist aber keine Spinnerei des 31-Jährigen, sondern fester Bestandteil des biodynamischen Weinbaus, auf den sein Vater Peter Jakob sein Gut schon vor mehr als 20 Jahren umgestellt hat. Biodynamisch, das bedeutet im Einklang mit der Natur und frei von jeglicher Manipulation durch chemische Zusatzstoffe – sowohl im Weinberg als auch in der Presse und später im Fass. „Bei dieser Art des Weinbaus setzt man sich viel stärker mit den Lebensprozessen von Tieren und Pflanzen auseinander“, erklärt Kühn und schwärmt davon, wie sich seine Rebzeilen im Sommer von lila nach gelb verfärben, weil die Taubnessel ausblüht und der Löwenzahn kommt.

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Aber nicht nur bei den Hilfsmitteln – neben natürlichem Dünger arbeiten die Kühns zum Beispiel mit verschiedensten Kräutern – unterscheidet sich der biodynamische vom konventionellen Anbau. Auch die Pflege der Pflanzen ist aufwändiger. Vor allem ab April, wenn der Austrieb beginnt, und die Reben von zu viel Blattmasse befreit werden müssen, damit sich keine Pilzerkrankungen bilden. Erst im Juli klingt die Arbeit etwas ab, bevor im August die Traubenpflege beginnt und im Herbst schließlich gelesen werden kann. 20 Hektar bewirtschaften die Kühns auf diese Weise, ihre Rieslinge sind demeter-zertifiziert und liegen mit Preisen von 10 Euro und mehr eher im gehobenen Segment.

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„Wir haben nach und nach die Kunden gefunden, die unsere Weine zu schätzen wissen“, sagt Angela Kühn, die in klassischer Rollenverteilung für Organisation und Verkauf zuständig ist. Am Anfang sei das gar nicht so leicht gewesen, vor allem die Winzerkollegen waren skeptisch. Doch die Kühns konnten beweisen, dass Bio-Wein funktioniert. Sie vertreiben – als von der Weinbibel „Gault Millau“ zum „Winzer des Jahres 2016“ gekürtes Weingut – in Deutschland, aber auch nach Skandinavien, Italien und Österreich. Peter Bernhard Kühn schließt gerade sein Weinbaustudium an der FH in Geisenheim ab, danach will er das Gut zusammen mit seinem Vater und in dessen Sinne biodynamisch weiterführen.

Veganer Wein rüttelt auf

Solche Erfolge machen auch anderen Mut, umzudenken. So wie Frank Faust, der das Weingut seines Vaters vor acht Jahren „auf Bio“ umstellte. Aus tiefster Überzeugung, wie er sagt. „Warum soll ich mir erst die Pestizide reinholen, die ich später im Fass wieder ausbürsten muss?“ fragt sich der 38-Jährige. Knapp 15 Hektar bewirtschaftet er ohne chemischen Dünger, am Anfang habe ihn das fast 20 Prozent seiner Einnahmen gekostet. Heute liegt sein Ertrag etwa zehn Prozent unter dem, was er konventionell erreichen könnte, das liegt sicher auch daran, dass seine Preise (ab circa 7 Euro) für Bioweine verhältnismäßig niedrig sind. „Das ist es mir wert“, meint Faust, der ohnehin nicht wie einer wirkt, für den nur die Marge zählt. Er selbst hat etwas sympathisch Bubenhaftes, sein Hof in Eltville-Martinsthal, auf dem man seine Rieslinge und Spätburgunder nach Terminabsprache kaufen kann, ist unscheinbar, und im Büro steht eine alte Eckbank, die nicht unbedingt schön, aber gemütlich ist.

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Das alles bedeutet nicht, dass Faust seine Geschäfte nicht im Griff hat. Vor drei Jahren hat er seine Bioweine zusätzlich als vegan zertifizieren lassen – schließlich mischt er weder Hühnereiweis noch Fischblase oder Gelatine in seine Tanks. Das Siegel führte dazu, dass ein Weinhändler aus Nordrhein-Westfalen auf den Rheingauer zukam, weil er ein veganes Label gründen wollte: 269, einen Wein, dessen Namen an eine Gruppe von Veganern erinnern soll, die sich aus Solidarität zu einem der Schlachtbank geweihten Kälbchen diese Nummer auf die Arme brennen ließen. So weit würde Faust nicht gehen, er selbst achtet eher auf regionale als auf vegane Lebensmittel. Die 269-Flaschen, die ausschließlich bei Weinartig in Bad Salzuflen zu bekommen sind, befüllt er aber gerne mit seinem veganen Wein aus dem Rheingau. In Wiesbaden hat kürzlich Weinveritas am Luxemburgplatz seine Weine ins Programm genommen.

Wein aus der Garage

Aber nicht nur Weine mit Biosiegel kommen über die Grenzen der Region gut an. Einer, der international Aufsehen erregt hat, ist Anthony Hammond mit seiner Garage Winery. Auch er baut seine Trauben weitestgehend ohne Hilfe von Chemie an. Das ist es aber nicht, was sein Image ausmacht. Es ist sein cooler Auftritt, der einen sofort an ein amerikanisches Diner denken lässt. Der gebürtige Münchner mit Wurzeln in den USA baut seit 15 Jahren im Rheingau seinen eigenen Wein an. Gerade ist er in eine alte Güterhalle am Bahnhof in Oestrich umgezogen. An der Tür mimt eine alte Pappkiste den Briefkasten und ein Blechschild sagt erst einmal „sorry we are closed“.

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Später kommt Anthony aber doch, die Haare zum Zopf zusammengebunden und mit einem Cowboy-Hut in der Hand. Er weiß, welche Rolle er spielt, und er spielt sie sehr charmant. Zwischen einer mit bunter Kreide beschrifteten Bar und einem Kicker-Tisch an dem seine Söhne spielen, zeigt der 52-Jährige uns seine Weine. Ein Freund, Inhaber einer Hamburger Werbeagentur, hat ihm geholfen, seine Marke aufzubauen, um den Inhalt kümmert sich Hammond aber komplett selbst. Denn so unkonventionell er auch auftritt, sein Handwerk hat er von der Pieke auf gelernt: zuerst als Lehrling in der Gastronomie bei Eckhard Witzigmann, dann als Azubi am Weingut Dr. Heger in Baden und schließlich als Student der Fachhochschule Geisenheim. Hammonds Wein wächst auf sechs Hektar in Rüdesheim, seine Fässer stehen in Oestrich – im ehemaligen Eiskeller der Gemeinde, dessen Eingang sich tatsächlich hinter einem rostigen Garagentor versteckt.

Vom Mega-Gut zum Start-up

Winzer, die nicht das Gut ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter übernehmen, gehen im Rheingau ein Wagnis ein. Über 500 selbstvermarktende Betriebe gibt es hier, jedes Jahr werden mehr als 20 Millionen Liter Wein abgefüllt. Die Konkurrenz ist also groß. Walter Bibo traute sich trotzdem. Als Schloss Reinhartshausen, wo er jahrelang als Gutsdirektor gearbeitet hatte, an eine Pfälzer Winzerfamilie verkauft wurde, war ihm klar: Er wollte nicht noch einmal in einen so großen Betrieb, er wollte etwas eigenes. Etwas Kleines, Feines. Dafür tat er sich Kai Runge zusammen, der sich vor allem um den Vertrieb kümmert – mit derzeit noch mehr Erfolg außer- als innerhalb der Region, wie die beiden zugeben.

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Der Hof des Weinguts Bibo-Runge im Oestricher Ortsteil Hallgarten wirkt aufgeräumt, im Keller stehen sauber aufgereiht die Holzfässer, auf einem langen Stehtisch hält Bibo vier Flaschen Riesling bereit, edel etikettiert mit klarer Typografie und Goldprägung. Sie kosten zwischen 11 und 25 Euro. „Wir können gar nicht so günstig produzieren wie die Großen“, erklärt der 56-Jährige, der seine Nische, wie er selbst sagt, in schonend gepresstem und lange lagerndem Wein gefunden hat. Mit einer traditionellen Korbpresse sorgt er dafür, dass seine Trauben nicht zerquetscht, sondern zuerst aufgespalten und dann langsam ausgepresst werden. „Der Saft, den wir so gewinnen, ist absolut klar und komplett frei von negativen Aromen“, schwärmt Bibo. Probieren kann man seine Weine am „Ausschank am Gartenhaus“ in Hallgarten, zum Beispiel vom 5. bis zum 8. und vom 14. bis zum 16. Mai.

Auf offizieller Seite kommt die Experimentierfreude der Rheingauer Winzer an. „Alle diese Themen sind super spannend und tragen immer dazu bei, das Weinimage interessanter und facettenreicher zu machen“, sagt Ingrid Steiner, Geschäftsführerin des Rheingauer Weinbauverbands und der Rheingauer Weinwerbung. Sie erzählt begeistert von weiteren exotischen Ansätzen wie Orange Wine, Fässern aus Akazien oder Kastanienholz und Berieselung der Weinhefen mit Musik. „Hier findet jeder seine Nische. Und egal ob Trend oder Schnellschuss, jede neue Idee zum Weinmachen, Weinvermarkten und Weinphilosophieren macht uns reicher und kreativer.“ Die Mischung macht’s, denn neben all diesen Bereicherungen bleiben die Leitsorten der Regionen, wie Riesling und Spätburgunder, die Klassiker und auch die finanzielle Basis in der Vermarktung, so Steiner.

_MG_3469Fuck off intolerance!

Fest steht: Deutscher Wein ist in, und davon bekommt auch der Rheingau etwas ab. Die Kundschaft insgesamt sei jünger geworden, beobachtet Fred Strieth, der in Rüdesheim-Aulhausen das Weingut seines Vaters Thilo führt. Ihn freut das. Er mag es, wenn nicht immer alles beim Alten bleibt. In den 90ern galt er als Pionier, weil er auf Teilen seiner 3,5 Hektar mit roten Spätburgundertrauben experimentierte – und das im Riesling-Land Rheingau. Heute sind Spätburgunder Rotwein und Blanc de Noir aus dem Rheingau keine Seltenheit mehr.

An der Haltung von Fred Strieth aber, die Dinge anzupacken, hat sich nichts geändert. Wie deutlich er dabei werden kann, zeigt eine Edition seines Blanc de Noirs, mit der er und sein Sohn Nico sich gegen Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Judenhass stark machen. „Fuck off intolerance“ steht auf den Etiketten der mittlerweile komplett ausverkauften Flaschen. Zu sehen ist zudem ein mahnender Mittelfinger, skizzenhaft illustriert und zusammengesetzt aus den Symbolen der Menschen, die gesellschaftlich nicht so akzeptiert sind wie andere. Der Wein selbst schmeckt locker und fruchtig, ein bisschen nach Pfirsich und Birnen. Er ist hochwertig, erklärt Nico Strieth, denn „Fuck off intolerance“ sollte keine Marketing-Aktion sein, bei der nur die Verpackung zählt. Sein Vater sagt über den politischen Tropfen: „Das ist kein Wein, über den man lange und schwer philosophieren soll. Er soll nicht anstrengen.“ Und wenn man den 50-Jährigen auf der mit rotem Samt bezogenen Bank in seiner Vinothek sitzen zieht, bei lauter Musik, den Hund neben seinen Füßen, dann kann man sich gut vorstellen, dass er den „Fuck off intolerance“ auch selbst gern getrunken hat.