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Visconti-Film und “Nazi-Chic”-Vortrag zum Auftakt der “42|12”-Dialogreihe

 

Unter dem Titel „42|12 – 70 Jahre nach den Deportationen aus Wiesbaden“ führt das Aktive Museum erstmals eine Veranstaltungsreihe durch das ganze Jahr hindurch. Das Aktive Museum  möchte mit den verschiedensten Veranstaltungen nicht nur an die Opfer der Deportationen aus unserer Stadt erinnern, sondern auch über die Bedeutung diskutieren, die diese Erinnerung für uns heute hat. Dabei spielt die Auseinandersetzung mit der Nazi-Ideologie und Nazi-Ästhetik ein besondere Rolle – auch bei der Auftaktveranstaltung am Sonntag, dem 13. Mai ab 17 Uhr im Murnau Filmtheater.

Gemeinsam mit der Murnau Stiftung zeigt das Aktive Museum den Film „Die Verdammten” von Luchino Visconti und präsentiert anschließend den Vortrag „Nazi Chic und Nazi Trash“ von Marcus Stiglegger.

Als Visconti sein Historiendrama über die Verflechtungen einer Industriellenfamilie mit dem Naziregime ins Kino brachte, entzündete sich die Kritik nicht nur an dem “operettenhaften” und melodramatischen Stil des Films, sondern auch an der Sexualisierung und Ästhetisierung jener historischen Epoche. Mit Ausstattung und Kostümen begründete der Film eine einflussreiche Tendenz, die sich als “Nazi-Chic” in die Film-, Mode- und Musikwelt einschrieb.

Faschistische Ästhetik in der populären Kultur ist auch das Thema des anschließenden Vortrags. Nazis! … Man muss nicht Indiana Jones sein, um überall auf sie zu stoßen. Oder zumindest auf ihr mediales Bild. Ein Blick in die populäre Kultur der letzten Jahre genügt: Die Palette reicht vom “Nazi-Chic” der Modewelt über sexualisierte und trashige Bilder des Nationalsozialismus im Kino bis zur faschistischen Ästhetik in der Selbstinszenierung international bekannter Musiker. Der Vortrag diskutiert kritisch die mal subtilen, mal plakativen Zitate faschistischer Symbolik und fragt nach Funktion und Resonanz dieses popkulturellen Phänomens. Die behandelten Beispiele führen von Kriegsfilmen wie INGLOURIOUS BASTERDS über Comic-Verfilmungen (THE SPIRIT) hin zu pornografischen Inszenierungen, vom Manga-”Cosplay” in den Fetischclubs über die Rock-’n’-Roll-Posen eines Marilyn Manson bis zur kritischen Überaffirmation der slowenischen Band Laibach.

Nach diesem Auftakt werden bis in den Dezember die unterschiedlichsten Veranstaltungen stattfinden, darunter Konzerte, Vorträge, Workshops und eine Studienfahrt. Der Hintergrund: 1942 wurden auch aus Wiesbaden Menschen deportiert und ermordet.Mit den drei Deportationen am 23. Mai, am 10. Juni und am 1. September wurden mehr als 780 jüdische Bürgerinnen und Bürger Wiesbadens in das sogenannte Generalgouvernement (Polen) bzw. nach Theresienstadt im Protektorat Böhmen und Mähren verschleppt. Nur zehn von ihnen haben überlebt. Mit der diesjährigen Dialogreihe erinnert das Aktive Museum Spiegelgasse, seine Jugendinitiative Spiegelbild und die Paul Lazarus Stiftung an die menschenverachtenden Handlungen und Haltungen unter der Naziherrschaft und gedenken der Menschen die ermordet wurden, weil sie Juden waren. “Gleichzeitig werden wir über Ziele und Absichten nachdenken, die wir heute mit dieser Erinnerung verbinden. Dass es hier nicht um “Vergangenheitsbewältigung” gehen kann und dass rassistisch motivierte Gewalt auch eine Realität der letzten siebzig Jahre bis in die heutige bundesdeutsche Gesellschaft ist, haben nicht zuletzt die jüngsten Erkenntnisse zur neonazistischen  Mordserie gezeigt”, heißt es im Vorwort der Programmbroschüre.