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Der große Test: Flohmärkte in Wiesbaden

Reklame

Von Kea von Garnier. Fotos Kai Pelka.

Ein bisschen Schatzsucher, eine Prise Schnäppchenjäger und eine Portion Sammellust- so sieht es aus, das Psychogramm des Flohmarktgängers. Und zwischen Erbenheim und Schierstein gibt es jedes Wochenende reichlich Gelegenheit, der Freude an Second Hand- Möbeln, Kleidern oder sonstigem Kleinod zu frönen. Hier wechselt Abgelebtes, Überlebtes, Ungeliebtes, zu Klein Gewordenes oder gut gemeint geschmackloses Geschenktes den Besitzer. Die Nahrung des Flohmarktliebhabers besteht nicht selten aus Bratwurst im Brötchen und einem starken Kaffee, der die Finger auf Wühltemperatur erwärmt und die müden Augen für den Späherblick schärft. Dann wird gekramt, gegrabbelt, inspiziert, gefeilscht, gesammelt und hemmungslos gestöbert.  Auf der Suche nach dem ultimativen Flohmarkt-Erlebnis haben wir keine Weckzeit gescheut, keine Kruschelkiste übersehen und kein Schnäppchen ausgelassen.

Der Späte

Offiziell beginnt der Abend-Flohmarkt in Schierstein vor dem C+C Edeka erst um 18 Uhr, Insider wissen aber, dass sich frühes Erscheinen durchaus lohnen kann. Denn sobald die Autos der Verkäufer in langen Reihen geparkt sind, öffnen sich die Türen, und das Stöbern in den Pappkartons, auf Tischen und am Boden kann beginnen. Dann summt es unter dem gelben Dach für einige Stunden wie in einem Bienennest, ein fröhliches und lautes Stimmgewirr mit Sprachfetzen aus aller Herren Länder. Was hier in basarähnlicher Kulisse vorzugsweise von Privatverkäufern unters Volk gebracht wird, ist das, was Keller, Dachboden oder Kleiderschrank hergeben. Auffallend groß ist demnach das Angebot an Kleidung, Geschirr und Spielwaren. Und ganz so, wie es Flohmarktfans lieben, entstehen auf den Tischen kuriose Nachbarschaften: Ein alter Teddybär umrahmt liebevoll ein defektes Radio und eine 100er-Packung Tampons. Neu natürlich.

Verkäufer Winfried Dietz lehnt vor seinem Wagen und spielt im Schein der Laterne gedankenverloren auf seiner antiken Gitarrenlaute. „ Heute gehen Bücher mit regionalem Bezug am Besten”, erzählt er. Nebenan rufen sich Sebastian und Christiano mit Marktschreier-Lockrufen im Ausverkauf die Kehle heiser. „Mein lieber Mann, bei einem Euro stellst du noch Ansprüche, Du bist doch bestimmt en Meenzer!”, zwinkert Sebastian einem Käufer zu. Ab 19 Uhr ändert sich die Atmosphäre merklich, die ersten packen ein und überall sind „ 5 Teile 2 Euro!“-Rufe zu hören. Fündig gewordene Spürnasen tragen ihre Beute in bunten Plastiktüten mit seligstolzem Lächeln nach Hause.

Der Vornehme

Sonntagmorgen in Wiesbaden. Die ganze Stadt liegt in ruhigem, tiefen Schlaf. Die ganze Stadt? Nicht ganz! Wer auf den sonntagsleeren Straßen morgens um 7 in die unscheinbare Einfahrt zum Adler-Center abbiegt, trifft auf dem Parkdeck ein ganz eigenes Sammlervölkchen.

Pfeifengeruch weht uns entgegen. Graumelierte „Best Ager“ in Kleidung, die auch im englischen Landhauskatalog guten Absatz finden würde, flanieren durch das Parkdeck und nehmen die rund einhundert Stände in Augenschein, die von Holz, Gold und Kristall dominiert werden. Mit ernstem Kennerblick unter der Tweed-Schiebermütze wird das Angebot gescannt, bevor es losgeht. Der Ärger über das Verkaufsverbot vor 8 Uhr ist groß. -„Wir dürfen vorher nicht einmal miteinander sprechen. Dabei sind wir hier doch nicht in der Erziehungsanstalt!“, schimpft ein Händler, auf dessen Stand alte Öl-Gemälde in opulenten Rahmen neben bronzenen Marienfiguren auf ihrem liebevoll drapierten Samtbett auf den Startschuß warten.

Neben uns begutachtet eine Dame im Pelzmantel prüfend eine Vase durch die Lupe, auf der Suche nach einer Stempelung. Der Antikmarkt ist das Eldorado für Sammler von Porzellanfiguren, Kristallgläsern, Münzen, Briefmarken und Tafelsilber. Und vieles von dem, was in den gläsernen Vitrinen der Profihändler ausgestellt ist, kostet mehr als manch Einer für seinen Jahresurlaub ausgibt. Um kurz nach 8 blättert ein Sammler-Ehepaar aus Frankfurt ohne mit der Wimper zu zucken 3500 Euro in bar für zwei antike französische Uhren aus den 1820-er Jahren auf den Tisch.

Kurios auch der hölzerne Jesus, eine Prozessionsfigur, die nun ihren flehenden Blick Richtung Parkhausdecke richtet, über ihrem Kopf flackert unruhig die Neonleuchtröhren wie ein Heiligenschein. Wen das frühe Aufstehen hungrig gemacht hat, der wird am Verpflegungsstand mit einer dampfenden Portion von „Omas Tageseintopf“ glücklich gemacht.

Der Alternative

So ein kleiner Hauch Berlin weht an jedem ersten Sonntag im Monat über das Schlachthofgelände neben dem Bahnhof. Studenten mit Jute-Beuteln und übergroßen Sonnenbrillen sind nach einer feierwütigen Samstagnacht mit anschließendem Katerfrühstück aus dem Bett geklettert und machen sich bereit, eine gemütliche Runde über den Schlachthof-Flohmarkt zu bummeln. Der Markt zu Füßen des Wasserturms, den Sukhi Langbein seit 19 Jahren organisiert, ist die Genießer-Edition unter den Flohmärkten. Gemütlich, ökologisch bewusst, kreativ, intellektuell, familienfreundlich und insgesamt sehr entspannt.

Bei musikalischer Untermalung einer Zwei-Mann-Band in der Halle oder im Sommerhalbjahr unter freiem Himmel lässt sich nach Herzenslust an den Ständen in der ansprechenden Mischung aus Wohn-Accessoires, Klamotten und Schmuck nach einem neuen Lieblingsstück suchen. „ Mir ist und war ganz wichtig, dass es nur private Standbetreiber gibt, also wirklich der Kruscht und Kram, den man nicht mehr möchte und von zuhause aussortiert hat“ , erklärt Sukhi, die diese klare Richtlinie auch regelmäßig kontrolliert. Mal eben probeweise in einen Strickpulli schlüpfen ist hier kein Problem, man pflegt das nette Miteinander. Mit müdegebummelten Füßen genehmigen wir uns ein zweites Frühstück im 60/40 und treffen auf Sven Krowas, einen Stammbesucher, der stolz seinen heutigen Fund präsentiert: Eine alte Brotschneidemaschine zum Kurbel aus Holz und Metall und alte Bilderrahmen mit Patina. „Hier finde ich eigentlich immer was. Vintage ist eben angesagt“, ist er zufrieden mit seiner Beute. Tatsächlich sind manche Besucher und Ständler seit Beginn an dabei. Und seit der ersten Ausgabe vor 19 Jahren mit gerade mal vier Verkaufsständen wuchs der Markt je nach Platzangebot zeitweise auf bis zu 150 Stände. An diesem Rekord könnte im diesem Sommer gekratzt werden, weil die angrenzende Wiese vom Kulturpark mit genutzt werden darf.

Der Frühe

Um nach einer langen Arbeitswoche samstags morgens um sechs den Wecker klingeln zu lassen, braucht schon eine gehörige Portion Masochismus. Aber wer sich um die unchristliche Uhrzeit für den Flohmarkt am Biebricher Schloss aus den Federn quält, der wird mit zart rosaner Morgensonne auf dem glitzernden Rhein und einer wahren Sinfonie an Vogelgezwitscher belohnt. Zur Saisoneröffnung kommt in diesem Jahr neben frösteligen Temperaturen auch noch eine Mischung aus Schnee und Eis dazu – der Hauptgrund, weshalb die Standdichte noch zu wünschen übrig lässt, wie Anna uns erzählt, die jedes Jahr beim ersten und letzten Flohmarkt der Saison vertreten ist und heute  trotzdem ein gutes Geschäft macht: „Am meisten verkaufe ich hier Klamotten, Schuhe und DVDs.“ Das Sortiment der privaten Verkäufer besteht zumeist aus Haushaltswaren, Büchern und Bekleidung und so hängen an den Zäunen rund um den Schlosspark Mäntel, Blusen und auch mal ein ausrangiertes Miederhemdchen.

Gesellig und fröhlich ist die Atmosphäre bei der Schnäppchenjagd, am Rostbratwurststand, von dem würziger Dampf in den Morgenhimmel steigt, finden sich Nachbarn, Freunde und Bekannte bei Kaffee mit Rum oder einem Schlückchen Sekt zusammen. Viel Gelächter mischt sich mit dem stimmungsvollen Blues aus einem Stand-Lautsprecher. Familien werden bei dem breiten Angebot an Kinderbekleidung und Spielzeug fündig. Preislich ist der Biebricher Markt sehr moderat, auf die Frage „Ei, was soll denn des koste?“ hört man meistens Beträge zwischen zwei und zehn Euro. Im Sommer ist der Flohmarkt sicher um einiges belebter und kann mit einem Picknick im angrenzenden Schlosspark kombiniert werden.

Die Weiteren

Seltenheitswert hat nicht nur vieles, was man auf dem Flohmarkt findet, sondern auch mancher Flohmarkt selbst. Der riesige 1. Mai-Flohmarkt auf dem weitläufigen Gelände des KUZ Eichberg findet, wie der Name schon verrät, nur einmal im Jahr statt. Zweimal im Jahr lockt der 50er bis 70er-Jahre-Designmarkt ins Bürgerhaus Erbenheim. Den März-Termin haben wir gerade verpasst, im Herbst dann wieder. Auf dem Mauritiusplatz finden regelmäßig karitative Flohmärkte statt, zu denen gemeinnützige Vereine in einem rotierenden System von der Stadt zugelassen werden.

Aktuelle Termine auf www.preussmaerkte.de