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2×5 Interview: Dr. Helmut Müller, Oberbürgermeister, 60 Jahre, 3 Kinder

Interview Dirk Fellinghauer. Foto Simon Hegenberg.

BERUF

Ihre früheren direkten Vorgesetzten waren Helmut Kohl, Walter Wallmann, Rita Süßmuth, Roland Koch – von wem haben Sie am meisten gelernt?

Ich hatte nie geplant, in die Politik zu gehen, sondern das hat sich wirklich einfach ergeben. Ich war an der Uni und wollte eigentlich auch da bleiben. Walter Wallmann war für mich deswegen faszinierend, weil ich zum ersten Mal in der Sphäre gearbeitet habe. Er war damals gerade als Oberbürgermeister Bundesumweltminister geworden in Bonn. Deshalb habe ich auch sehr viel über Frankfurt und Rhein-Main mitbekommen. Von inhaltlichen Dingen, von der Gestaltung von Dingen, da war die Zeit mit Roland Koch am intensivsten.

Sie waren Kochs Büroleiter, er ist heute Konzernchef – auch für Sie eine Perspektive?

Nächstes Jahr ist OB-Wahl und ich möchte gerne wieder gewählt  werden. Meine Weichenstellung war vor etwa zehn Jahren, als ich mich entschied, in die Kommunalpolitik zu gehen und das dann auch richtig zu machen. Daran hat sich nichts geändert.

Wie  hat sich die Stadt seit Ihrer Amtsübernahme 2007 verändert?

Die Stadt hat sich sehr zum Positiven verändert. Als objektiver Indikator kann die Passantenfrequenz in der Kirchgasse dienen. Da rangieren wir mit den Top-Einkaufslagen wie dem Kurfürstendamm oder der Kauffinger Straße in München unter den ersten zehn. Das hängt mit den Bauprojekten zusammen, aber auch mit den zahlreichen Festen und Innenstadtveranstaltungen, die wir anbieten. Fußgängerzone, Mauritiusplatz, Dernsches Gelände – heute ist richtig Leben in der Stadt.

Dabei haben Sie wahrscheinlich mehr Ideen als finanzielle Mittel?

Der Witz ist ja: für richtig gute Ideen braucht man nicht unbedingt Geld. Die Mauritiusgalerie kostet die Stadt kaum zusätzliches Geld, weil wir das Geld, das wir bisher für die Miete der dort einziehenden Bibliotheken an anderer Stelle bezahlen, nehmen, um die Innenstadt weiter aufzuwerten. Zu dem Komplex gehört auch das Parkhaus und das Achat Hotel, und damit finanziert sich das. Wir brauchen gar nicht mehr Geld – ist doch schön, oder? Sich für jede Ecke etwas anderes ausdenken und wie bei Rubik´s Cube so lange drehen, bis es passt – das macht Spaß.

Sie dürfen eine Entscheidung  ihrer bisherigen rückgängig machen – welche?

Rückgängig – weiß ich nicht so richtig, aber es gibt immer welche, bei denen man im Nachhinein vielleicht sagt, da hätte man noch ein halbes Jahr warten können. Welche das wäre, ist schwierig zu sagen … Aber so richtig bereut? Eigentlich nicht.

MENSCH

Sie haben den Wehrdienst verweigert – nicht gerade CDU-typisch. Wo haben Sie Ihren Zivildienst absolviert?

Das war früher nicht so üblich, heute aber schon. Ich war in einer Heimsonderschule, da waren sehr viele Contergan-Kinder. Der Zivildienst war eine Erfahrung, die ich sonst nie gemacht hätte. Ich hatte bis dahin nie mit Behinderten zu tun. Am ersten Tag hatte ich Angst, wusste nicht, was ich mache, wenn ich einem körperbehinderten Menschen gegenüberstehe. Dann kam ein kleiner Junge, der mir seinen verkürzten Arm entgegenstreckt und sagt: Tach! Er hat mich damit einfach über alle Probleme hinweg gehoben.

Sie haben berufsbedingt wenig Zeit für Ihre Familie – wie nutzen Sie diese?

Der Vorteil ist, ich bin in derselben Stadt. Ich komme abends nach Hause, bin morgens da. Es gibt Gelegenheiten, am Wochenende zusammen zu essen. Ich hatte eine Zeit, wo wir in Wiesbaden gelebt haben und ich in Bonn gearbeitet habe, das würde ich nicht  mehr machen. Bei der Bundestagspräsidentin war es ein irrsinnig interessanter Job, da war ich immer in der Weltgeschichte unterwegs. Aber das beeindruckt eine Familie nicht wirklich, das ist eher belastend. Meine Tochter hatte damals sprechen gelernt und das habe ich fast nicht mitgekriegt. Das war für mich der Grund, mich zu verändern. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre mein Leben privater Art bestimmt anders verlaufen.

Welche drei Persönlichkeiten unserer Stadt jenseits der Politik sollte jeder kennen?

Im Sport eine Doppelbesetzung: Jürgen Grabowski, aber im selben Atemzug Helmut Schön. Dann Pastor Niemöller. Und Volker Schlöndorff. Außerdem wird gerade Helmut Plessner, ein Sohn dieser Stadt, Philosoph und Soziologe, wiederentdeckt.

Wie halten Sie sich fit?

Ich habe in der Studentenmannschaft Basketball gespielt, bin sehr viel Ski gefahren, war auch Übungsleiter. Aber die richtig große Leidenschaft, der ich auch heute noch gelegentlich fröne, ist Fußball. Für mich ist Sport viel mehr als nur Tabellen, für mich ist Sport Gesellschafts- und Sozialpolitik.

Was tun Sie für Ihre persönliche Klimabilanz?

Ich fahre in der letzten Zeit wieder mehr Fahrrad. Kürzlich bin ich so ein bisschen kreuz und quer durch die Stadt gefahren: also im Radbereich müssen wir schon noch mehr tun. Ich versuche auch, dreimal die Woche zu joggen, krieg´s aber meistens nur zweimal hin. Ich mache es morgens: bis ich richtig wach bin, bin ich schon wieder Zuhause.

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