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Revolution auf der Bühne: Warum „Farm der Tiere“ in Wiesbaden zum Theaterereignis wird

Text: Anja Baumgart-Pietsch

Zwölf Menschen, eine Farm und eine große Idee

Für das Theaterprojekt „Farm der Tiere“ standen sie alle mit derselben Sehnsucht auf der Probebühne – endlich spielen! Zwölf Schauspiel-Laien wurden für die partizipative Inszenierung gecastet, die Regisseurin Emel Aydoğdu in der Wartburg Wiesbaden auf die Bühne bringt. Der Sensor-Probenbesuch fällt bereits in die heiße Phase: Ende April feiert das Stück Premiere in der Schwalbacher Straße.

Geplant sind fünf Aufführungen in Wiesbaden, außerdem ist das Ensemble beim „Local Players“-Festival in Frankfurt zu Gast – dem jährlichen Rhein-Main-Theatertreffen für Spielclubs und Bürger*innen-Ensembles. Auch wenn noch gefeilt wird: Das generationsübergreifende Dutzend beherrscht Rollen und Texte bereits erstaunlich sicher.

Wenn Wiesbaden selbst zur Bühne wird

Partizipatives Theater ist genau ihr Ding: Emel Aydoğdu hat diese Arbeitsweise bereits an früheren Stationen, unter anderem am Deutschen Theater Berlin, praktiziert. Seit der Spielzeit 24/25 ist sie in Wiesbaden engagiert und leitet gemeinsam mit Anne Tysiak das Junge Staatstheater.

Für „Farm der Tiere“ bewarben sich zahlreiche Wiesbadener*innen. In einem Casting-Workshop wurden schließlich jene zwölf ausgewählt, die George Orwells Roman nun in einer ganz eigenen Fassung auf die Bühne bringen. Aydoğdu hat den Stoff bearbeitet – doch entscheidend sind die Biografien, Talente und Erfahrungen der Mitspielenden. Musik spielt dabei ebenfalls eine Rolle: Mehrere Instrumente werden live auf der Bühne eingesetzt.

Fotos: Laura Nickel

Proben zwischen Impro-Theater, Klangkunst und Gelächter

Der 72‑jährige Vaclav, der Älteste im Ensemble, zieht plötzlich eine Mundharmonika aus der Tasche und begleitet eine Szene musikalisch. Seine Freude am Spiel ist ansteckend – genauso wie die Energie aller anderen.

Zu Beginn der Probe leitet Emel Aydoğdu Warm-up-Übungen an, wie man sie aus Chören oder dem Impro-Theater kennt. Körper und Stimme werden aktiviert, Reaktionsschnelligkeit trainiert – etwa beim sogenannten „Hey-Ho-Boing“-Klatschkreis. Das Ergebnis: viel Gelächter, spürbare Gemeinschaft.

Auch das Bühnenbild ist alles andere als gewöhnlich: In Plastik eingeschweißte „Heuballen“, ein orangefarbener Holzkürbis und gelbe Tentakel – sie erinnern an die Installationen von Yayoi Kusama – schaffen eine Ästhetik zwischen Bauernhof und Surrealismus. Das etwa 75‑minütige Stück folgt zunächst Orwells Parabel, bevor es sich, wie Aydoğdu andeutet, „ins Hier und Jetzt transformiert“.

Die Revolution beginnt in der Scheune: Orwells Parabel – neu gedacht

In der ersten Szene versammeln sich die Tiere in der Scheune von Bauer Jones. Unter der Führung des alten Ebers Old Major bereiten sie die Revolution vor. Die Regisseurin verfolgt die Szene aufmerksam vom Stuhl aus, Manuskript in der Hand. Die Darsteller*innen finden erstaunlich selbstverständlich in ihre zunächst „tierischen“ Rollen – der Text sitzt, die Körpersprache wirkt präzise.

Mit dabei ist Anette Villnow, die bereits Theatererfahrung in Wiesbaden gesammelt hat. Sie stand 2024 schon im Partizipationsprojekt „Orlando“ nach Virginia Woolf auf der Bühne. Vier weitere Mitwirkende kommen ebenfalls aus diesem Projekt. „Wir wollten einfach nochmal spielen“, sagt Villnow – sichtlich vom Theaterfieber gepackt.

Foto: Laura Nickel

Vom Schultheater bis zum Bürgerensemble: Warum alle weitermachen wollten

Auch die junge Designerin Fiona Beyermann ist Teil des Ensembles. Über kostenlose Studi-Tickets entdeckte sie das Theater für sich, sammelte Erfahrung im Schultheater und bei Bandauftritten – und gewann schließlich das Casting. Ähnlich ging es Svenja Schwerdt, die gezielt nach Community- und Mitmachprojekten gesucht hatte.

Der Einsatz ist hoch: Seit November wird jeden Mittwoch geprobt, zusätzlich an einzelnen Samstagen. Das schweißt zusammen. Meinungsverschiedenheiten? Kaum vorhanden, sagen die Beteiligten. Alle ziehen an einem Strang, damit aus vielen Einzelstimmen ein überzeugendes Ganzes wird.

Hochaktuell trotz Klassikerstatus: Was „Farm der Tiere“ heute fragen muss

George Orwells Roman – vielen noch als Englisch-Leistungskurs-Lektüre bekannt – ist erschreckend zeitlos. Ursprünglich eine Allegorie auf die Sowjetunion, in der auf die Revolution erneut eine Diktatur folgt, stellt die Wiesbadener Inszenierung neue Fragen:

Wie könnte eine gerechte Gemeinschaft heute aussehen?
Welche Regeln, Werte und Ideale würden wirklich tragen?

Mit Laien zu arbeiten, so Aydoğdu, bedeute für sie große Flexibilität. Ihre Rolle als Regisseurin unterscheide sich stark von der Arbeit mit Profis – das Stück entwickle sich im Miteinander. Die Motivation sei dabei enorm, auf allen Seiten.

Jetzt allerdings konzentriert sich die Probe erst einmal auf eine ganz praktische Frage:
Wie grunzt man eigentlich überzeugend – als Schwein?

 

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