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So wohnt Wiesbaden: 44 qm Palast / Sozialwohnungen im ehemaligen Grandhotel … gibt es hier – noch

Von Arne Dechow (Text und Fotos).

Ein Hotel ist es seit schon lang nicht mehr und ein Palast war es noch nie. Katy C. Kreyme aber, seit 41 Jahren Bewohnerin einer 44 Quadratmeter kleinen Wohnung im Wiesbadener Palasthotel, hängt an ihrem Zuhause wie die Windsors an ihrem ebenfalls ziemlich maroden Buckingham Palace.

Auch dort könnte man sich die große Frau mit den aufgetürmten, rosenverzierten Haaren wunderbar vorstellen – wie sie in einer familiären Runde beim Bridge sitzt, sich mit langen gepflegten Fingern eine Chesterfield aus der Packung fummelt und leicht melancholisch „oh my dear“ seufzt.

Was auch an ihrer Wohnung liegen mag, die wie eine Mischung aus Bibliothek und Raucherzimmer der Belle Epoque wirkt. Was Schicksalsschläge angeht, kann Kreyme ebenfalls locker mit den Windsors mithalten.

In den siebziger Jahren spielte sie in dem verschollenen Kurzfilm „Sisyphus“ die Fortuna. Ein bereits finanzierter Kinofilm, für den sie ebenfalls das Drehbuch geschrieben hatte, kam durch den tödlichen Motorradunfall ihres mit der Regie beauftragten Geliebten nicht mehr zustande. Es blieb nicht der einzige tragische Todesfall in ihrem nächsten Umfeld.

„Seit zwei Jahren gibt es ein Gemunkel“

Quasi schon immer lebt und arbeitet sie im „Viertel“, wie sie die Gegend zwischen Bergkirchenviertel, Taunusstraße und Fußgängerzone nennt. Total begeistert sei sie gewesen, als man ihr 1983 die Wohnung im Palasthotel angeboten habe. Da war die Umwidmung des ehemaligen Luxusressorts in Sozialwohnungen gerade fünf Jahre her und sie, damals Literaturstudentin und Bafög-Bezieherin, fand die langen Gänge, die Jugendstilfassade und die Höfe „einfach herrlich romantisch und ein bisschen gespenstisch“.

So blieb sie vier Jahrzehnte hier, eine soziale Hotelbewohnerin mit guten Kontakten zu den Nachbarn und bester Vernetzung im gesamten Quartier. Als sie dann vor wenigen Wochen den Brief der städtischen Wohnungsgesellschaft GeWeGe erhielt, in dem man ihr eine „adäquate Ersatzwohnung“ anbot, weil sie mittelfristig weichen müsse, sei sie noch einmal ziemlich aus der Bahn geflogen. Auch wenn Gerüchte über eine drohende Kernsanierung schon seit zwei Jahren unter den Bewohnern die Runde machten.

Was ist adäquat, wenn du verwachsen bist?“

„Hauptsache, ich kann im Viertel bleiben, mit einem kleinen Balkon“. Katy Kreyme ist nicht die einzige Bewohnerin, die sich ein Leben außerhalb der nördlichen Mitte Wiesbadens nicht vorstellen mag. Einen Stock tiefer lebt Irene Schmuck (Name geändert), ebenfalls in zwei kleinen Zimmern, die dem Klischee einer Sozialwohnung ein selbstbewusstes „ich“ entgegensetzen. Kein Balkon zwar, aber afrikanische Kunst neben den mit Stolz erhaltenen originalen Einbauschränken aus Hotelzeiten, vor der verglasten Küche steht Marcel Duchamps „Flaschentrockner“ – nein, dieser nicht im Original.

Aus ihrem Wohnzimmer schaut sie direkt auf den Kranzplatz und die Staatskanzlei. Als tolle Aufwertung des Viertels habe sie den Einzug der Hessischen Regierungszentrale ins ehemalige Grand Hotel Rose wahrgenommen. „Ich habe hier nie Angst gehabt“, sagt die Fünfundsiebzigjährige, die mal Medizinische Fachangestellte war, dann Kunstgeschichte studierte, arbeitslos wurde und nun auf eine Aufstockung der Rente angewiesen ist. Sie empfindet ihre Wohnung im verfallenden Palasthotel ebenfalls als Privileg.

Die Angst vor dem Briefkasten

„Die schönsten Sozialwohnungen Deutschlands“ sagt sie und grinst schelmisch hinter einer dicken Brille hervor, vergleichbar nur mit dem Samaritaine, der legendären „Kathedrale des Handels“ in Paris, in dem sich heute neben Boutiquen und einem Luxushotel auch 96 Sozialwohnungen befinden.

Sie hat Verständnis dafür, dass das Hotel eine Sanierung braucht. Sie findet aber auch, dass man das Haus verkommen ließ in den vergangenen Jahrzehnten. Seitdem habe sie Angst vor dem Briefkasten. Ein Umzug in eine Seniorenanlage am Stadtrand, mit Rewe statt Aldi, Kiosk und Gewürz-Müller, das käme für die beiden Frauen einer Entwurzelung gleich.

Verrohte Sitten

Es gibt auch Mieter, die pragmatischer mit der Situation umgehen und bereits um einen angemessenen Ersatz verhandeln, groß genug für die Möbel und mit besseren Fenstern. „Die letzten Jahre sind eh nicht mehr so schön gewesen“, sagt einer von ihnen. Seit das Hausmeisterbüro in der Lobby nicht mehr besetzt ist, seien die Sitten verroht, Obdachlose würden sich in den Kellern einquartieren und Jugendliche wilde Partys mit den Feuerlöschern feiern. Falls das Palasthotel mal so etwas wie eine soziale Idylle war, scheint diese Zeit vorbei zu sein. Das wissen auch Kreyme und ihre Nachbarin.

Wieviel Vielfalt braucht die Innenstadt?

Aber es geht ja nicht nur um zwei ältere Damen, deren finanzielle Möglichkeiten sich nicht mit ihrem kulturellen Niveau vertragen. Es geht auch um die Frage, was eine attraktive Innenstadt ausmacht. Passen die künftigen Bewohner des Kureck-Turms, die sich vier Zimmer für 1,5 Millionen Euro leisten, besser neben die Staatskanzlei als die bunte Mischung des Palasthotels?

Katy Kreyme findet, die nördliche Innenstadt erlebe gerade eine kleine Renaissance. Boutiquen und Kioske, Agenturen und Einzelhandel, Modernes und Antiquarisches, Theater und Tattoo-Studios, ein vielfältiges urbanes Leben sei zurückgekehrt. Dass jeder eine eigene Meinung dazu hat, was zu einem solchen Leben dazu gehört, findet in der hier ansässigen Vielfalt vielleicht genau den angemessenen Ausdruck. Großbritannien lässt sich sein Königshaus angeblich rund 125 Millionen Euro kosten. Palastbewohner wie Katy Kreyme sind da deutlich günstiger zu haben – und in einer Republik auch deutlich angemessener.

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