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2×5 Interview mit goEast-Festivaldirektorin Gaby Babić

5 x Beruf

Über welche  Stationen haben Sie Ihre aktuelle erreicht?

Direkt nach meinem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften habe ich eine Stelle am Goethe-Institut in Sarajevo bekommen. Es folgte ein Jahr an der Uni Konstanz und dann die Selbstständigkeit als freie Kuratorin. Die führte mich 2009 auch zu goEast, das ich seit der ersten Ausgabe als Besucherin kannte. Ende 2010 übernahm ich die Leitung – das hatte sich in keiner Weise abgezeichnet, ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Meine erste Reaktion: „Wow“ – gefolgt von einem Kribbeln im Bauch, ob ich mir das zutraue.

Welche Aufgaben stehen in ihrer Stellenbeschreibung?

Es gibt gar keine richtige Stellenbeschreibung, der Vertrag ist sehr offen gehalten. Zu meinen offiziellen Aufgaben gehören die Akquise von Sponsoren, Repräsentieren, eine Teamleitungsfunktion und natürlich die künstlerische Leitung des Festivals. Und darüber hinaus? Texte schreiben, lektorieren, redigieren … bei goEast machen alle alles, wenn Not am Mann oder an der Frau ist, also ich kann auch mal einen Banner aufstellen oder Getränke ausschenken. Wir haben flache Hierarchien mit 2 Festangestellten, acht Leuten im Kernteam und während der Festivalwoche rund 80 Praktikanten und Volunteers. Wenn aber etwas schief läuft, halte ich den Kopf hin.

Wie steht´s ums Geld? Können Sie sich so entfalten, wie Sie es sich wünschen?

Die Grundfinanzierung ist gesichert durch Gelder vom Land Hessen  und von der Stadt in Höhe von  über 200.000 Euro. Darüber hinaus brauchen wir viele Fördergelder, die dann aber halt auch an die Interessen der Förderer gebunden sind. Ich wünsche mir zum Beispiel Geld für weitere rein künstlerische, thematisch unabhängige goEast-Preise .

Ein Markenzeichen des goEast-Festivals: endlos lange Nächte, Diskussionen, Feiern und gerne auch viel Wodka– wie stehen Sie das durch?

Während der Festivalwoche befindet man sich in einer Ausnahmesituation, da ist man auch adrenalinmäßig gepusht. Das funktioniert dann gut, auch bei im Schnitt nur 4 Stunden Schlaf. Mit dem Alkohol muss man tatsächlich aufpassen. An jeder Ecke steht jemand und will nochmal mit dir anstoßen. Aber mit der Zeit ist man da auch trainiert – im Mittrinken genauso wie im Stehenlassen. Nach dem Festival ist dann Schlafen angesagt.

Welchen  Film dürfen wir auf gar keinen Fall verpassen beim goEast 2012?

Den ersten Spielfilm des Regisseurs Sergei Loznitsa, dem das diesjährige Porträt gewidmet ist: „Mein Glück“, der 2010 in Cannes für einiges Aufsehen sorgte. Großes düsteres Kino mit sehr eigener Handschrift und poetischen Bildern!

5 x Mensch

Ihr Nachname klingt nicht gerade hessisch – wo sind ihre familiären Wurzeln?

Ich wurde am 16. Juli 1976 in Frankfurt geboren, als Gastarbeiterkind. Meine Eltern kamen Ende der 60er als klassische Gastarbeiter mit der ersten Welle aus dem damaligen Jugoslawien. Als Schulkind hatte ich einen jugoslawischen Pass mit rotem Stern und all den sozialistischen Insignien. Später hatte ich einen kroatischen Pass und seit 2001  habb  habe habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich bin schon damals viel gereist, das war  mit dem alten Pass sehr lästig mit dem Visum.

Womit verbringen Sie am liebsten ihre Freizeit?

Natürlich auch mit Film. Und außerdem bin ich eine leidenschaftliche Flohmarktgängerin. Wenn ich mich entspannen will, gehe ich auf den Flohmarkt. Das ist dann gar nicht wichtig, ob es ein besonderer Antiquitätenmarkt ist oder einer von diesen riesigen Parkplatzflohmärkten. Es gibt immer so Phasen, was ich gerade suche. Mal Lampen, mal Platten, mal alte Kladden. Nur in Berlin gehe ich nicht gerne, die sind mir definitiv zu trendy und zu teuer. Im Ruhrpott ist es am besten.

 „Fühle deine Stadt. Wiesbaden“ … – was sind Ihre ersten spontanen Gedanken dazu?

Das eher gute Wetter, eines der schönen Cafés, die Stimmung im Frühling, wenn es warm wird, das Flair der alten Gassen. Und natürlich auch wieder Film, weil ich viel Zeit im Caligari und bei anderen Festivals der Stadt verbringe.

Wenn Sie in den Spiegel schauen – wen oder was sehen Sie da?

Oh Gott, was für eine Frage … ich werde älter, bin jetzt fast 36, und sehe vielleicht deshalb inzwischen mich selbst. Sich selbst immer besser kennenzulernen, das ist so ein Thema für mich, das sich vielleicht auch im Spiegelbild zeigt. Vielleicht!

Stellen Sie sich vor, ein Spielfilm soll entstehen über das Leben der Gaby Babić – wer sollte die Hauptrolle bekommen?

Oh nee, oh nee …eigentlich begeistere ich mich ja für Dokumentarfilme und würde es dann vielleicht am ehesten selber machen. Das ist tatsächlich ein Gedanke, mit dem ich spiele – eine Dokumentation über Leute mit ähnlichen Migrations-Biographien wie meiner eigenen. Ich habe da einen sehr soziologischen Zugang: warum landen Leute im Leben dort, wo sie sind? Bei Spielfilmen bin ich sehr gerne in der Zuschauerrolle. Da fehlt mir vielleicht die nötige Portion Narzissmus, um mich darin zu phantasieren.

Gaby Babić, 35 Jahre, 1 Tochter, leitet das goEast-Festival des mittel- und osteuropäischen Films, das vom 18. bis 24. April in Wiesbaden, Frankfurt und erstmals auch in Mainz läuft.
 
Interview: Dirk Fellinghauer
Foto: Simon Hegenberg