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„Rendezvous“ – Kurzgeschichte von Aaron Bitzer, ausgezeichnet mit dem George-Konell-Förderpreis

Von Aaron Bitzer. Illustrationen Silke Reimers.

„Pass doch auf, Depp!“, brüllte mir ein vollbärtiger Koloss von Taxifahrer hinterher, als ich todesmutig die Ampel überquerte, die in letzter Sekunde doch noch auf Rot umschaltete. Ich drehte mich beim Rennen halbherzig in seine Richtung um und bot ihm meinen ausgereiften Mittelfinger dar, bevor ich hinter der Glastür des schmucken Blumengeschäfts verschwand, das aufzusuchen mir im Innern echt peinlich war. Ich stützte mich einen kurzen Moment auf die Knie und hob überrascht den Kopf, als die ganzen Gerüche auf mein reizempfindliches Hirn eindroschen.

Mittelalte Damen mit bauchigen, farblosen Hauben und seligen Gesichtern durchliefen die blumengesäumten Gänge, blieben hie und da mal stehen, um die junge Aushilfe mit fachspezifischen Fragen zu löchern, die sie beim besten Willen nicht beantworten konnte, nur um erheiterten Gemüts weiter zu watscheln. Es roch nach Adam und Eva ohne Schlange, störend-paradiesisch und irgendwie erdig. Mein Blick streifte die ausgestellten Blumen – im Grunde eine diffuse Farbenpracht, die man mehr oder minder differenzieren könnte, wenn man denn nur im Biologieunterricht aufgepasst hätte –, die grünen Gewächse, die sich eh kein Mensch kaufte, oder? Und warum auch? Ich drang tiefer in das Ladeninnere vor, als sich eine junge Brünette mit kecker Stupsnase vor mir aufbaute und mich blitzend anlächelte. Ein kleines, rechteckiges Schild auf ihrem T-Shirt wies sie als „Frau Timme – Verkäuferin“ aus. Öder Name.

„Ich habe eine Verabredung, ein Date. Rosen, Blumen – Sie wissen schon …“

„Brauchen Sie Hilfe?“, erkundigte sie sich enthusiastisch. Erstaunt über den Umstand, dass ich gesiezt wurde, dachte ich über die Frage nach. „Ja“, gab ich schließlich an. „Die Not ist elefantös“, fügte ich unverschämter Weise hinzu und lachte kurz und verlegen auf. „Worum geht es denn?“, fragte sie höflich, das breite Empfangsgrinsen nun auf ein freundliches Lächeln reduziert. „Ich habe eine Verabredung, ein Date. Rosen, Blumen – Sie wissen schon“, fisperte ich. „Ist die junge Dame denn eher wild, ruhig, introvertiert oder fröhlich-chaotisch – isst sie gerne Schokoladeneis?“ Verblüfft schaute ich von den endlos langweiligen Kübelpflanzen auf, um ihren Blick zu suchen. „Sie ist… Naja, wie sagt man?“ Ich grübelte ein wenig. „Exotisch!“, blitzte es in mir auf. „Jawohl, exotisch wird ihr ganz gerecht, denk ich. Mehr oder weniger jedenfalls…“ „Mag sie nun Schokoladeneis oder nicht?“, hakte die Verkäuferin nach. „Mensch, was weiß denn ich! Was tut das denn überhaupt zur Sache?“, brach es aus mir heraus. Sie schwieg. „Ja, ja – vermutlich schon. Alle Menschen mögen Schokoladeneis. Oder die meisten jedenfalls“, gab ich schließlich schlechten Gewissens an. „Köstlich!“, rief sie entzückt und nahm mich bei der Hand. Viel zu aufgewühlt, um mich über diese akute Beschneidung meiner körperlichen Privatsphäre zu pikieren, trottete ich willenlos hinterher. „Warten Sie hier!“, wies sie mich an und verschwand in einem Nebenraum.

Die vielen Pflanzengerüche, die Farben, das Gejammer – meine lächerliche Unerfahrenheit

Ich starrte auf das zerkratze Ziffernblatt meiner Uhr und spürte einen Kloß im Hals. Ich werde zu spät sein, und sie wird enttäuscht gehen, ohne dass ich ihr die Blumen gebe, dachte ich. Ich trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Eine junge Mutter wies ihr jammerndes Kleinkind zurecht, das sie um eine der kleinen, witzigen fleischfressenden Pflanzen anbettelte, die Fliegen bei lebendigem Leibe verdauten. An der Kasse wühlte ein kräftiger Mann in Bauarbeiteroverall mit staubigen Händen in seinen langen Taschen nach Geldmünzen, weil seine ursprüngliche Rechnung doch nicht aufging. Mit einem Mal war mir schwindelig. Die vielen Pflanzengerüche, die Farben, das Gejammer – meine lächerliche Unerfahrenheit.

Ich wollte weg, raus aus dem giftigen, ekelhaften Blumenladen. „So!“, rief jemand euphorisch hinter mir auf. Endlich. Die Verkäuferin. „Weiße und rote Wildrose, eine putzige, unwiderstehliche Kombination aus züngelnder Liebe und poetischer Gesetztheit!“, präsentierte sie mit strahlendem Stolz ihre Arbeit. Obwohl ich nur Bahnhof verstand und mein Sinn für Ästhetik hormonbedingt eher gering ausgeprägt war, konnte ich schnell mit den geschickt zusammengesteckten Blumen vorliebnehmen. Sie rochen nach waldiger Süßigkeit und Hagebutte, verhießen Kummer und Leidenschaft – Intimität und Einsamkeit. Außerdem waren sie üppig und saftig – sofern Blumen das überhaupt sein konnten, hieß das. Ich war zufrieden. „Ja!“, platzte es nun auch aus mir heraus. „Köstlich! Wirklich sagenhaft!“, kommentierte sie und leuchtete weiter auf. Gleich ist sie so hell, dass sie sich dem Farbspektrum entzieht, dachte ich. Sie bahnte sich ihren Weg durch die Pflanzenfanatiker und stellte den kleinen Strauß vorsichtig auf den Tresen.

Trotz der vielen Leute stand keiner Schlange. Die junge Brünette band eine dicke, silberne Schleife um die gekürzten Stile und zupfte noch einige Blütenblätter zurecht. Mit freudiger Miene scannte sie ein Schildchen ab, tippte etwas in den Kassenrechner ein und übergab mir den wohlriechenden Strauß: „Das macht dann fünf Mäuse.“ Ich warf den Fünfer mit einer schlaksigen Handbewegung auf den Tresen und wollte mich schon abwenden, als mir der traurige Blick der Verkäuferin auffiel. Ihr roter Lippenstift war nur flüchtig aufgetragen. Sie sagte nichts, blickte scheu zu Boden, mied meinen Blick. „Was? Was ist denn plötzlich in Sie gefahren?“, wunderte ich mich unverblümt. „Nix, gar nichts – wirklich, alles Tip…Top. Noch einen schönen Tag.“ Sie schluchzte geräuschlos.

Ich ließ vor meinem geistigen Auge einen Film der vergangenen zwei Minuten Revue passieren, suchte fieberhaft nach Irritationen oder Auffälligkeiten, die diese Reaktion rechtfertigen könnten. Doch da war nichts. „Ich bitte Sie“, drängte ich die tränende Verkäuferin, „seien Sie nicht albern. Seien Sie stattdessen ehrlich zu sich selbst: was wollen Sie? Was ist Ihnen?“ „Ein Bild. Darf ich ein Bild von den Rosen machen?“, bat sie mich mit einer Schüchternheit, die ich ihr niemals – nie im ganzen Leben – zugetraut hätte. „Sie sind einfach so – so schön. So unsäglich schön.“, flüsterte sie voller Ehrfurcht. Ein Bild? Ein Bild! Meine anfängliche Sympathie wich aufschäumender Wut. „Machen Sie Ihr gottverdammtes Bild! Machen Sie‘s und behalten Sie den Strauß gleich mit. Ich bin eh viel zu spät dran!“ Sie zuckte unter meiner Anklage zusammen und kramte ihr flachbildschirmiges Handy hervor.

Nachdem sie das Foto gemacht hatte, kündigte sie an: „Ich fahre Sie! Ich fahre Sie zu Ihrem schmucken, kleinen Date!“ Mein zerkratztes Ziffernblatt besagte knapp drei Minuten. Hundertachtzig unerbittliche Sekunden. Ich wog die Möglichkeiten ab. „Freuden-Straße 2, in der Nähe vom Theater. Sie haben drei Minuten“, gab ich mit rauer Kehle an. Die Aussicht auf das Treffen verdrehte mir förmlich den Magen. Die Verkäuferin kritzelte eine Nachricht auf einen Zettel, um nicht gefeuert zu werden, und eilte mit mir im Schlepptau zur Tür raus. Die Luft war feucht vom Abendnebel, den die fahle Sonne jetzt wegbrannte. Anonyme Langgesichter hinter Mittelklasselenkrädern hupten wütend und kurbelten ihre Fenster runter, um angestauter Emotion unbeholfen Ausdruck zu verleihen. „Steigen Sie auf!“ Sie bestieg eine kleine, beige Vespa und winkte mich herbei. Den Strauß im Schoß, tat ich, wie geheißen.

Die langbeinige Blondine drückte ihren Zigarettenstummel aus und warf ihn achtlos auf die feuchte Straße. Sie lief auf und ab, kaute ihre Fingernägel und starrte ungeduldig auf die große Uhr des Kirchturms, der wie ein Dolch in den wolkenverhangenen Himmel ragte. Ein Wassertropfen löste sich von der ausgeschalteten Leuchtreklame des Motels, vor dem sie stand, und traf kalt auf ihr Dekolleté. Sie erschauerte und zog den Pelzmantel zu, der ihr bis zu den Knien reichte. Noch fünf Minuten, vielleicht sogar sieben. Dann gehe ich. Sie kramte eine Zigarette aus ihrer Handtasche hervor und zündete sie an. In einiger Entfernung hinter ihr entstieg gerade ein junger Mann in Mantel und Hemd einer Vespa. Die junge Fahrerin blickte ihm einsam hinterher. Eine verhaltene Bö wehte ihr eine einzelne Strähne ins Gesicht.

Er trug einen Blumenstrauß und hatte einen sehr spärlichen Bartwuchs. Seine Stirn war trotz unbestrittener Jugend von tiefer Sorge und ununterbrochener Bekümmerung gefurcht, seine Augen zerknirscht und grau wie die Straße. Mit schlaksigen Schritten näherte er sich der Frau. „Hallo“, brachte er krächzend hervor, doch sie hörte ihn nicht. Seine Knie zitterten. Er suchte den Blick der Fahrerin. Sie warf ihm ein trauriges Lächeln zu. „Schöner Mantel“, versuchte er es erneut, diesmal mit mehr Luft in der Lunge. Sie drehte sich um und maß ihn mit freudlosem Interesse. „Hi. Endlich, ich dachte schon, du lässt mich sitzen!“, neckte sie ihn und blies würzigen Zigarettenrauch durch ihre Nüstern. Er hustete. „Hier, die sind für dich.“ Er hielt ihr den Rosenstrauß entgegen. „Hast du das Geld dabei?“, fragte sie und nahm die Blumen, die sie gleichgültig musterte. Ihr Gesicht lag hinter einer undurchsichtigen Wand Schminke verborgen, ihre Zähne waren gelb und schief, das süßliche Parfüm billig. Er nickte stumm. Erwartungsvoll und gierig nickte sie zurück. Er trat näher an sie heran und öffnete lustlos den Mantel, um ihr unter Schutz seine geöffnete Brieftasche zu zeigen. „Wunderbar!“, zischelte sie und knuffte seine Wange. „Du bist ein Süßer.“ Er fühlte sich leer. Leer und angewidert. Sie wandte sich ab und ging auf den Moteleingang zu, doch er regte sich nicht. Er spürte, wie der Blick der Verkäuferin auf ihm ruhte.

„Hey, warte mal!“, rief ich ihr hinterher. Sie drehte sich um und bedachte mich mit einem verwirrten Blick. „Tut mir leid, ich kann das nicht.“, gestand ich und zuckte erleichtert mit den Schultern. Ich gab ihr die abgesprochene Geldsumme und entriss ihr den Strauß Wildrosen. Zu meinem Erstaunen nickte sie verständnisvoll. „Nun mach schon!“, munterte sie mich auf. Die Verkäuferin hatte den Blick abgewandt und war im Begriff, sich in den Verkehr einzufädeln. Das darf nicht passieren. „Frau Timme!“ Ich rannte der Vespa hinterher, deren Weg nun von einer roten Ampel verstellt wurde. „Frau Timme! Warten Sie!“. Meine Stimme verzerrte sich in ungewohnter Lautstärke. Überrascht drehte sie sich um. Unsere Blicke trafen sich. „Haben Sie etwas vergessen?“, schrie sie verwundert und irritiert zurück. Schwer atmend erreichte ich die beige Vespa und blieb vor ihr stehen. Die Ampel wurde grün. Autos hupten, Tauben gurrten. „Frau Timme“, keuchte ich, „für Sie… Die Blumen sind für Sie und sonst niemanden.“ Ihre großen Augen wurden feucht. „Steigen Sie auf!“, wies sie mich mit vor Gefühl brechender Stimme an. „Köstlich!“, rief ich aus und stieg hinter ihr auf die Vespa. „Köstlich!“, wiederholte sie und lachte unter Tränen laut auf. Wir fuhren davon in die anbrechende Dämmerung.

Der mit 500 Euro dotierte George-Konell-Förderpreis wird seit 1997 vergeben und wurde von Ilse Konell, der Witwe des in Wiesbaden ansässigen Schrifstellers und Dichters George Konell (1912-1991), gestiftet. Insgesamt gab es in diesem Jahr 14 Einreichungen. Bewerben konnten sich Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 12 aller Wiesbadener Schulen. Aaron Bitzer besucht die 12. Klasse der Diltheyschule. sensor veröffentlicht die ausgezeichnete Kurzgeschichte mit Einverständnis des Autos ab. Die Illustrationen hat Silke Reimers exklusiv für sensor angefertigt.

Die Texte aller Teilnehmer*innen sind hier zu finden.

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