
Vier Minuten für die Demokratie
Vier Minuten können verdammt lang sein. Jedenfalls, wenn man zuhören muss und denjenigen, der spricht, auf gar keinen Fall unterbrechen darf. Das ist nicht das, was man gewohnt ist, und schon gar nicht, wenn es um kontroverse Themen geht. Aber es ist eine Methode, um mehr Verständnis füreinander zu entwickeln. Das wird deutlich beim neuen Format „Sprechen und Zuhören“. Es soll künftig einmal pro Monat an einem Montagabend auf Schloss Freudenberg stattfinden. Ein Kick-Off-Tag, zu dem rund 100 Interessierte aus Wiesbaden und ganz Deutschland angereist waren, zeigte, wie das Format funktioniert.
Angeleitet wurde es von Roman Huber, Vorstand des Vereins „Mehr Demokratie e. V.“, schon lange ein Kooperationspartner von Schloss Freudenberg. Meckern und Pöbeln bestimmen so manchen Diskurs, gerade in „sozialen“ Medien, aber auch ganz normal face to face. Das soll so nicht sein, das schafft Missverständnisse, Unversöhnlichkeit, Politikverdrossenheit. Mit der Zuhör-Methode könne man trainieren, Widersprüche auszuhalten, konstruktiv statt destruktiv zu sein, so Huber. Und so wurde bei der Premiere ganz basisdemokratisch ein Thema ausgesucht: Die Wahl fiel auf den „Umgang mit der AFD“. Das war hier halt nicht so kontrovers wie man meinen könnte, denn hier hatten sich wohl in der Mehrzahl Menschen zusammengefunden, die mit rechtspopulistischen bis -extremen Meinungen nichts anfangen konnten und deswegen tendenziell eher einer Meinung waren. Wenn tatsächlich das ganze Spektrum vertreten ist, das weiß auch Huber, dann wird es schwieriger. Er habe das mal in entsprechendem Setting versucht, „das ging weniger gut aus.“ Aber die Methode wurde dadurch gut verdeutlicht.
Die Großgruppe sollte sich in kleine Vierergruppen aufspalten, die sich zu dem Thema austauschten. Dann hatte eine Person immer vier Minuten Redezeit, ohne unterbrochen zu werden. Ohne dass direkt Emotionen ausgesprochen werden müssen, werden dabei doch sehr schnell Empfindungen spürbar. Dadurch bekommen alle ein Gefühl dafür, „wo der oder die andere steht.“ Beim Zuhören entsteht Empathie und Respekt, insbesondere dann, wenn man Ähnlichkeiten zu eigenen Erfahrungen erkennt. Nach mehreren Gesprächsrunden sind sich die Beteiligten bewusster geworden, wie sie in der Tiefe zu einem Thema stehen. Sie haben außerdem die Erfahrung gemacht, dass eine demokratische Verständigung möglich ist. Das führt häufig zu mehr Gelassenheit, Entspannung und Zuversicht.
Das Format ist eine gute Vorbereitung für sachliche und inhaltliche politische Arbeit.
Es ist empfehlenswert, es in Arbeitsgruppen regelmäßig zu praktizieren, denn es erhöht das Vertrauen untereinander und verbessert die Zusammenarbeit. So zumindest steht es auf der Webseite des Vereins „Mehr Demokratie“, der das Format auch einmal im Monat zum Testen online anbietet (www.mehr-demokratie.de). Auf Schloss Freudenberg waren einige erschienen, die es in ihrem eigenen privaten, ehrenamtlichen, politischen oder beruflichen Alltag anwenden möchten. Es war tatsächlich – herausgefunden anhand teilnehmender Beobachtung! – eine Herausforderung, das Zuhören in insgesamt drei Runden zum Thema, wobei es tatsächlich von Runde zu Runde immer persönlicher wurde. Das „Forum für Gegenwartsfragen“, wie es Schloss Freudenberg nennt, verspricht interessant zu werden. Dass die Demokratie damit im Gesamten gerettet werden kann, ist wohl etwas hoch gegriffen, aber wieder einen vernünftigen Diskurs zu lernen, kann momentan niemandem schaden.
Die Abende werden von fachkundigen Schloss-Mitarbeitenden moderiert, die nach den vier Minuten zuverlässig den Gong ertönen lassen. Ziel ist, dass es den Beteiligten durch das Format erleichtert wird, auch über potenziell schwierige Themen zu sprechen und einander dabei zuzuhören, selbst wenn sie entgegengesetzte Meinungen vertreten. Denn bei »Sprechen & Zuhören« sollen sich die Teilnehmenden gar nicht gegenseitig von ihren Positionen überzeugen, sondern sie hören „einfach“ einander zu. Im besten Fall entsteht dann eine gemeinsame, neue, dritte Position.
Die Montagabende sind kostenfrei, Suppe und Getränk inbegriffen, eine Anmeldung über die Webseite schlossfreudenberg.de ist erforderlich.
Text und Fotos von Anja Baumgart-Pietsch
Sensor Veranstaltungs-Tipps: Wiesbaden dreht auf
Ob politischer Diskurs im Theater, FLINTA*-Empowerment auf dem Dancefloor, Indie-Rap…
