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Go West: 25 Jahre Mauerfall – Fluchtgeschichten

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Text Monica Bege Foto Katharina Dubno

25 Jahre nach dem Mauerfall blicken zwei Ex-DDRler in Mainz und Wiesbaden auf ihr Leben zurück. Sie berichten von Bevormundung, Lügen, Stasi-Überwachung und der Sehnsucht nach Freiheit.

„Oh ja, Mama, Lastauto fahren“, begeisterte sich der zweijährige Junge. Er kauerte mit seinen Eltern im Dickicht. Ihre schwarzgemalten Gesichter verschmolzen mit der dunklen Nacht. Die nächsten Stunden würden über die Zukunft von Martin Leutke und seinen Eltern entscheiden – die Flucht aus der ihnen unerträglich gewordenen DDR stand bevor.

Generationenübergreifende Schikanen

Auf dem Weg zum Kommunismus propagierte die DDR-Staatsführung ein atheistisches Weltbild. Kirchen galten als Zentren des Widerstandes. Martins Großvater stellte als Pfarrer aus Sicht der DDR-Führung einen ideologischen Gegner dar. Stasi-Mitarbeiter protokollierten akribisch den Wortlaut seiner Predigten. Schikane auch bei Martins Vater, dem Pfarrerssohn, ihm blieb das Abitur verwehrt. So absolvierte er eine Ausbildung zum Krankenpfleger und legte seine Reifeprüfung auf der Abendschule ab. Das anschließende Studium durfte er erst nach enormen Verzögerungen antreten. Mit Martins Geburt im Jahr 1974 bekamen die Eltern ihre Arbeitsstellen und eine Plattenbauwohnung in Schwedt an der Oder zugewiesen. Schlimmer noch als die Wohnung im grauen Einheitsbau waren die Giftschwaden, die von der dort ansässigen PCK-Raffinerie, dem wichtigsten Kraftstofflieferanten der DDR, über die Lande zogen. Das wenige Wochen alte Baby reagierte mit nicht in den Griff zu bekommenden Krankheiten. Neben all der Bevormundung war das Leben nun auch gesundheitlich nicht mehr erträglich.

Konspirative Begegnungen

Die Mutter hatte einen Cousin in Bonn, er stellte den Kontakt zu einer Fluchthilfeorganisation her. Alles lief über eine Kette von Mittelsmännern, Namen wurden nie ausgetauscht. Auf beiden Seiten war man extrem vorsichtig. Das DDR-Regime arbeitete konzentriert an der Infiltration und Zerschlagung derartiger Organisationen und bei Verhören war die Stasi nicht zimperlich. In den folgenden eineinhalb Jahren baute man während konspirativer Treffen gegenseitiges Vertrauen auf. „Wie in einem schlechten Film gab es Erkennungszeichen – mal eine gelbe Krawatte, mal eine unter den Arm geklemmte Zeitung“, weiß Leutke aus Erzählungen seiner Eltern. Am 22. August 1976 schließlich überbrachte eine Mittelsfrau im Ostberliner Café „Unter den Linden“ die Nachricht, die Familie solle sich in der übernächsten Nacht an einem bestimmten Kilometerstein im Unterholz an der von der Stasi überwachten Transitstrecke Nürnberg-Berlin verstecken. Zwischen Mitternacht und ein Uhr käme ein Lieferwagen. Nach einem vereinbarten Erkennungsdialog wäre allen Anweisungen unbedingt Folge zu leisten. „Die kurze Vorlaufzeit überraschte meine Eltern“, erzählt Leutke, „aber sie waren vorbereitet und hatten zu diesem Zeitpunkt längst über Monate hinweg alle persönliche Gegenstände aus ihrer Schwedter Wohnung entfernt.“ Während vieler Besuche bei Angehörigen und Freunden versteckten sie unbemerkt Fotos, Briefe, handschriftliche Notizen und Urkunden in deren Kellerräumen. Nach der Flucht würde die Stasi ihre Wohnung durchsuchen und alles beschlagnahmen. Weder verbliebene Kleidungsstücke noch andere Gegenstände sollten Hinweise auf einen Westkontakt geben.

Durch die Nacht in die Zukunft

In stockdunkler Nacht setzte der Vater Frau und Kind im Unterholz ab, versteckte den Wagen in sicherem Abstand auf einem Waldweg. Dann stolperte er durch die Finsternis, hatte Schwierigkeiten, seine Familie zu finden. Erst nach Mitternacht entdeckte er sie. Kurz vor ein Uhr stoppte ein Lieferwagen auf dem Seitenstreifen. Männer stiegen aus, ein schneller Wortwechsel und dann saß die Familie im komplett mit Styropor ausgekleideten Laderaum. Die Isolierung sollte die Wärmesensoren an der Grenzstation überlisten. Ladeflächen wurden im Transitverkehr verplombt. Waren sie bei Ausreise intakt, konnten Transportfahrzeuge ohne weitere Kontrolle in den Westen passieren. Unbekannt ist bis heute, ob es einen zweiten Türmechanismus gab. Martins anfängliche Begeisterung über das „Lastauto“ wich einem unsicheren Schluchzen, „Hause fahrn“, flüsterte er. Als der Wagen nach einiger Zeit anhielt, vernahmen die Eltern die Stimmen der Grenzer. Sie gingen um den Wagen, rüttelten an den Türen. Schon ein leises Wimmern hätte sie verraten. Martin aber war glücklicherweise bereits eingeschlafen. Der Wagen rollte wieder an – sie passierten nach West-Berlin. Die Flucht barg ein enormes Risiko. Wäre sie nicht geglückt, hätte die Stasi Leutkes Eltern inhaftiert. Um nicht gegeneinander ausgespielt zu werden, hatte das Paar etwaige Aussagen festgelegt und ein mögliches Verhör immer wieder durchgespielt. Martin wäre zu seinen Großeltern oder in ein Pflegeheim gekommen, eine Zwangsadoption wäre aber auch möglich gewesen. „Das System war meinen Eltern unerträglich, insbesondere die permanente Gängelung durch den Staat, was Beruf, Freiheit, Erziehung oder Information anging“, sagt Leutke. „Sie waren wahnsinnig mutig und couragiert, aber nicht naiv. Ihre Vorbereitung war bis ins letzte Detail hochprofessionell. Letztlich haben sie mir ein Leben ermöglicht, das ich sonst so nicht gehabt hätte. Sie haben die beste Entscheidung ihres Lebens getroffen.“

 

Hinter Mauern der Grausamkeit

„Meine Lehrer verhöhnten mich, weil ich Christin war“, sagt Birgit Schlicke. Als Schülerin kam sie damit zwar zurecht, begann aber, das ganze Staatssystem in Frage zu stellen. Oft führte sie mit ihrem Vater politische Diskussionen und mit 14 Jahren wusste sie, dass sie in der DDR nicht bleiben wollte.
Schlickes wohnten in Weißwasser, unweit der polnischen Grenze. Als Birgit zur 11. Klasse in die Oberschule wechselte, sah sie sich in allen Fächern einer massiven politischen Indoktrination ausgesetzt. „Wir mussten bestimmte Zeitungen lesen, wurden dazu abgefragt und mussten das FDJ-Hemd tragen“, erinnert sich Schlicke. „Bei sportlichen Pflichtveranstaltungen zu Ehren des Sozialismus gab es Schießübungen auf Menschen-Silhouetten und Weitwurf mit Handgranaten-Dummies.“ Rebellisch verweigerte Birgit ihre Teilnahme, der Schuldirektor tobte. Nachdem die Eltern 1985 den Ausreiseantrag gestellt hatten, wurde die unbequeme Schülerin von der Schule verwiesen. Der Direktor rief zur Distanz zur „Vaterlandsverräterin“ auf, ehemalige Mitschüler ließen ihr aus Angst vor Repressalien nun keine Schulunterlagen mehr zukommen. Der Staat bot inakzeptable Ausbildungen zur Schweinezüchterin oder Baggerfahrerin an und selbst Volkshochschulkurse blieben Birgit verwehrt. „Das stand einem Bildungsverbot gleich“, so Schlicke. Die Familie wurde offensichtlich beschattet, das Telefon abgehört, sämtliche Briefe geöffnet und stümperhaft mit Tesafilm wieder zugeklebt. Von dem Einbruch in ihre Wohnung mit Verwanzung aller Räume erfuhren Schlickes erst aus ihrer Stasi-Akte.

Auf Feindkontakt stand Arrest

Schließlich gründete der Vater eine friedliche Protestgruppe Ausreisewilliger. Zu ihrem dritten Schweigemarsch auf dem Marktplatz sperrte die Stasi das Areal ab und nahm sämtliche Personalien auf. Tags darauf holte sie die Teilnehmer zu Einzelverhören ab. Birgit war 17 Jahre alt, als sie unterschrieb, künftig ungesetzliche „Zusammenrottungen“ zu unterlassen. Die Lage spitzte sich indes weiter zu. 1987 tippte Birgit den Brief ihres Vaters an die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt/ Main ab. Er bat um Hilfe bei der Ausreise, schilderte die alltäglichen Diskriminierungen. Über Bekannte gelangte der Brief sicher nach Frankfurt. Am 29. Februar 1988 wurde der Vater überraschend verhaftet. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung konfiszierten Stasi- Mitarbeiter persönliche Gegenstände. Die Stasi-Ausweise trugen keine Namen, nur unleserliche Unterschriften. Zwei Tage später holten sie Birgit zu stundenlangen Kreuzverhören ab. Die zermürbenden Fragen zu ihrem Vater konterte sie mit frechen Antworten, ließ dabei aber den IGFM-Brief unerwähnt. Auf den Kontakt zur Feindorganisation stand eine Strafe von zwei bis zehn Jahren Freiheitsentzug. Gegen Abend wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. In herabwürdigender Prozedur musste Birgit Kleider, Brille und Schmuck ablegen, alle Körperöffnungen wurden kontrolliert. Man steckte sie zu zwei „Politischen“ in eine 3 x 4 Meter große Zelle. Nachts flammten alle 20 Minuten grelle Scheinwerfer auf, Wärter kontrollierten per Türspion die vorgeschriebene Liegeposition: Rückenlage mit Händen auf der Decke. Schlafentzug, ständige Verhöre und Erniedrigungen – in der U-Haft in Cottbus nahm Birgit in kürzester Zeit 10 Kilo ab, hatte Haarausfall, bekam psychosomatische Erstickungsanfälle. Die Stasi legte ihr gefälschte Geständnisprotokolle des Vaters vor, in Weißwasser streute sie Gerüchte, er habe sich in seiner Zelle erhängt. Unter den seelischen Folgen dieses Terrors leidet Birgits Mutter bis heute.

Brutalität im Frauenknast Hoheneck

Nach fünf Monaten bekam Birgit mit Kirchenanwalt Wolfgang Schnur erstmals rechtlichen Beistand. Eine Farce, 1990 sollte „DER SPIEGEL“ Schnur als langjährigen Stasi-Mitarbeiter entlarven. Dann konfrontierte man die 19-Jährige mit dem IGFMBrief. „Die Verhandlung im August 1988 fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und war reines Theater. Das Urteil stand längst fest. Ich wurde zu zwei Jahren und sechs Monaten im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck verurteilt“, so Schlicke. „Brutale Kindermörderinnen, drei ehemalige KZ-Aufseherinnen und einige aggressive Fälle für die Psychiatrie saßen unter anderem dort ein“, so Schlicke. „Ich hatte panische Angst vor Gewalt und Lesben, wollte nur überleben.“ Die „Politischen“ steckte man zu den Schwerverbrecherinnen, bei Gewalt schauten die Aufseher weg. Eine der elf Frauen in der 30-Quadratmeterzelle drohte Birgit das Gesicht zu zerschneiden, sollte sie sich nachts im Doppelstockbett über ihr bewegen. Birgit hatte Glück und wurde von der „Zellenältesten“ beschützt. In Akkordarbeit nähte sie täglich 287 Bettbezüge. Privatsphäre gab es nicht. In Hoheneck herrschte militärischer Drill. Bei Appellen und Razzien wurden die Gefangenen gedemütigt, renitente Häftlinge kettete man im Arrestkeller an. In Dunkelzellen und Isolationshaft wurden die Frauen gepeinigt und seelisch gebrochen. Nicht selten gellten qualvolle Schreie durch die Nacht. Nervenzusammenbrüchen folgten ruhigstellende Psychopharmaka und Selbstmordversuche. Traumatisiert schweigen viele ehemalige Insassen bis heute über ihre grausamen Erlebnisse. Nach dem Mauerfall wurde Birgit entlassen. Mit ihrer Familie verließ sie Anfang Dezember 1989 die DDR. Sie musste reden, um das Geschehene zu verarbeiten, mit „Gefangen im Stasi- Knast“ schrieb sie ein beeindruckendes Buch. Besucht sie heute als Zeitzeugin Schulklassen, hinterlässt sie tiefe und lebendige Eindrücke aus der dort oft unbekannten Zeit vor dem Mauerfall. Geblieben ist jedoch Verbitterung. „Die Täter wurden nicht konsequent zur Rechenschaft gezogen, das Unrechtsregime scheint rehabilitiert. Die Bundesregierung hat es versäumt, die Stasi als verbrecherische Organisation publik zu machen“, so Schlickes klare Meinung.

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