
Raumschiff? Tiefseeungeheuer?
Ist es ein abgestürztes Raumschiff? Ein seltsames, riesiges Tiefseeungeheuer? Das gigantische Objekt, das die Bühne in „Become Ocean“ dominiert, lässt Raum für viele Deutungen. Dass das Ganze etwas mit Wasser, mit dem Meer zu tun hat, sagt schon der Titel. Und das kreative Lichtdesign versetzt das Publikum auch sofort unter die Wasseroberfläche. Fahl schimmert eine Art Nordlicht am Bühnenhimmel, das silbrig glänzende Objekt hebt sich, als die Musik einsetzt: Minimal Music des Komponisten John Luther Adams mit einem Prolog von Fanny Thollot. Das ist mehr als nur ein Hintergrund für Bewegungen, für eine Ballettaufführung allerdings ungewöhnlich, denn einen erkennbaren Rhythmus gibt es nicht. Wie soll man dazu tanzen? Aber es geht. Die zwölf Tänzerinnen und Tänzer rennen auf die Bühne, finden und verlieren sich in ausgreifenden Bewegungen, bilden kleine, größere Gruppen, während das Objekt über ihnen schwebt und sich verändert – es leuchtet, es ist riesengroß, aber es macht doch keine Angst.
Wie überhaupt die ganze Szenerie. Bei vielen Begräbnissen heißt es: Asche zu Asche, Staub zu Staub, aber hier sieht es eher aus wie: Das Leben kam vor Jahrmillionen aus dem Ozean, und dorthin kehrt es wohl auch zurück. Die Erde wehrt sich gegen das Abschmelzen von Gletschern und Polkappen mit Tsunamis, Sturz- und Sturmfluten und nimmt die Menschen einfach mit unter das Wasser. Das ist in der Realität furchtbar, aber in diesem Stück kann es tatsächlich irgendwie tröstlich wirken: Unter Wasser ist es leicht, die Wesen spielen gemeinsam, bilden eine Gemeinschaft und sogar die Riesenqualle oder das Raumschiff oder was immer das Objekt symbolisiert, frisst sie weder auf noch beamt sie weg, sondern schwebt möglicherweise sogar schützend über ihnen. So zumindest eine mögliche Interpretation des gut einstündigen Stücks des Choreographenduos Lee/Vakulya, das sind die taiwanesische Tänzerin und Choreografin Chen-Wei Lee und der ungarische Tänzer und Choreograf Zoltán Vakulya.

Das in Brüssel ansässige Duo arbeitet seit 2016 zusammen an Bühnenproduktionen, gehört zu den aufstrebenden Stimmen in der zeitgenössischen Tanzwelt und hat auch bereits in Wiesbaden/Darmstadt gastiert. Ihre Körpersprache ist sehr energiegeladen, mit klassischem Ballett hat sie wenig zu tun. Manchmal explodieren die zwischenmenschlichen Begegnungen der Tänzer regelrecht, manchmal sind sie regelrecht akrobatisch, manchmal aber auch ganz meditativ. Das unterstreicht die hypnotische Musik von John Luther Adams. Wo kommt die überhaupt her? Nach einiger Zeit sieht man hinter einem transparenten Vorhang das groß besetzte Orchester auf der Bühne. Ungewöhnlich für ein Ballett, dessen Musik, wenn es nicht gerade die Klassiker sind, heute meist aus der Konserve kommt. Ein starkes Bild: Im Halbdunkel leuchten nur die Notenpulte, es sieht aus wie ein riesiger gesunkener Ozeandampfer, dessen Lichter noch glimmen. Manchmal zeigt das Lichtdesign auch die Schatten der Instrumente, die wie eine ferne Skyline wirken. Starke Bilder, die eine undefinierbare Sehnsucht nach dem Abtauchen in Meerestiefen wecken. Tolle Musik, toller Tanz – eine Theaterstunde, die sich lohnt. Zusätzlich gibt es im Foyer des Kleinen Hauses noch eine wissenschaftliche Ausstellung zum Thema Wasser, Verschmutzung, Benutzung, Knappheit – auch dies eine Premiere. Musik und Tanz spiegeln Bedrohung und Klimakrise, Schönheit und Zirkularität des Lebens wieder.
Text von Anja Baumgart-Pietsch
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